Kurztext
Einundzwanzig wohlbekannte Autoren und Autorinnen, unter ihnen die Buchpreis-Finalisten Uwe Timm, Feridun Zaimoglu, Judith Kuckart und Peter Stamm, machen sich aus heterosexueller Sicht ihre Gedanken über die Schwulen von nebenan. Bei diesem Thema hat die deutsche Gegenwartsliteratur durchaus Nachholbedarf
Selbst aufgeklärte Menschen geraten da mitunter ins Schleudern. ... Es sind die leichten, komischen Geschichten, die vielleicht am meisten darüber verraten, wie tief die Klischees und Vorurteile im gesellschaftlichen Bewusstsein stecken. Denn mal ehrlich, wenn wir uns vorstellen, wie Schwule zusammen leben, machen wir uns da nicht alle die tollsten Gedanken? (Heide Soltau, WDR 3)
Langtext: Teilnehmende Beobachtung
"Ein Roman über New Orleans ohne Schwule, das wäre wie ein Buch über Alaska ohne Schnee." (Tony Fennelly, amerikanische Krimi-Autorin, auf die Frage, warum in ihren Büchern stets auch Schwule vorkommen)
Was Tony Fennelly hier so gelassen ausspricht, ist keineswegs selbstverständlich. Schwule und Lesben befinden sich, anders als der "Schnee in Alaska", nach wie vor in einem "Kulturkonflikt" mit ihrer "heterosexuell geprägten" Umgebung. Wie aber nimmt ihre Umgebung diesen Konflikt wahr, mit welchen Augen blicken auch ganz alltägliche Figuren der deutschen Gegenwartsliteratur auf ihre "schwulen Nachbarn"? Aus Anlass unseres 15. Verlagsgeburtstags haben wir zahlreiche Autorinnen und Autoren mit dieser Frage konfrontiert - die Antworten fielen ziemlich unterschiedlich aus. Während sich einige der Angesprochenen pauschal als "nicht zuständig" bezeichneten, andere sich, wohlbegründet, nicht aus anderen Arbeitszusammenhängen herausreißen lassen wollten, sagten immerhin zwanzig spontan zu.
Die in unserer Anthologie versammelten Erzählungen führen uns ins Frankfurter Gallusviertel, in eine Buchhandlung auf der Berliner Hasenheide und die skurrile Welt, in der die Heterosexuellen plötzlich in der Minderheit sind und sich mit ihren Frauen nur noch heimlich treffen dürfen. Eine Frau in der ostdeutschen Provinz wird damit konfrontiert, dass ihre Jugendfreundin früher einmal richtig verliebt in sie war und reagiert darauf so kalt, das es den Leser fröstelt. Judith Kuckart und Bodo Kirchhoff führen uns in die Welt der Kindheitserinnerung zurück: Bei Kuckart wird ein kleiner Junge beim Spielen von ein paar Halbstarken als Mädchen verhöhnt. Seine Spielkameradin spürt die Bedrohlichkeit der Situation und rettet ihn auf imponierende Weise. Kirchhoff erzählt auf beklemmende Weise von einer Begegnung im Internat. Niemand wird genau erfahren, was zwischen dem Kantor und dem Jungen dort passiert ist, aber es verfolgt den Jungen sein Leben lang.
Mit Beiträgen von Matthias Altenburg, Dorothea Dieckmann, Ursula Fricker, Barbara Frischmuth, Doris Gercke, Gunter Gerlach, Kerstin Hensel, Bodo Kirchhoff, Judith Kuckart, Sabine Peters, Hermann Peter Piwitt, Alexander Posch, Ingo Schulze, Peter Stamm, Uwe Timm, Tina Uebel, Regula Venske, Michael Weins, Ulrich Woelk, Christine Wunnicke, Feridun Zaimoglu.
... eine Anthologie, die nicht nur mit mancher literarischen Perle aufwartet, sondern auch kultursoziologisch tief blicken lässt. Wie nehmen Schriftsteller von heute Schwule wahr, was erfreut oder befremdet sie an ihnen, gibt es noch schwule Stereotypen und wenn ja, welche? Hierauf vermag das Buch differenziert Antwort zu geben.
Tilman Krause in Die Welt
Als typisch kann Alexander Poschs Protagonist gelten, der sich plötzlich der eigenen sexuellen Identität vergewissern muss, als er die schwulen Nachbarn auf der Straße trifft.
Wera Reusch in Deutschlandfunk Büchermarkt
Eine oft erfrischend selbstironische Beschäftigung mit Klischees und Vorurteilen, für die, wie bei Wunnicke, der "schwule Nachbar" auch mal wörtlich genommen und beim neugierigen Spionieren im Nachbarhaus verblüfft die Lesebrille registriert wird: "Mein Gott, sie lesen ..."
Maike Schiller in Hamburger Abendblatt
Die Anthologie enthält berührende, anregende, komische und nachdenkliche Texte, die zeigen, wie schwer sich die ‚normale Mehrheit' oft noch tut, wenn sie mit Schwulen hautnah konfrontiert ist. Selbst aufgeklärte Menschen geraten da mitunter ins Schleudern. ... Es sind die leichten, komischen Geschichten, die vielleicht am meisten darüber verraten, wie tief die Klischees und Vorurteile im gesellschaftlichen Bewusstsein stecken. Denn mal ehrlich, wenn wir uns vorstellen, wie Schwule zusammen leben, machen wir uns da nicht alle die tollsten Gedanken? Davon erzählt Ulrich Woelk und von der Entdeckung am Ende, dass auf dem Nachtisch der schwulen Nachbarn auch nur Bücher liegen und Lesebrillen.
Heide Soltau in WDR 3
Jede dddieser Geschichten ist für sich so spannend und einzigartig, dass man das Buch gar nicht aus der Hand legen möchte.
Eckard Weber in Siegessäule
Üblicherweise starrt ja das Kaninchen auf die Schlange, die es verzehren will; gebannt und reglos sitzt es da, aufs Äußerste darum bemüht, nicht aufzufallen. Üblicherweise sind unterlegene Minderheiten damit beschäftigt, der überlegenen Mehrheit aufs Maul zu schauen, und keine falschen Bewegungen zu machen. ... Doch was die Mehrheit - oder zumindest jene, die sie schreibend vertreten - denkt, bleibt weithin unbekannt. ... Was weiß das Kaninchen, was die Schlange denkt? Was weiß die Schlange über das Kaninchen, was weiß die Mehrheit über ihre Minderheiten, was weiß der Hetero über den Schwulen? ... Detlef Grumbach kommt das Verdienst zu, der dösenden Schlange als Erster das Wort erteilt zu haben. ... Jeder der Beiträge lohnt die Lektüre.
Alain Claude Sulzer in Baseler Zeitung
Könner sind am Werk, die neue Zugänge finden und fesselnd erzählen. Enthalten sind Perlen wieder Dialog zweier junger Türken, notiert von Feridun Zaimoglu: Die beiden unterhalten sich über Schwule und werden sich dabei ihrer homoerotischen Anteile bewusst. Doch die halten sie sich mit Abwehrsprüchen wie "Halt's Maul!" vom Leib.
Andreas Hergeth in Du&Ich
Es sind Momentaufnahmen, Rundumschläge und höchst vergnügliche Seitenhiebe, die bei den "Schwulen Nachbarn" zusammenkamen.
Ralf Dorschel in Hamburger Morgenpost
Sie (die Texte) spiegeln die Projektionen und Fantasien, welche die heterosexuellen Autorinnen und Autoren von ihren schwulen Nachbarn haben. So ist erstaunlich oft immer noch von Unglück und Leid, gescheiterten Existenzen und unglücklichen, weil unerfüllten schwulen Lieben zu lesen.
Axel Schock in Hinnerk
Kein Schnee in Alaska?
(Nachwort von Detlef Grumbach)
«Ich fühle mich nicht zuständig!»
«Schwule Nachbarn» – ein Verlag bittet Autorinnen und Autoren darum, sich an einer Anthologie mit Geschichten zu beteiligen, in denen von außen ein Blick auf das schwule Leben geworfen wird. Es soll um die Begegnung mit dem Schwulen aus «heterosexueller Perspektive» gehen: um literarische Zugriffe auf einen oft ausgesparten Bereich der gesellschaftlichen Wirklichkeit! Die Einladung zur Teilnahme an dieser Anthologie war entsprechend offen formuliert: «... wünschen wir uns Geschichten, in denen es – wie auch immer – um eine sprachliche und emotionale Begegnung mit schwulem Leben, einem schwulen Menschen, einer schwulen Figur geht – allein der inneren Wahrheit des Textes verpflichtet.» Und der Anlass war eher banal, ein schlichter, empirischer Befund: Schwule kommen als Figuren in der Literatur nicht vor, sofern diese Literatur nicht von Schwulen selbst geschrieben wird. Zumindest selten, nur in Ausnahmen.
«Keine Idee. Ich kann nicht», so begründet einer der angeschriebenen Autoren, der hier nicht vertreten ist, kurz und knapp seine Absage. Ein anderer nimmt den Titel über die Maßen wörtlich: Er könne «nicht mitmachen, weil mir kein schwuler Nachbar erinnerlich ist». – «Ich fühle mich nicht zuständig», so schreibt ein weiterer und repräsentiert mit dieser Aussage keine Minderheit. Aber sind «schwule Nachbarn», jene, denen man im Wohnblock gegenüber beim Wäscheaufhängen zuschauen kann oder, den Begriff des «Nachbarn» etwas weiter gefasst, der Bürgermeister, der Talkmaster oder Komödiant, der Lehrer, der Mitschüler oder der Bademeister, der Buchhändler, der Friseur oder der Sparkassenfilialleiter, sind schwule Figuren, denen man im wirklichen Leben täglich begegnet, in der Literatur eine Frage der Zuständigkeit? Ist der Begriff der «Zuständigkeit» überhaupt tauglich, wenn es um eine literarische Fragestellung geht? Wer sich mit literarischen Mitteln auf die Wirklichkeit einlässt und von vornherein bestimmte Möglichkeiten ausschließt, muss sich die Frage gefallen lassen, ob er nicht das betreibt, was gelegentlich abschätzig «Bindestrich-Literatur» tituliert wird – in diesem Fall «Heterosexuellen-Literatur». Unserem Literaturverständnis entspricht das nicht.
Schwule Literatur – heterosexuelle Literatur?
Detlev Meyer, dessen Biographie der Bestürzung in den 1980er Jahren das Feuilleton und die Leser begeisterte, hat auf die Frage nach seinem Selbstverständnis einmal geantwortet, er sei bereit, von «schwuler Literatur» zu sprechen, wenn er in der FAZ oder der Zeit auch davon lesen könne, es sei ein neues Werk der «heterosexuellen Literatur» erschienen. Seine Intervention gegen das, was in der jungen Schwulenbewegung der 1970er Jahre als Ausdruck eines neuen Selbstbewusstseins «schwule Literatur» genannt, was in «schwulen Verlagen» publiziert und in «schwulen Buchläden» an die Leser gebracht wurde, diese Intervention bedeutet nichts anderes, als dass die Zuschreibungen «heterosexuell» oder «schwul» literarisch mittlerweile gleichermaßen unsinnig sind und als überwunden gelten müssen. So wie niemand heute noch von «Arbeiter-Literatur» oder von «Frauen-Literatur» spricht. Theoretisch.
In der Praxis sieht es noch immer etwas anders aus. Wer sich aus der Perspektive schwuler Figuren mit Liebe, Beziehungen, Beruf und Tod beschäftigt, wird sie – ob ausgesprochen oder nicht – stets mit Verhältnissen konfrontieren, die für sie nicht eingerichtet sind, in denen sie sich fremd fühlen. Das macht einen besonderen Reiz aus und ist gleichsam eine Versicherung dagegen, die Figuren nicht in den Käfig eines apologetischen Verhältnisses zur Realität zu sperren, kann aber immer noch auch dazu führen, im Literaturmarkt marginalisiert zu werden.
In mancher Hinsicht erinnert so die Situation der «schwulen Nachbarn» in der Literatur an die der türkischen Nachbarn. Diese kennen wir – in der Literatur – aus den Büchern Emine Sevgi Özdamars, Selim Özdogans, Kerim Pamuks, Feridun Zaimoglus und anderer, aus Romanen und Erzählungen der «Zuständigen», der «Betroffenen». So produktiv auch hier Begegnungen für beide Seiten sein können, sind «Figuren mit Migrationshintergrund» in der «heimischen» Literatur noch selten. Jener Selim, den Sten Nadolny vor gut fünfzehn Jahren zur Hauptfigur seines Romans Selim oder die Gabe der Rede gemacht hat, blieb in der deutschsprachigen Literatur ein «Einzelkind», wie Peter Schneider im Mai 2006 in der Zeit feststellt. Einige Jahre später gestaltete Barbara Frischmuth in ihrem Roman Die Schrift des Freundes die Figur Hikmets, der die Sicherheiten der Wiener Protagonistin Anna kräftig durcheinanderbringt. Beide Romane blieben in dieser Hinsicht Ausnahmen. Sie zeigen aber auf grandiose Weise, was die Konfrontation mit dem Fremden vor der eigenen Haustür leisten kann: Sie verändert die Wahrnehmung auch des bis dahin allzu Vertrauten, auch der Gewissheiten über die eigene Existenz. Mit ethnologischem Blick schauen Figuren, die sich ganz zu Hause fühlten, plötzlich auf die eigenen Lebensumstände und entdecken auf diese Weise neue Möglichkeiten und alte Beschränkungen. «Zwischen der physischen Ankunft und der formalen Einbürgerung einer Migrantengruppe und ihrer Einbürgerung in die Wahrnehmung und Fantasie der Einheimischen», so erklärt Peter Schneider in diesem Zusammenhang die weitgehende «Enthaltsamkeit» der deutschen Literatur, «kann eine unvorstellbar lange Zeit vergehen.»
Allein die Tatsachen aber, dass wir etliche Autorinnen und Autoren gerade deshalb zu dieser Anthologie eingeladen haben, weil wir aus Lektüreerfahrung wussten, dass sie das Thema interessieren würde, dass einige uns bereits veröffentlichte Texte zum Abdruck in diesem Kontext überlassen haben, zeigen jedoch: Das gute halbe Jahrhundert Vorsprung, mit dem die Homosexuellen vor den «Gastarbeitern» die Bühne des öffentlichen Lebens betreten haben, wirkt sich aus. Seitdem die Vorkämpfer der sexuellen Emanzipation Begriffe wie den des «Urnings», des «Homosexuellen» oder ihre Theorien vom «dritten Geschlecht» in die Öffentlichkeit brachten, seit Strafrecht und Psychiatrie die Diskurse über «Sodomie», «Geschlechtswahnsinn» und die «Psychopathia sexualis» bestimmten, ist einiges geschehen.
Eine weitere Hypothek, das Stereotyp des «homosexuellen Nazis», die Charakterisierung von führenden oder besonders grausamen Funktionsträgern des NS-Regimes als homosexuell, ist zwar nach wie vor virulent. Es zieht sich seit Ende der 1920er Jahre wie ein roter Faden durch die antifaschistische Literatur, begegnet uns nach dem Krieg, in der Literatur eines demokratischen Neuanfangs, bei Heinrich Böll, Günter Grass oder Alfred Andersch wieder und erfährt soeben in Jonathan Littells Roman Les Bienveillantes (Die Wohlwollenden) seine Wiederbelebung. Nur Wolfgang Koeppen, über den Uwe Timm für diesen Band einen Essay geschrieben hat, hat in den 1950er Jahren eine Gegenposition bezogen und die «Zwecklosigkeit», die der Homosexualität in der Fortpflanzung innewohnt, ästhetisch-politisch in eine Verweigerungshaltung gegenüber den alten und neuen Nazis, gegenüber den restaurativen Tendenzen in der jungen Bundesrepublik umgemünzt. In den 1970er Jahren tauchen dann in einer neuen Generation antifaschistisch-demokratischer Literatur immer öfter schwule Figuren am Rande auf – sowohl in der DDR als auch in der Bundesrepublik. Sie werden nicht wirklich in ihrem schwulen Leben gezeigt; es reichte den Autoren, sie als Opfer von Verfolgung und Diskriminierung einzuführen.
Schwule in der Literatur
Schwule nehmen die sozialen Verhältnisse, in denen sie leben, in besonderer Weise wahr. Sie sind durch die Erfahrung gegangen, dass diese Verhältnisse nicht für sie eingerichtet sind. Ihr Coming-of-Age ist, anders als das Drama jeder Pubertät, auch ein Coming-out: Das macht sensibel für Verhaltensmuster, Rollenerwartungen und Machtstrukturen. Als Gruppe, die in ihren Beziehungen nur in Ausnahmen mit den Freuden, der Verantwortung und den Belastungen der Kindererziehung konfrontiert ist, die ihr Leben in dieser Hinsicht ein bisschen freier und ichbezogener gestalten kann, können sie aber auch zu Vorreitern einer Single-Generation werden: mit ironischer Distanz zum familiären Beziehungsdschungel und allen emotionalen Beschädigungen, die ihnen die heute so großgeschriebene Flexibilität zufügt. Nehmen wir noch ein paar Klischees wie die der «Kultiviertheit», der «Promiskuität» und der Neid und Angst auslösenden «sexuellen Unersättlichkeit» hinzu, wird offenkundig, was für ein Potenzial an produktiven Reibungsflächen sich eröffnet, wenn «Hetero» seine eigene Erfahrungswelt damit konfrontiert. Zu Männern erzogen, haben Schwule zudem in ihren Beziehungen «unter Männern» die Chance, sich auf einer Ebene zu begegnen, die «frei» ist vom Machtgefälle zwischen den Geschlechtern – mit allen willkommenen und unangenehmen Folgen. Machtverhältnisse und Machtspielchen, auch in der Sexualität, werden umkehrbar. Egal was sie sexuell treiben, es geschieht unter der Prämisse «befreiter» Sexualität, während die Befreiung der Frau zunächst damit einhergeht, heterosexuelle Möglichkeiten einzuschränken oder zumindest «unter Verdacht» zu stellen. «Ich nagel dich in die Matratze, ich fick dich kleiner!» – diesem Satz, den Ralf König einer seiner Figuren in den Mund legt, fehlt – von Mann zu Mann – der Chauvinismus, das Machohafte, das Bedrohliche, das ihm – von Mann zu Frau – beinahe automatisch innewohnen würde. Sexualwissenschaftler wie Gunter Schmidt, aber auch Rezensenten in großen Zeitungen sehen in dieser Differenz den Grund für die Begeisterung, die Ralf König bei heterosexuellen Lesern und vor allem auch Leserinnen auslöst: die Begegnung mit einer von Macht und Ohnmacht befreiten, omnipotenten Sexualität, in der plötzlich «alles» möglich ist.
Für die Darstellung eines «schwulen» Blicks auf die Verhältnisse, eines «schwulen» Verhältnisses zum Leben, sind in erster Linie schwule Autoren selbst «zuständig». Wie interessant solche Darstellungen für Leserinnen und Leser jeglicher sexuellen Orientierung sein können, soll hier an einigen weiteren Beispielen angedeutet werden: Peter Rehberg schreibt in seinem Roman Fag Love über einen Mann in den Dreißigern, gut ausgebildet, aber ohne tiefe Wurzeln, der sich flexibel in einer globalisierten Welt bewegt. Für einen guten Job, für die Chance seines beruflichen Fortkommens geht er überallhin. So stark, dass sie ihn halten könnte, ist keine Bindung. Neue Freunde, «das Leben» – das findet sich überall. Das Buch verkörpert das Lebensgefühl gut situierter Schwuler, die es gelernt haben, ihre Bedürfnisse nach Sex, halbwegs festen Beziehungen und mobiler Lebensgestaltung in aller Ausgewogenheit zu managen. Zugleich trifft er aber auch den Nerv einer Single-Generation, einer «Generation Praktikum», die sich heute mit einer völlig unsicheren beruflichen Lebensplanung, einer beinahe unbegrenzt eingeforderten Flexibilität und deren Folgen für private Lebensentwürfe auseinandersetzen muss – plötzliche «Stimmungsumschwünge» und «Katzenjammer» inbegriffen. Lebenserfahrungen, die für heterosexuelle Leserinnen und Leser relativ neu sind, kennen Schwule, wenn auch aus anderen Gründen, schon lange. So gelingt es einem schwulen Autor, die These sei hier gewagt, sie im Roman genauer einzufangen und radikaler zuzuspitzen. Oder Christopher Isherwood: Wer könnte die Doppelbödigkeit und das Brüchige der bürgerlichen amerikanischen Gesellschaft besser beobachten und beschreiben als der kultivierte ältere Herr, den seine Homosexualität bei aller guten Nachbarschaft zum «normalen Leben» zwangsläufig auf Distanz bringt, dem sie den scharfzüngigen Kommentar des Außenseiters ermöglicht. Isherwoods Roman Der Einzelgänger zeigt den befreienden Charakter, den diese Position bedeuten kann, und den Trost, der daraus erwachsen kann, wenn man nicht ganz dazugehört. Und zuletzt Ola Klingberg: In seinem Roman Der Ring erzählt der schwedische Autor eine Liebesgeschichte zwischen zwei Männern mit so grundverschiedenen Lebensentwürfen, dass eine Beziehung zwischen den beiden, angelegt auf Dauer, basierend auf Verständnis und Vertrauen, eigentlich als unmöglich erscheint. Beide wissen das, aber in einem zauberhaften Ausflug in den Schnittbereich von Liebe und Alltagsnot, großartiger Freundschaft und tief gehendem Streit, beflügelter Fantasie und schnöder Wirklichkeit zeigt der Roman, was geschehen kann, wenn sich zwei Menschen dennoch auf die Liebe einlassen. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass nicht unterschiedliche Geschlechterrollen und -erwartungen von vornherein ein Ungleichgewicht zwischen den beiden schaffen.
Es gibt keine schwule Literatur, aber schwule Autoren sehen vieles anders. Eine vielfältige literarische Produktion von Autoren wie Marcus Brühl, Detlev Meyer (†) oder Joachim Helfer, von Peter Rehberg, Christoph Geiser oder Klaus Berndl, von Michael Sollorz, Walter Foelske oder Hans Pleschinski belegt dies. Vom Ansehen und von Ehrungen wie ihre Kollegen Michael Cunningham (Pulitzer-Preis und Faulkner-Preis für Die Stunden) in den USA oder Alan Hollinghurst (Booker-Preis für Die Schönheitslinie) in Großbritannien können sie zwar nur träumen, was mit Sicherheit auch außerliterarische Gründe hat. Aber irgendwie gehören sie dazu. Sie provozieren, verfremden, bestätigen oder stellen infrage. Sie eröffnen andere Zugänge zur Wirklichkeit, setzen dem Vertrauten andere Möglichkeiten entgegen. Aber ist das Thema, sind die «schwulen Nachbarn» als Figuren damit für die Literatur erledigt? Wo bleibt die Berührung von außen mit dem schwulen Leben, auch die mit dem Bedrohlichen, Unheimlichen, mit dem, was Angst auslöst?
Kein Schnee in Alaska? 22 Texte über prekäre Verhältnisse
«Ein Roman über New Orleans ohne Schwule», so begründet die amerikanische Autorin Tony Fennelly, warum in ihren Romanen schwule Figuren immer eine wichtige Rolle spielen, «das wäre wie ein Buch über Alaska ohne Schnee.» Müsste diese Aussage nicht auch von deutschen Autorinnen und Autoren geteilt werden, müsste sie nicht auch auf die großen Berlin-Romane nach der Wende zutreffen, auf Großstadtromane, deren Handlung in Hamburg, Köln, Frankfurt oder München angesiedelt ist? Seine «Berührungen mit der schwulen Welt sind nahe null», erklärt ein weiterer der zu dieser Anthologie eingeladenen Autoren, ein anderer meint, er sei sich «einfach sicher, dass bei dem, woran ich im nächsten halben Jahr arbeiten will, homosexuelles Leben in keiner Weise vorkommen wird. Tut mir leid». Gerade hatte er einen Roman abgeschlossen, in dem sein Held an zwei verschiedenen Orten, in zwei verschiedenen Restaurants, schwule Paare nur einfach registriert – mehr nicht. Woran er die Schwulen erkennt und warum sie es ihm wert sind, gesondert erwähnt zu werden, bleibt genauso offen wie alles, was diese Wahrnehmung in der konkreten Situation bedeuten kann. Kein Schnee in Alaska!, und weit verbreitete «Normalität» in der deutschen Gegenwartsliteratur. Eine verschenkte Möglichkeit aus der Perspektive dieser Anthologie.
Über zwanzig Autorinnen und Autoren haben allerdings mit großem Vergnügen Beiträge für diese Anthologie geliefert. So offen die Einladung zur Teilnahme gehalten war, so vielfältig, über keinen Leisten zu schlagen sind die Beiträge geworden. Einige wenige sind bereits publiziert, der größte Teil wurde eigens für diese Sammlung geschrieben. Aber wie erzählen Autorinnen und Autoren heute über Begegnungen mit dem Schwulen – in einer Zeit, in der die tatsächlichen Begegnungen kaum noch aus der Erfahrungswelt wegzudenken sind, in der diese Begegnungen in der leichten Unterhaltung, im Kino, in der Comedy, im Krimi, längst dazugehören? In der «ernsthaften Literatur» scheinen diese Begegnungen noch immer – oder ist das gar keine Frage eines «noch» – von einem prekären Verhältnis zu zeugen. Für Männer scheint die Konfrontation bedrohlicher zu sein als für Frauen, denn sie berührt das eigene Selbstverständnis als «Mann». Frauen scheinen eher dazu zu neigen, «heterosexuelle Männlichkeit», die ihnen Tag für Tag begegnet, im Spiegel der «homosexuellen Alternative» zu überprüfen, infrage zu stellen, vielleicht sogar – unterschwellig oder ganz direkt – zu provozieren. Doch nähern wir uns den Texten der Reihe nach.
Auf den ersten Blick mag es überraschen, dass es in dieser Anthologie auch Geschichten gibt, die sich an ein Coming-out herantasten. Das Coming-out ist eine zentrale Domäne schwuler Autoren. Für sie ist es ein Durchgangsstadium, das sie erfolgreich hinter sich gelassen haben. Nur heterosexuellen Autorinnen und Autoren kann es gelingen, die These sei gewagt, den Ansatz zu einem Coming-out an einem Punkt einzufrieren, an dem das heterosexuelle Selbstbewusstsein Brüche zeigt, aber noch nichts anderes an seine Stelle tritt. Nur sie können auf Figuren blicken, die mit einer die ganze Existenz infrage stellenden, vernichtenden Wucht mit ihrem Schwulsein konfrontiert werden. In diesem Blick wird aber auch deutlich, dass es nicht nur um Homosexualität geht. Sie steht für eine existenzielle Verunsicherung, für den Anlass einer «Stunde der Wahrheit», vor der es kein Zurück gibt. Ursula Fricker erzählt im Rückblick und aus der Perspektive einer Frau, wie ein Freund während einer Chorreise auf gnadenlose Weise entblößt wird und nur noch um sich schlagen kann. Die Geschichten von Tina Uebel und Michael Weins fangen den Augenblick in der Biografie ihrer Protagonisten ein, in dem das Schwule als Möglichkeit und Skandal in ihr Leben tritt, in dem es verbunden ist mit der absoluten Katastrophe. Identitäten geben zwar Sicherheit, interessanter ist aber in jeder Hinsicht der Zustand höchster Verletzlichkeit, in dem jede Sicherheit abhandenkommt.
Nicht minder bedrohlich scheint es für Männer wie Frauen zu sein, mit gleichgeschlechtlichem Begehren direkt konfrontiert zu sein. Bodo Kirchhoff beschwört eine durch Gewalt aufgeladene Situation im Internat, in dem der Protagonist jedoch gerade vom Kantor die Geborgenheit und Liebe erfährt, die er zu Hause beim Vater so schmerzlich vermisst hat. Was geschieht jedoch, wenn beim heimlichen Treffen plötzlich das Wort «Sex» ausgesprochen wird und zwischen ihnen steht? Ingo Schulze erzählt von einem nächtlichen Telefonat. Eine Frau ruft ihre langjährige Freundin an und gesteht ihr, dass sie früher einmal verliebt in sie war. Der Freundin fehlt jedes Verständnis für die Situation, sie lässt die Anruferin auflaufen, spürt aber immerhin noch ihre Ohnmacht und erschrickt einen Moment lang darüber. Barbara Frischmuth erfindet einen Helden, der auf merkwürdige Weise zwischen die Fronten der Geschlechter gerät und seine alte Sicherheit wiedergewinnen möchte. Hermann Peter Piwitt lässt einen schon älteren Helden sich daran erinnern, wie er in seiner Jugend – völlig ahnungslos – für schwul gehalten wurde: Er und sein bester Freund galten als unzertrennlich. Alle hätten es gewusst, nur er nicht, aber darum geht es am Ende gar nicht. Piwitt benutzt diese auch komische, aber aussprechbare Begebenheit, den Protagonisten an den wirklichen, beinahe unaussprechlichen «Skandal» seines Liebeslebens heranzuführen.
Von einer Form der Begegnung, in der das Schwule eher am Rande ins Leben heterosexueller Männer tritt und diese eher indirekt in ihrem Selbstverständnis berührt, erzählen Christine Wunnicke, Ulrich Woelk, Alexander Posch und Feridun Zaimoglu. Bei Wunnicke und Woelk bilden buchstäblich schwule Nachbarn den Ausgangspunkt der Handlung – und vor allem das verständnisvolle, ihre Ehemänner beunruhigende Gerede der Frauen. Was will eine Frau ihrem Mann damit sagen, wenn sie immer wieder darauf zurückkommt, dass der Nachbar übrigens schwul sei, dass sie das wisse, ein Radar dafür habe usw.? Bedeutet das eine versteckte Kritik, eine Infragestellung der Männer? In beiden Fällen wollen diese sich Klarheit verschaffen – und begnügen sich auf ganz unterschiedliche Weise dann doch damit, sich ihrer selbst vergewissert zu haben. Bei Alexander Posch ist es der Ehemann, der in ähnlicher Situation forsch den Kontakt zu den Nachbarn sucht. Posch führt seine Geschichte an die Frage heran, die auch für toleranteste Menschen immer noch heikel ist und deren Beantwortung Martin Dannecker einmal als Kriterium dafür genannt hat, ob Schwule und Lesben wirklich akzeptiert sind: Was ist, wenn unsere Kinder auch so werden? Feridun Zaimoglu lässt zwei junge Männer türkischer Herkunft in einem Café über die Verlockungen und Bedrohungen einer «richtigen» oder «falschen» Sexualität plaudern – ein Schwuler am Tresen bietet den Anlass. Ein «Halt’s Maul!» oder «Schnauze!» unterbricht den Dialog immer dann, wenn die Grenzen auf gefährliche Weise zu verwischen drohen.
Eine relativ große Gruppe von Texten thematisiert Begegnungen, aus denen Berührungen werden, in denen die Verunsicherung durch eine positive Erfahrung überlagert wird. Judith Kuckarts Geschichte geht in die Kindheit zurück und zeigt einen grandiosen Akt der Solidarität in dem Augenblick, in dem der Spielkamerad der Mutter sich gegenüber ein paar Halbstarken als «richtiger Mann» beweisen soll. Die ganz besondere Zuneigung der Mutter zu diesem Spielkameraden setzt sich im Leben der Erzählerin fort: Er wird zu ihrem Wunschvater.
Sabine Peters und Kerstin Hensel erzählen von Frauen, die eine gewisse Nähe zu den Erfahrungswelten schwuler Freunde empfinden, die eigene Erfahrungen darin spiegeln und im Ergebnis den Vorurteilen und Klischees auf der Nase herumtanzen. Matthias Altenburg und Peter Stamm führen ihr männliches Personal in Begegnungen, denen erst einmal gar nichts Spektakuläres innewohnt. Egal ob in einer Eckkneipe in New York oder auf der Straße im Frankfurter Gallusviertel, die Protagonisten rutschen in eine Geschichte hinein. Widerstände, oder nur Fragen, die sich aufdrängen, reichen nicht aus, den Rückzug zu veranlassen. Am Ende sind sie beinahe überrascht, dass eigentlich nichts passiert ist, dass sie sogar ein Stück erfahrene Nähe aus den Begegnungen mitnehmen.
Uwe Timm geht in seinem Essay über Wolfgang Koeppen einer literarischen Begegnung nach. Lange vor dem gesellschaftlichen Aufbruch Ende der 1960er Jahre liest er den Roman Tod in Rom und nimmt mit Erstaunen wahr, dass hier eine schwule Figur als selbstbewusster Rebell gezeichnet wird. Die Geschichte von Doris Gercke fängt recht harmlos an, kippt am Ende aber um. Erst scheint die Ehefrau noch ganz gelassen, als sie bemerkt, dass sich ein junger Mann in ihre Beziehung drängt. Am Ende, auf der Couch des Therapeuten, siegt jedoch die Verbitterung – und die Schadenfreude?
Drei Texte runden diese Anthologie schließlich ab, die in ihrem Zugriff auf das Thema ganz für sich stehen. Regula Venske versammelt einfach all die schwulen Figuren aus ihrem bisherigen Schaffen zu einem sehr merkwürdigen Kaffeekränzchen in ihrer Hamburger Wohnung. Gunter Gerlach legt das Groteske der Verhältnisse offen, indem er erzählt, wie sich heterosexuelle Männer in einer verkehrten Welt tarnen müssen, wenn sie im Beruf erfolgreich sein wollen. In einem zweiten Text will ein Vater seinen schwulen Sohn auf die «rechte Bahn» des Liebeslebens bringen und offenbart am Ende unfreiwillig, wie es denn um seine «ganz normale» Heterosexualität bestellt ist. Last not least entwirft Dorothea Dieckmann utopische Verhältnisse, wenn sie in einer Art Reigen die Möglichkeiten aufblättert, die jeder, egal ob Mann oder Frau, jenseits der Kategorien des Melderegisters in den zwischenmenschlichen Beziehungen ausleben kann. «Wie viele Geschlechter gibt es?», auf diese Frage läuft ihre turbulente Geschichte hinaus. Ihre Antwort: «So viel wie Liebende und Geliebte, freiwillig oder nicht.»
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