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Gary Schmidt

Koeppen - Andersch - Böll

Homosexualität und Faschismus
in der deutschen Nachkriegliteratur

Mit einem Geleitwort
von Rüdiger Lautmann

Kart., 168 Seiten, € (D) 16,00
ISBN 3 928983 88 1

Pressestimmen

Geleitwort von Rüdiger Lautmann

Gary Schmidt im Interview (5 Min 15 Sek)
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portofrei bestellen bei www.gaybooks.de

Die Charakterisierung boshafter Nazifiguren als homosexuell hat sich seit Ende der zwanziger Jahre innerhalb der Linken und des antifaschistischen Exils als Stereotyp eingebürgert. Bis in die Gegenwart werden Homosexualität, Männerbünde und Faschismus miteinander in Verbindung gebracht. Sehr im Gegensatz zu dieser fragwürdigen Unterstellung haben die Nationalsozialisten Homosexualität mit brutalen Mitteln verfolgt, und das von ihnen geprägte negative Bild des Homosexuellen wirkt im Bewusstsein der Nachkriegsgesellschaft fort. So kann es kaum verwundern, dass die Literatur der fünfziger das Thema Homosexualität und homosexuelle Figuren für unterschiedlichsten Arten von Vergangenheitsbewältigung aufgreift.

Gary Schmidt legt hier erstmals eine Bestandsaufnahme zu dieser Thematik vor: Während Böll insbesondere in seiner Erzählung "Der Zug war pünktlich" Homosexualität mit dem Nazi-Staat identifiziert und als Bedrohung der heilen Familie und ‚gesunder' Vater-Sohn-Beziehungen darstellt, benutzt Koeppen Homosexualität gerade dazu, dem Versagen der Familie als Keimzelle des Staates den Außenseiter gegenüberzustellen, der sich nicht auf den Nationalsozialismus eingelassen hat. Alfred Andersch schließlich reproduziert zunächst in seinem Roman "Die Rote" das negative Klischee vom charakterlosen schwulen Verräter und Weichling. In "Winterspelt" thematisiert er erstmals auch Homosexuelle als Opfer des Nationalsozialismus.

Gary Schmidt wurde 1967 in Oak Park, Illinois geboren und studierte Germanistik und Internationale Beziehungen an verschiedenen Universitäten der USA. Er promovierte an der Washington University in St. Louis über "The Nazi Abduction of Ganymede: Representations of Male Homosexuality in Postwar German Literature" (Betreuer: Paul Michael Lützeler). Er lebt in Minneapolis und unterrichtet deutsche Sprache und Literatur an der Universität von Minnesota.

Wir danken dem
Verein Schwulenkultur e.V. (Hamburg)
und der Hannchen-Mehrzweck-Stiftung (Berlin)
für die großzügige Unterstützung.


Gary Schmidts Text ist kenntnisreich und sehr gut lesbar geschrieben. Eine außerordentliche Leistung des Autors: die Lektüre von "Koeppen - Andersch - Böll" macht Lust darauf, seine Ausführungen am Original zu prüfen und die von ihm untersuchten Bücher wieder einmal zu lesen.
Bernhard Fleischer in Nürnberger Schwulenpost. September 2001

Im Gegensatz zu vielen anderen Arbeiten, die sich mit Gender-Thematik und Homosexualität befassen, ist Schmidts Studie nicht theorielastig. Das Buch ist gut geschrieben und sei allen empfohlen, die sich für das Thema interessieren.
Henrik Bispinck in Querelles-Net 8/2002


Die Adenauerzeit, die Nazizeit, das Mittelalter - sie alle gelten als "dunkel". Aber damit machen wir es uns nur bequem. Wir schauen nicht genau hin und verklären die eigene Gegenwart zur schönsten aller Welten. Ungläubig begegnen wir jenen Mediävisten und Greisen, die uns versichern wollen, damals habe es keineswegs nur Unterdrückung, sondern auch ein veritables schwules Leben gegeben und eine Literatur der Männerliebe. Die existieren ja in allen Epochen und unter allen politischen Verhältnissen, wenngleich unter wechselnder Camouflage und in zeittypischen Erscheinungsformen. Die Sozialgeschichte der Gleichgeschlechtlichen wird gerade dadurch so spannend, dass sie sich wie ein Katalog durchblättern lässt, worin die Spielformen zwischen Repression und Vitalität in aller Reichhaltigkeit verzeichnet sind. Gestern hießen diese Leute noch "homosexuell", heute queer, und morgen gehen sie in einem neuen Kleid. Oft muten sie uns sogar ganz fremd an wie in der altgriechischen Jünglingsliebe oder in der melanesischen Jungenkultur.

Gar nicht fremd hingegen müssen uns diejenigen Perioden sein, aus denen die unsere hervorgegangen ist. Wenn die Gegenwart 1969/1971 begonnen hat - immer noch die markante und gültige Zäsur - , dann bildet die Nachkriegszeit den direkten Vorläufer. Man sagt "Fünfziger Jahre" und möchte sich schütteln. Muffige Moral, Otto-Normalverbraucher und alte Nazis zeichnen für uns Heutige das Profil einer Zeit, die nach dem Ende des zweiten Weltkriegs beinah ein Vierteljahrhundert angedauert hat. Sie wirkt auf uns wie eine Fortsetzung des zwölfjährigen Verhängnisses, nach dem in Deutschland nichts mehr war und nie wieder werden kann, wozu zwischen 1860 und 1930 so hoffnungsvoll angesetzt worden war. Hat die Nachkriegszeit in Deutschland den Reichtum wieder belebt, der ausgangs der Weimarer Zeit die Homosexuellenkultur ausmachte - die lebendigste der ganzen Welt, das Mekka anglo-amerikanischer Intellektueller, die Hoffnung der Sexualreformbe-wegungen? In der Tat, da ist fast nichts - nur wenige, im Privaten bleibende Kleinorganisationen und einige erfolglose Anläufe. Erst ab Mitte der 1960er fanden Aufrufe zur Entkriminalisierung breitere Unterstützung. Immerhin hat es an Versuchen zur Bewegung nicht gemangelt. Woran nur sind sie alle erstickt?

Ich bin in der Zeit aufgewachsen, kam Mitte der fünfziger Jahre ins Studium. Im Abitur versagte ich vor Tonio Kröger, vielleicht gerade wegen der schwulen Anklänge darin. In unserer Nachbar-schaft wohnte ein wahrer Star für Herrenmode - aber weil er "deswegen" im Gefängnis gesessen hatte, schauderte uns vor ihm. Dass mein eigenes Anderssein etwas mit jener abscheulichen Homosexualität zu tun haben könnte, das ahnte ich zwar, hielt es aber weit von mir entfernt. Brav habe ich das Heterosexuellsein geübt - bis ich es schaffte, den Rubikon zum Schwulsein zu überqueren. Es befreite mich vom Angepasstsein, von mentalen Fesseln und hin zu einem neuem Berufsfeld. Die Fünfziger sind noch in mir - in meiner Arbeitsmoral und Sparsamkeit, als Euphorie über die Chancen soziosexuellen Wandels, aber auch als wehmütige Reminiszenz an eine Zeit, in der die Welt scheinbar noch in Ordnung war. Diese Ordnung hat indessen nicht mehr als eine Atempause in der historischen Entwicklung bedeutet, eine Brücke von der knapp überlebten Katastrophe zum allmählichen Wiedereintritt in die Weltpolitik. Hinter den sauberen Leinwänden unserer fünfziger Jahre wartete nicht nur Die Sünderin, sondern auch Anders als du und ich. Sowohl die politische Modernisierung als auch die Emanzipation des Homosexuellen vollzog sich aufhaltsam, aber unablässig. Die Belletristik bezeichnet eines der Felder, auf dem das Neue mit dem Alten focht.

Es macht schon staunen, wenn ich mich heute in Begleitung eines jungen Amerikaners auf eine Lesereise in die Adenauer-Jahre begebe, meiner Lektüre jener Jahre nachspüre und dabei wirklich Überraschungen erlebe. Immerhin behandelt er ja drei Autoren, die mit dem Nazi-Reich gebrochen haben, doch mir damals im Drama der Selbstfindung nicht weiterzuhelfen vermochten. Der zum Schwulen heranreifende junge Mann konnte hier zwar das Spektrum der Entwertungen ausmessen: vom homosexuellen Nazi (in Der Zug war pünktlich von Böll) bis zum homosexuellen Demokraten (in Der Tod in Rom von Koeppen). Den Mut, sich selber als Schwulen anzunehmen, musste er anderswo schöpfen - aus den Wechselbädern der Liebe, der Freundschaften und des Sexes, manchmal auch unter therapeutischen Fittichen. Die Große Literatur, in Deutschland wie in aller Welt, spiegelte noch den Umbruch, den die Sexualkultur durchmaß. All dies macht Gary Schmidt faszinierend sichtbar.

 
 


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