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Antonio Rocco
Der Schüler
Alkibiades

Ein philosophisch-erotischer Dialog

Zweisprachige Ausgabe
Übersetzt und mit einem Dossier
herausgegeben von Wolfram Setz

Bibliothek rosa Winkel Bd. 26
256 Seiten mit Abbildungen, gebunden,
€ (D) 14,00
ISBN 3935596226x

Leseprobe

Pressestimmen



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Eines der berühmtesten Erotika des 17. Jahrhunderts in neuer, erstmals originalgetreuer Übersetzung: Philotimos, der Lehrer, und Alkibiades, der Schüler, führen einen Dialog über die "sokratische Liebe", niedergeschrieben von einem streitbaren Aristoteliker und Libertin: Antonio Rocco. Für den großen Johann Joachim Winckelmann war es ein "abgeschmacktes Buch", für Karl Heinrich Ulrichs eine Fundgrube wissenschaftlicher Information, für Roger Peyrefitte das prägende Muster für ein päderastisch-pädagogisches Verhältnis.

Das "klassische, die Homosexualität verteidigende Werk" (Paul Englisch) erschien zunächst anonym, wurde lange Zeit Ferrante Pallavicino zugeschrieben, stammt aber aus der Feder von Antonio Rocco. Als Mitglied der "Accademia degli Incogniti" (Akademie der Unbekannten) dozierte er öffentlich über "Liebe als reines Interesse", im "Alkibiades" lieferte er dazu einen ironischen Kommentar: In der Form eines sokratischen Dialogs führt er die Lehre von der Liebe als Liebe zur Schönheit auf ihre Realität zurück, stellt er die in Platons "Gastmahl" enthaltene Erzählung des Alkibiades über seinen Versuch, Sokrates zu verführen, gleichsam vom Kopf auf die Füße.

Antonio Rocco, geboren 1586 in Scurzola in den Abruzzen, gestorben 1653 in Venedig. Von der Ausbildung her war er Theologe (wohl sogar Kleriker) und Philosoph, studierte in Rom, Perugia und vor allem in Padua. Dort war der ›Aristoteles seiner Zeit‹, Cesare Cremonini, sein Lehrer. Wie er wurde auch Antonio Rocco zum Aristoteliker. In der geistigen Auseinandersetzung des 17. Jahrhunderts war es nicht unwichtig, welcher philosophischen Schule man sich zugehörig fühlte. Rocco war ein sehr erfolgreicher Lehrer. Nach seiner Ausbildung ging er nach Venedig, lehrte zunächst privat, dann im Konvent der Benediktiner von San Giorgio Maggiore, und 1636 wurde er von der Serenissima zum öffentlichen Lehrer für Rhetorik und Moralphilosophie bestellt.
Antonio Rocco hat sich mit Fragen der Textüberlieferung ebenso auseinandergesetzt wie mit grundlegenden theologischen Fragen und sich auch nicht gescheut, sich an aktuellen Diskussionen, z. B. mit Galileo Galilei, zu beteiligen. Zu alledem liegt mit dem Alcibiade das Satyrstück vor. Auch hier meldet sich der Aristoteliker zu Wort, der ohne Respekt einen sozusagen ›heiligen‹ Text der Platoniker aufruft (Platons Gastmahl) und neu mit Leben füllt. Ein zentraler Text des Neuplatonismus der Renaissance war Marsilio Ficinos Kommentar zu Platons Gastmahl. Für ihn wie für viele andere war Sokrates' Liebe zu den Jünglingen nur die geistige Liebe zum Schönen. Sokrates ersteht im Alcibiade neu in der Gestalt des Philotimos, des - so der sprechende Name - auf seine Ehre bedachten Lehrers. Auch er liebt die Schönheit, die ihm im jungen Alkibiades in höchster Steigerung entgegentritt. Doch die Liebe zur Schönheit ist für ihn weder Selbstzweck noch Ziel; seine Grundüberzeugung: Liebe sucht Erfüllung.
Dieser Titel kann bei Libreka Volltextsuche teilweise eingesehen werden.


Pressestimmen

Im Sieg des Lehrers über die Argumente des Schülers kulminiert der Text nicht nur im lange vorbereiteten Sexualakt, sondern feiert auch einen lustbetonten Liebesbegriff.
RJ Poole in Amazon.de

Der Schüler Alkibiades ist keine seichte Lektüre. Doch nach kurzem Einlesen wird man in eine wunderbare Welt entführt. Ein schönes kleines Buch für den Flug auf dem Weg in den Sommerurlaub.
Männer aktuell 7/2002

Das klassische Werk schwuler Erotika gibt es nun in einer neu übersetzten, zweisprachigen Ausgabe mit einem sehr lesenswerten Nachwort des Herausgebers Wolfram Setz.
Axel Schock in Hinnerk 9/2002

Selten wohl ist ein junger Mann tiefgeistiger und philosophischer zum Beischlaf überredet worden als in diesem Dialog. ... Das Buch ist in verschiedener Hinsicht eine spannende Lektüre: einerseits ein ergötzliches Stück Literatur, welches in der für uns heute skurrilen Form eines klassischen Dialogs die Überredung des Alkibiades zum Beischlaf beschreibt, andererseits ein bemerkenswertes historisches Dokument ...: Die Neuausgabe dieses Werkes ... ist ein großer Gewinn.
Jörg Enderlein in Gigi 9/10 2002


Alkibiades war gerade in dem Alter, in dem die einfallsreiche Natur, anmutig scherzend, durch das göttliche Aussehen der Knaben das weibliche Geschlecht in den Wundern der Liebe beschämt. Von solch mädchenhafter Schönheit muß wohl auch Ganymed gewesen sein, als er es vermochte, Jupiter vom Himmel auf die Erde zu locken, damit dieser ihn von der Erde zum Himmel entführe. Diese Lebensphase vereint Menschliches und Göttliches; sie ist eine Schatzkammer mit unerschöpflichen Reichtümern, in dem jeder das findet, was er beim Liebesgenuß am meisten begehrt. Sie bildet ein Ziel für die Liebe in zweierlei Gestalt: Es streben zu ihm im Wettstreit voll Sehnsucht die Mädchen, und es neigen ihm zu in ehrfurchtsvoller Anbetung die gelehrtesten und weisesten Männer.

So war, wie gesagt, Alkibiades, als seine Eltern den fürsorglichen Entschluß faßten, ihn zur Schule zu schicken. Für die ehrenvolle Aufgabe des Lehrers wurde unter vielen Philotimos ausgewählt, der im reifen Mannesalter stand und in Haltung und Benehmen achtunggebietend war. Handeln, Denken und Fühlen standen bei ihm im Einklang, und mit unvergleichlicher Klugheit und Umsicht wußte er alle für sich zu gewinnen. Er verstand sich gut mit seinen Mitmenschen, und an der Art, wie es ihm gelang, seine gründlichen und umfangreichen Kenntnisse anderen in die Brust zu senken, zeigte sich, daß er zu seiner Aufgabe wirklich berufen war. . . .

"Ihr wißt Eure Interessen gut zu vertreten", sagte der Knabe, "aber betrachtet die Sache mal aus meiner Sicht und sagt mir offen und ehrlich, welche Freuden wir Knaben erleben, wenn wir Euren Wünschen nachgeben? Glaubt mir, ich kann nichts anderes erkennen, als daß wir in entwürdigender Stellung Eurer Lust ausgesetzt sind und Euren Angriff erdulden müssen, daß wir geopfert, hingeschlachtet, zerstoßen und in Stücke zerrissen werden. Wenn Ihr nur dann Lust empfindet, wenn wir leiden, versündigt Ihr Euch an dem Grundsatz und Naturgesetz, daß man anderen keinen Schaden zufügen darf, vor allem nicht unschuldigen Kindern. Andere, die aus Erfahrung wissen, worauf sie sich einlassen, sind selbst schuld und können sich nicht beklagen, wenn sie wissen, was sie wollen und nur nicht Nein sagen können, denn da gilt der Grundsatz: Volenti non fit injuria (›Wer bereitwillig mitmacht, dem geschieht kein Unrecht.‹)."

"Was diesen wichtigen Punkt bei dem Vergnügen angeht, mein Herzchen", sagte der Lehrer, "will ich dir mit Tatsachen antworten, die mehr aussagen als bloße Worte, so wie der feste, lebendige Körper mehr ist als sein bloßer Schatten. Ich glaube nicht - und du wirst mir, mein Sohn, verzeihen, daß ich so offen mit dir rede -, daß du diese Erfahrung noch nicht gemacht hast. Bei deiner großen Anmut wird es dir auch bisher schon nicht an Liebhabern gefehlt haben, die um deine Gunst buhlten. Du wirst doch nicht behaupten wollen, und es ist auch gar nicht vorstellbar, daß deine so köstliche Blume auf Ablehnung gestoßen sei. Fleißige, eilfertige Bienen werden schon ihren Honig geholt haben, deine unvergleichliche Anmut wird auch bisher schon nicht ohne Wirkung und ohne Nutzen gewesen sein. Schon kleine Kinder, die noch in der Wiege liegen oder von der Amme auf dem Arm getragen werden, verlocken durch ihr liebliches Aussehen begierige Liebhaber zu Küssen und lasziven Scherzen. Ihre zerbrechliche Zartheit läßt schon die künftige Festigkeit der Äpfelchen erahnen. Selbst der Windhauch läßt sie nicht in Ruhe, sondern stellt ihnen nach, um sie zu küssen und mit ihnen zu spielen. Wie wird das erst bei einem Knaben in deinem Alter sein, der schon voll erblüht ist?"

"Ich leugne nicht", antwortete Alkibiades, "daß mich schon eine ganze Menge Liebhaber angehimmelt und mir nachgestellt haben, doch die besorgte Hut meiner Eltern hat die Erfüllung ihrer Wünsche vereitelt. Ich habe auch schon gemeinsam mit Gleichaltrigen derartige Freuden erlebt, aber sie haben mir nicht viel bedeutet, und ich habe sie nie mit den Freuden gleichgesetzt, die man wohl mit einem Mann erleben kann. Im Gegenteil, sie schienen mir im Vergleich dazu nur eine bittere statt einer reifen Frucht zu sein. Deshalb bin ich auch fast geneigt, den Versuch zu wagen, und höre Euch deshalb sehr genau zu."

"Dann ans Werk, mein süßer Schatz", sagte der erregte Lehrer, "denn Taten werden dir mehr vermitteln als ernsthafte Diskussionen und Erläuterungen."

"Ich möchte aber nicht", antwortete der Knabe, "daß Ihr, wenn diese Gelegenheit, mich zu überzeugen, einmal vertan ist, in Euren Erläuterungen nachlaßt oder sie gar ganz einstellt. Fahrt deshalb fort und macht Euch um den Rest keine Gedanken."

 
 


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