John Wilmot, Earl of Rochester
Der beschädigte Wüstling
Satiren, Lieder und Briefe
herausgegeben und übersetzt von Christine Wunnicke
ISBN 3 935596 70 7
gebunden, 192 S.,
€ (D) 18,00
Pressestimmen
Leseprobe
zur Herausgeberin
Roger Willemsen
über Rochester (52'')
(Literaturclub 6. September 2005):
Winamp
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Let me entertain you
Der Earl of Rochester (1647 bis 1680) war einer jener Menschen, die sehnsuchtsvolle Phantasien von längst vergangenen Zeiten in uns wecken. Er war gerade 13 Jahre alt, als England 1660 den puritanischen Alptraum beendete und mit Charles II. zur Monarchie zurückkehrte. Da sein Vater den König ins Exil begleitet hatte, nahm Charles den kleinen John unter seine Fittiche, und das bedeutete: Party, bis der Arzt kommt. Nach den elf Jahren der Cromwell-Herrschaft gab es einen enormen Nachholbedarf an den schönen Dingen des Lebens. An dem liederlichsten Königshof, den England je zu finanzieren hatte, entfaltete Rochester sein Talent als charmanter Unhold und unermüdlicher Erzähler, und seine Balladen und Spottverse wurden schnell legendär. Wenn er rezitiert: "Gott segne den König, der gnädig ist, keiner glaubt ihm, was er verspricht, nie sagt er etwas Dämliches und Kluges tut er nicht.", applaudiert selbst der König.
Am besten stellen wir uns Rochester als einen nur selten nüchternen Gentleman vor, der frohgemut sämtliche Karrierechancen über Bord warf, das Theater über alles liebte und sich ständig verkleidete, in einem idyllischen Waldschlösschen seltsame Orgien feierte und Anfang Dreißig an der Syphilis starb. In bester Mantel-und-Degen-Manier entführte er zweimal (!) mit sechsspännigen Kutschen eine reiche Erbin, die ihn dann schließlich heiratete. Er hatte unzählige Affären mit Männern und Frauen und zeichnete sich durch eine hektische Energie und Spontanität aus, die sich durch mögliche Folgen nicht im geringsten beirren lässt. Am Ende seines Lebens erwischte ihn die Kirche dann doch, er bereute dramatisch seine Ausschweifungen und erlangte neuen Ruhm als verlorene Seele, die den Weg zurück gefunden hat.
Seine Gedichte und Briefe spiegeln die Widersprüchlichkeit seines Lebens: Er spottet über Treue und über Treulosigkeit, er feiert und verachtet die körperlichen Genüsse, besingt die Schönheit der Frauen und tritt sie in den Schmutz ("Du liebst ein Weib? Welch Eselei!") und schreibt mit der gleichen Selbstverständlichkeit aus der Sicht einer verliebten jungen Unschuld wie eines frustrierten alten Wüstlings. Die deutschen Leser können mit dieser Werkauswahl einen Mensch und Autoren kennen lernen, der in den angelsächsischen Ländern längst zu den Klassikern gehört.
Christine Wunnicke (Jg. 1966), Herausgeberin und Übersetzerin dieser Textauswahl, ist durch ihren dritten Roman "Die Kunst der Bestimmung" (Kindler 2002) als Kennerin des barocken England ausgewiesen. In ihrer Sprache ist Rochester auch für den deutschen Leser ein unverwechselbares Erlebnis. Die Übersetzung wurde durch den Deutschen Übersetzerfonds e.V. gefördert.
Warum wird dieser Freigeist so wenig zitiert? Für Voltaire- und Goethe-Forscher ist er ein Fußnote. Graham Greene hat 1934 eine Biografie über den Wüstling des englischen Hochbarock vollendet, die erst vierzig Jahre später einen Verleger fand. 2004 spielte Johnny Depp in "The Libertine" den Earl of Rochester, nichtsdestotrotz blieb Wilmot in Deutschland weitgehend unbekannt.
Dank Christine Wunnicke kann sich das ändern. Sie hat Wilmots Verse in ein sehr heutiges, schmiegsames Deutsch übersetzt, dabei den derben Ton und den schnöselhaften Witz ebenso getroffen wie das liederliche Leiern oder die Ziererei. (...) Hier ist ein Dichter zu entdecken. Jeder Liebhaber intelligenter Verse wird sich nach kurzem Blättern fragen, wie ihm dieser Minnesänger des Lasters bisher entgehen konnte. (...) Ganz Aristokrat hat sich Wilmot dem Vergnügen, dem Rausch und der Pose, dem Witz und dem Reiz verschrieben, und kämpft doch gegen deren Flüchtigkeit, als könne und wolle er das Vorübergehende, Endliche des Daseins nicht akzeptieren. Er wird grob, auch brutal, um nichts zu verpassen, keiner falschen Tröstung aufzusitzen - und kann doch nur im Vers den Verfall aufhalten, die Zeit stillstellen, seine Vitalität zurückgewinnen.
Jens Bisky in der Süddeutschen Zeitung vom 30. Mai 2005
... Solche flotten Verse mögen einen kleinen Verlag für Homoerotika bewogen haben, die literarische Kostbarkeit einer zweisprachigen Rochester-Auswahl zu vertreiben, und für diese mutige Tat gebührt ihm Dank. Doch den weiblichen Teil der Schöpfung hat der Dichter weder im Leben noch im Werk je vernachlässigt. ... Die erste deutsche Rochester-Ausgabe wurde von der Übersetzerin Christine Wunnicke kompetent und liebevoll gestaltet. Sie überträgt die Originale witzig und mit gebotener Deftigkeit, trifft den liedhaften Fluss der kürzeren Stücke ebenso geschickt wie den mehr als lockeren Gesprächston und die burlesken Stilfarben der Verssatiren. ... Die Ergänzung der Gedichte durch eine Briefauswahl, ein Vorwort, nützliche Sacherklärungen und eine Bildergalerie der dramatis personae unterstreicht die Leserfreundlichkeit des Unternehmens.
Werner von Koppenfels in FAZ, 9. 7. 2005
Der Band ist eine Entdeckung!
Focus 30/2005
Ich kann Ihnen das wärmstens empfehlen - erstaunlich herausgegeben, übersetzt und eingeleitet von Christine Wunnicke. Hier endlich finden Sie Briefe von ihm, Sie finden Gedichte, die zum Teil sehr schweinisch sind, zum Teil einfach schweinisch, zum Teil verlogen, dann sind sie gar nicht schweinisch. Aber es ist tatsächlich ein wüstes Buch, das zeigt, was der Mensch als Souverän, der Autor als Souverän leisten konnte in der Zeit vor Marquis de Sade. Auch das eine sehr schmale Linie innerhalb der Literatur, wo man sieht, was passiert, wenn Fantasie frei wird und sich überhaupt keinen Einschränkungen mehr unterwirft. Und das tut sie dann meistens, indem sie im Sittlichen sehr kühn agiert. Das tut der hier. Und warum er beschädigt ist als Wüstling, das sollten Sie unbedingt heraus finden. Also herzlich sei es Ihnen empfohlen.
Roger Willemsen in Literaturclub, Schweizer Fernsehen, 6. September 2005
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Das Werk des respektlosen Freigeistes ist auch heute noch eine Lust: Ein Lob der Promiskuität, eine Absage an Heuchler und Moralisten - und eine große Satire auf die Menschheit.
Ralf Dorschel in Hamburger Morgenpost
Die Gedichte sind so frivol, dass man das Gefühl nicht loswird, unsere Gegenwart sei in Wirklichkeit prüde.
Peter Rehberg in Siegessäule 11/2005
Du liebst ein Weib?
Du liebst ein Weib? Welch Eselei!
Passion der abgeschmackten Laffen!
Als ob das Glück gegründet sei
aufs dümmste Ding, das Gott geschaffen!
Der schmutz'gen Knechte Zeitvertreib
sei solche Fron; ein paar Momente
in Aurelias Unterleib
versorgen sie mit guter Rente.
Adieu, Weib! Fortan sei mein Sitz
stets bei meinem lieben frechen
Freunde, und wir zeugen Witz,
während wir die Nacht durchzechen.
Gebt mir Gesundheit, Freude, Wein,
und um Gott Amor zu beschwören,
ruf ich den Pagen, süß und fein,
der's besser kann als vierzig Gören.
Als er sein Weinglas leert
Mach einen Becher mir, Vulkan,
wie Nestors, fein graviert,
all deine Künste wende an,
mit Gold sei er verziert.
So groß soll dieser Becher sein,
fast wie der Ozean,
der Trinkspruch schwimmt in süßem Wein
gleich einem schönen Kahn.
Und schmücke ihn mit Schlachten nicht,
ich brauche keinen Krieg,
denn nie bestürmte ich Maastricht,
bin nicht die Yarmouth League.
Auch Sterne sind nicht essenziell,
Tierkreis, Planetenstand,
denn ich bin nicht Sir Sidrophel
und nicht mit ihm verwandt.
Der Schmuck soll dichtes Weinlaub sein,
zwei süße Knaben auch,
umschlungen fest mit Arm und Bein,
wie's bei der Liebe Brauch.
Amor und Bacchus ehre ich,
die Liebe, das Bankett,
Wein tröstet über Sorgen mich,
dann auf ins nächste Bett.
Satire gegen die Vernunft und den Menschen
Könnt ich (der ich, mir war's nicht freigestellt,
in Menschenform, missraten, kam zur Welt)
als Geisteswesen frei für mich entscheiden,
welch Fleischeshülle sollte mich bekleiden:
Hund, Affe, Bär, das könnte ich gut leiden,
und alles sonst, nur nicht dies eitle Vieh,
so stolz auf die Vernunft und das Genie.
Fünf grobe Sinne hat es und als nächsten
erfindet es zum Widerspruch den sechsten,
stellt die Vernunft hoch über den Instinkt,
was Trefferquoten eins zu fünfzig bringt;
als Irrlicht führt sie auf die falsche Spur,
verdunkelt Sinn, verdunkelt die Natur,
schwärmt ohne Pfad durch heikles Sumpfgelände,
voll Dornen, Schlick des Irrtums ohne Ende;
mit Qual erklimmt ihr Jünger dann den Firn
des Grillenbergs in seinem eignen Hirn.
Durch Geistesblitze taumelt er voran,
fällt in den großen Zweifels-Ozean,
noch retten Bücher, er verwendet sie
als einen Schwimmring aus Philosophie,
noch hascht er nach dem Licht, das längst versinkt,
halb blind, ist er von Nebeln schon umringt,
dann kommt die Nacht, in der er fast ertrinkt,
dann Alter und Erfahrung, Hand in Hand,
der Tod ist nah, und jetzt hat er erkannt,
nach langer Suche, schmerzhaft, unfruchtbar,
dass er sein Leben lang im Irrtum war.
Und die Vernunftmaschine liegt im Dreck,
einstmals so stolz, so klug, so aufgeweckt.
Ein Bauernfänger ist die Eitelkeit,
ins Elend führt sie ihn mit Sicherheit,
der Scharfsinn ruinierte den Genuss,
da er ja alles stets durchschauen muss.
Verstand war Vorwand, nichtig und frivol,
er freut nur andre und tut ihm nicht wohl.
Wie eine Hure ist ein Mann von Geist,
die man vernascht, dann auf die Straße schmeißt.
Nach dem Genuss bleibt Zweifel stets zurück,
der ihn bedroht: Schmerz folgt auf jedes Glück.
Ein Weib, ein Mann von Witz sind sehr gefährlich:
Der Narr bewundert sie und schaut begehrlich,
Genuss verlockt, und wenn er knapp entwischt,
war es sein Glück, denn Liebe war es nicht -
und was ihn ängstigt, hasst ein solcher Wicht.
Hochwürden mit dem Beffchen und dem Barte
nimmt mich ins Kreuzverhör. Nur zu! Ich warte.
"Mir sehr genehm, so es gestattet sei,
ist jede Schelte dieser Klingelei
voll Spott und Trick, die man den Witz getauft.
Doch gebt gut Acht, dass Ihr Euch nicht verlauft
in falschem Nachdruck. Meine Muse passt
für dieses Thema besser, denn sie fasst
es pfiffig an: Der Witz ist ihr verhasst!
Gern peitscht' ich ihn mit schneidendem Traktat,
doch Euer unverschämtes Referat
zwang meine Tinte nun zu andrer Tat:
An welch verquerer Wut seid Ihr erkrankt,
dass gegen Menschheit und Vernunft Ihr zankt?
Oh Mensch, so glorreich und gebenedeit,
der Seele gab Gott die Unsterblichkeit,
und mit solch großer Sorgfalt schuf er ihn,
dass als Sein Ebenbild der Mensch erschien.
Die Robe der Vernunft ward seine Zier,
erhob ihn würdig über jedes Tier -
Vernunft! dank deiner darf es uns gelingen,
uns über die Materie aufzuschwingen,
zu tauchen nach Mysterien, zu durchdringen
die Flammengrenzen, die die Welt umringen,
dem Himmel und der Hölle nachzuspüren,
um Hoffnung, Angst der Irdischen zu schüren."
Still, großer Mann! Das weiß ich sowieso,
voll Pathos schildert es schon Ingelo,
in Patricks Pilger steht's, auch Sibbes es dachte,
genau dies ist Vernunft, die ich verachte:
Die Himmelsgabe, die die Mücke weiht
zum Ebenbilde der Unendlichkeit,
dass sie, indem ihr kurzes Leben weicht,
sich mit dem Ew'gem, ew'ger Gunst vergleicht.
Geschäftig wühlt Vernunft den Zweifel auf,
schafft erst Mysterien, dann kommt sie drauf,
und Narren, denkend und verbissen, lädt
sie in das Tollhaus Universität,
auf dessen Flügeln jeder schlichte Mann
zum Rand des Universums jagen kann.
Solch Zaubersalbe schmiert den Hexenbesen,
lehrt Krüppel fliegen, Leichen, die verwesen -
die hehre Macht Vernunft, sie ist geweiht
dem groben Unsinn, der Unmöglichkeit,
so dass ein wunderlicher Philosoph
statt in der Welt, in einem Fass hielt Hof:
Moderne Tölpel oft im Kloster ruhn
und denken, denn sie haben nichts zu tun.
Für Taten sind Gedanken unerlässlich,
wo Taten enden, sind Gedanken hässlich.
Das Lebensglück Ziel aller Taten sei
und alles andere ist Eselei.
Verlogene Vernunft beschimpfe ich -
mein ist die wahre und sie leitet mich.
Vernunft ist, was nur auf die Sinne schwört
und uns, was gut und schlecht, durch diese lehrt.
Den Willen heißt sie zur Begierde treten,
um sie zu kräftigen, nicht sie zu töten.
Eure Vernunft vereitelt, meine nicht -
sie dient Gelüsten, Eure lehrt Verzicht.
Eure Vernunft ist auf Verrat versessen,
ich habe Hunger, meine heißt mich essen.
Pervers ist Eure, wenn's um Wünsche geht:
Ihr ruft nach Nahrung und sie fragt: "wie spät?"
Dies, Sir, sind Gegensätze: Ich beteure,
ich hass nicht die Vernunft, ich hasse Eure!
So viel zu diesem. Nun zum Menschen: Hier
kann ich nichts widerrufen. Schützt ihn Ihr!
Bei allem Stolz, aller Philosophie,
ist offenbar, dass doch ein jedes Vieh
in Klugheit gleich, in Güte mehr gedieh.
Dem weisen Tier zur Ehre es gereicht,
dass es auf sichrem Weg sein Ziel erreicht.
Gewiss jagt Jauler Hasen mit mehr Witz
als Meres den steten Kommissionsvorsitz.
Staatsmann ist Meres und Jauler nur ein Hund,
doch in Verständigkeit der bessre Fund
Ihr seht, wie weit der Geist des Menschen reicht;
prüft nun, ob sein Charakter uns erweicht:
Wessen Prinzip ist mehr von Großmut voll,
wessen Moral man eher trauen soll -
Ihr richtet selbst. Ich stell nur Fragen hier:
Wer ist erbärmlicher, Mensch oder Tier?
Vogel frisst Vogel, Tier fällt Tier zur Beute,
doch nur ein Mensch betrügt die andern Leute.
Die Tiere töten aus Notwendigkeit,
ein Mensch vernichtet Menschen allezeit
ganz ohne Zweck. Natur gab Zahn und Krallen
dem Tier, um seine Nahrung anzufallen,
der Mensch nützt Lächeln, Freundschaft, Lob, Umarmung,
verrät den anderen durch solch Umgarnung,
mit größten Mühen er ihm Böses tut,
aus Not nicht, sondern nur aus Übermut.
Dem Trieb, dem Hunger jedes Tier gehorcht,
der Mensch bewaffnet sich vor lauter Furcht.
Er waffnet Furcht und er hat Furcht vor Waffen,
die Furcht hat neue Furcht ihm gleich geschaffen,
gemeine Furcht ist Quelle allen Strebens,
von Ruhm und Ehre, Dünkel seines Lebens,
von Machtgier, der er sich so sehr versklavt,
dass sie allein ihm Tapferkeit verschafft;
auf ihr beruht sein Planen, liebenswert,
gutherzig, freundlich macht sie ihn, gelehrt
und weise gibt er sich nur ihretwegen,
und muss groteske Maskeraden pflegen,
auf dass sein Leben schal und öde sei
in mühevoll gemeiner Heuchelei.
Schaut hin auf des Gebäudes Fundament
von Macht und Ruhm und Weisheit und erkennt,
wenn Menschen Gutes tun und Schlimmes tragen,
es sind stets Angst und Furcht, die sie zernagen.
Der sucht nur Schutz, der nach Berühmtheit jagte -
ein jeder wär ein Feigling, wenn er's wagte.
Wer schlau ist, lässt mit Anstand sich nicht ein:
Aus Selbstschutz muss der Mensch ein Schurke sein.
Der Mensch ist falsch; und möchtest du dich lockern,
spielst ehrlich mit den anerkannten Zockern,
ist's dein Ruin.
Und Wahrheit wird den Ruf nicht retten können,
denn Schurke werden dich die Schurken nennen,
gehasst, verachtet wird in dem Verein
der, der es wagt, kein rechter Lump zu sein.
Nach solchem die Natur des Menschen ruft:
Feig sind die meisten, Sir, jeder ein Schuft.
Der Unterschied, so scheint's mir in der Tat,
liegt in der Sache nicht, er liegt im Grad:
Am Ende wird man höchstens handelseins,
welch Schurken nun gebührt die Nummer eins.
So hab ich's also wütend dargestellt
dem heuchlerischen Teil der stolzen Welt,
der aufgebläht, mit Eitelkeit geziert,
Freiheit und Glaube unwahr kolportiert
und andre Sklaven so tyrannisiert.
Wär ein Gerechter nur bei Hof versteckt
(bei Hof! gerecht! Ich hab ihn nicht entdeckt),
der Schmeichelei, die alte Disziplin,
zur Protektion benützt, nicht zum Ruin
(denn Schmeicheln ist der angebrachte Ton,
die Steuer jener tristen Profession) -
Wenn Ihr nur einen einzigen Staatsmann findet,
dessen Verstand Begierden unterbindet,
der Kunst und Politik dafür verwandt,
nicht seinen Stamm zu fördern, doch sein Land,
der nicht, nachdem er selbst stolz Nein gesagt,
die Freunde nach Bestechungsgeldern fragt -
Gibt's Priester, die vielleicht dem Herrgott dienen
mit einem Leben, passend zu Doktrinen?
Nicht einer, von Prälatenstolz geschwellt,
der Sünder strafend auslacht, wenn's gefällt,
bei dem die Predigt Neid und Vorwand heißt,
der unverschämt rhetorisch um sich beißt
bei Königen und jedem Mann von Geist;
auch keiner, dessen Kunst gegründet sei
auf Hochmut, Trägheit, Gier und Völlerei,
der Reichtum jagt und auf die Tugend pfeift,
und dessen Wollust derart um sich greift,
dass er die eigne Frau so oft betrogen,
dass, zwanzig Jahre sind noch kaum verflogen,
er von der Kanzel blickt mit hohem Mut
auf die Gemeinde voll der eignen Brut.
Auch nicht ein Bischof, kindisch und senil,
verehrt als großer Häuptling vom Konzil,
ein Geck mit achtzig, weitaus passionierter
für ernsten Firlefanz, und affektierter
als je mit zwanzig die geputzten Herren,
froh, laut, mit Schmuck behängt und mit Affairen -
Nein, einen Mann von Demut und Verstand,
der Friede predigt, den man maßvoll fand,
der stets sein Leben führt in frommer Klarheit,
so wie er glaubt an wunderbare Wahrheit -
wenn solch ein Mann gottgleich auf Erden wandelt,
sei meine These neu mit ihm verhandelt:
Ich will in Demut tief vor ihm mich neigen
und wie der Pöbel stets Gehorsam zeigen.
Wenn's diesen gibt, erlaubt nur eines mir:
Mensch gleicht Mensch weniger als Mensch dem Tier.
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