Jules Siber
Seelenwanderung
Roman
Mit einem Vorwort von Olaf n. Schwanke und einem Anhang
Bibliothek rosa Winkel Bd. 57
Gebunden
184 Seiten,
16,00 EUR (D)
ISBN: 978-3-939542-57-5
Pressestimmen
Leseprobe
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"Süßer Süden und giftiges Nazarenertum"
Dieser 1913/1914 als Privatdruck erschienene Roman galt lange Zeit als verschollen. Erzählt wird die Geschichte des Violinvirtuosen Ary Elditt, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf mystisch-okkulte Weise mit dem Schicksal des 1654 als Sodomit hingerichteten flämischen Bildhauers Jerôme Duquesnoy konfrontiert wird.
Jules Siber (1872-1943), selbst Violinvirtuose und Jurist, verfasste außerdem mehrere biografische Romane zu Paganini, Chopin, Dante und Christus sowie über die Hexenverfolgung. Kurt Hiller sah in "Seelenwanderung" einen ersten Ansatz für "große homoerotische Kunst" mit ungewöhnlichen Zutaten: "süßer Süden und Haß auf giftiges Nazarenertum; Marmor, Pfirsiche, Zypressen; mitten durch das Hadrianische swedenborghaft Düster-Wirres".
Heutige LeserInnen bekommen Einblick in die Verbindung von esoterischer Vergeistigtheit und schwulem Pathos zu Beginn des vorigen jahrhunderts.
Lambda
Jules Sibers Roman Seelenwanderung wird bei Spezialisten und Interessierten an der Geschichte der schwulen Literatur Anklang finden, einem allgemeinen Lesepublikum wird die verworrene und mit vielen gelehrten Details angereicherte Text wenig zusagen. Zu gewunden und pathetisch ist die Sprache, zu phantastisch der Gang der Handlung ...
Qwien
Kunstmaler Baron v. Seydewitz verstand den ironischen Blick des Violinvirtuosen Ary Elditt, der neben ihm auf dem Sofa saß, strich über sein bartloses, domherrenartiges Gesicht von oben nach unten, als wollte er eine Maske wechseln, und kam lächelnd zuvor:
"Nicht wahr? daß auf meinem Schreibtische diese zwei Bücher, Fritz Reuter und die Briefe der hl. Theresia von Spanien, so einträchtig bei einander liegen, finden Sie sonderbar? In der Tat habe ich auch eine Doppelseele: Auf der einen Seite, der Fritz Reuter'schen, bin ich Baron aus Mecklenburg, behäbiger Villenbesitzer in Dachau, wo ich mit den Hühnern zu Bette gehe, daneben aber, - ich weiß nicht, wie mir dies in München so angeflogen ist -, spiritistische Phantasterei, katholischer Weihrauch und ein klein wenig schwarze Magie mit Satanskult. Haben Sie vorhin in meinem Atelier nicht sogar einen Weihwasserkessel und ein ewiges Licht gesehen? Merkwürdig, wie es mich zum Schaffen inspiriert! Gerade male ich nämlich an einem alten Waldkirchlein mit einem melancholischen Altar, die Madonna in verblaßtem gelbem Kleid, ein verschüchtertes Jesuskind auf dem Arm." -
"Ich finde das Jesuskind nicht gerade schüchtern, das Christentum überhaupt nicht; im Gegenteil. Übrigens bin ich vom Christentum so weit entfernt wie die Erde vom Sirius," fiel Elditt fast zu lebhaft ein.
Er war dreißig Jahre alt, trotz seiner halb slavischen Abstammung von südländischem Typus, seit Jahren durch den Wirbelsturm seiner Konzertreisen in Europa umhergetrieben, sybaritisch und voll frauenhafter Schlaffheit, mit all den Launen des raffinierten Reisenden.
"Verreden Sie's nicht!" sagte v. Seydewitz. "Ihr Beruf als Geigenvirtuose ist der Nährboden für ungesunden Egoismus und allerlei seelische Kompliziertheiten. Sie erinnern mich sehr an die Humanisten des 16. Jahrhunderts; die waren ebenso entwurzelt wie Sie, ebenso sophistisch und durch die Garantielosigkeit ihres Daseins und das Schwanken ihrer Lebensanschauung in ein Chaos von Irrungen hineingehetzt; schließlich aber scheiterten sie an einer lächerlichen Klippe der Alltäglichkeit, und flüchteten zum Kreuz zurück. Genau so sind Sie Ästhet, - spielen vorzugsweise den hyperromantischen Paganini - und eines Tages werde ich Sie nach Lourdes pilgern sehen." -
Elditt protestierte mit gespieltem Ernst. "Paganini heißt auf deutsch der kleine Heide oder vielmehr Sohn des kleinen Heiden. Seine Leiche mußte ohne kirchlichen Segen fast ein halbes Jahrhundert lang ruhelos wandern, als wäre der ewige Jude hinter ihr her - vielleicht war er selbst Jude - und ich habe ungefähr zwei Dutzend Religionen und ebenso viele Vaterländer, jede Woche ein anderes - begreife überhaupt nicht, wie es heutzutage noch möglich ist, eine überzeugte Weltanschauung zu haben. Wir sind, wie Schlemmer nach einer Mahlzeit, mit Theorien, Spekulationen und Religionen überfüttert und unser kranker Magen kann nichts mehr behalten, selbst wenn wir von irgend etwas überzeugt wären."
"Schade, wenn es Ihr Ernst wäre," sagte v. Seydewitz mit einem bestimmten Lächeln. "Nach Ihren Reden sind Sie ein seelischer Nihilist; Sie müssen aber doch eine Inspiration für Ihre Konzerte haben. Ich z. B. bin ganz verschossen in das ewige Licht in meinem Atelier. Wie ein kleines goldenes Auge sieht es mir unablässig beim Malen zu, es hat Leben; manchmal verlängert es sich, als wollte es mir etwas sagen, wird wie eine kleine, gelbliche Zunge und windet sich fast wie ein Körper in einer Art Ekstase." -
Der Hauch eines ironischen Lächelns kräuselte Elditts Lippen.
"Mich inspiriert Licht sehr wenig; ich spiele am liebsten im halbdunklen Zimmer. Eine kleine Woge von Narzissenduft und purpurroter Mohn muß dabei sein, ganz roter, wie er nur in der Campagna di Roma glüht. - Ich gebe zu, daß an dem Feuer meiner Skepsis viele Dinge vertrocknet sind, die Sie als gesunder Mecklenburger sehr ernst nehmen. Übrigens hat man in Ihrer Heimat auch Moorgründe, in denen man versinken könnte. - Sie können manchmal die richtigen Gespensteraugen dazu machen. Stimmt das mit dem grauen Zwerge, von dem mir gestern Derleth eine Andeutung gemacht hat?"
Wieder machte v. Seydewitz die charakteristische Geste, als wollte er etwas Lästiges mit der Hand verscheuchen.
"Ich erzähle es sonst niemandem und Sie werden mich gewiß auslachen und Halluzination annehmen; aber ich könnte beschwören, daß ich alles, so wahr ich hier sitze, leibhaftig erlebt habe. Der unheimliche Spuk begann vor einem Jahre in München, hier in diesem Zimmer. Ich war damals nervenkrank, wie Sie, lieber Elditt, vollständig brach und seelisch gelähmt. Unbegründete Melancholie quälte mich; was ich malte, verzerrte sich mir unter der Hand zur Fratze. Eine Art Besessenheit mußte es sein, wie sie Görres in seiner schrecklichen Mystik schildert. Meine Freunde, selbst Derleth, nahmen es nicht ernst. Ich wollte es ergründen und trieb nach dem Rezept Oskar Wilde's den Zustand auf die Spitze. Damals ließ ich das ewige Licht brennen, las Görres, besuchte Kartenschlägerinnen, Somnambulen, Magnetiseure und theosophische Zirkel. Ganz besonders regte mich eine Orchesterphantasie des Wiener Komponisten Camillo Horn auf: ganz seltsame Klänge waren es, dämonisch und medusenhaft, Glasglöckchen von krankem, wollüstigem Reiz, alte Instrumente, wie man sie im siebzehnten Jahrhundert hatte. Ich träumte von dieser Musik, konnte den ganzen Tag über die Melodie nicht aus dem Kopfe bannen. Es war Abend; ich saß hier auf diesem Sofa. Schon fielen die Schatten herein, die Bäume des Englischen Gartens schwankten hin und her, wie von Riesen geschüttelt, in einem Sturmwind, der ganz plötzlich wie aus der Unterwelt kam. Auf der Leopoldstraße zogen Betrunkene; sie verstummten mit einem Male. Etwas Fremdes war in's Zimmer eingedrungen, das fühlte ich genau. Ich fand es gar nicht merkwürdig, daß sich die Türe ganz leise geöffnet hatte, und jetzt! - durch die Türspalte schlüpfte ein kleines, graues Männchen herein; ganz putzig und gefällig, nach Zwergenart, kam es näher.
Ich empfand nicht die mindeste Furcht, wie es so langsam zu mir an's Sofa kam, am Tische vorbeischlüpfte. Jetzt war es ganz nahe, als müßte es so sein - und dann - so wahr ich es Ihnen erzähle - schlüpfte es in mich hinein, in meinen Körper. Ganz genau fühlte ich, wie es Besitz von mir nahm, in mir wohnte. Wie dies sein kann? Fragen Sie einen Theosophen oder einen Adepten der schwarzen Magie in Paris, wenn Sie jetzt dahin reisen. Ich fühlte es, wie man körperlich nur etwas fühlen kann; unmöglich war es eine Halluzination."
Elditt hatte ein Lächeln, welches die Augensprache vervollständigt und irgend ein sonderbares Wort unterstreicht. Dieses starre Lächeln gab seinen Zügen einen maskenhaften, faunischen Zug, der vom Profil nur das spitze Dreieck von Nase und Kinn sehen ließ, ein verjüngtes Abbild der berühmten Voltairebüste von Houdon.
"Ganz sonderbar, lieber Baron; in der Tat. Der alte Geisterseher Swedenborg hätte seine Freude daran gehabt. Aber ich habe auch meine Seltsamkeit - ich mag den Spiritismus nicht leiden, seit ich einmal von Swedenborg las, daß seine Hauswirtin in Amsterdam sich so sehr über sein schmutziges Äußere gewundert habe. Seitdem ist mir alles, was nach Okkultismus schmeckt, ganz fatal, weil ich immer an Swedenborg's schmutzige Wäsche denken muß. Hätte er blendend weiße, gefältelte Halskragen getragen, dann wäre ich vielleicht Spiritist und würde an Ihren Zwerg glauben." -
"Aber das ist ja, - verzeihen Sie! -, krankhaft. Hat denn ein schmutziger Hemdkragen etwas mit Weltanschauung zu tun?"
"Sehr viel. Ich hörte neulich in Wien einen alldeutschen Agitator seine Plattheiten vortragen, und wäre im stande gewesen, seinen Vortrag bis zu Ende anzuhören. Da machte er eine Pause, nahm gierig einen Schluck Bier und wischte sich, alles so unästhetisch und teutonisch wie möglich, den Mund ab. Seit dieser Zeit bin ich international, Antimilitarist und wähle sozialdemokratisch. Hätte er sich damals ästhetischer benommen, so wäre ich vielleicht heute noch getreuer deutscher Reichsuntertan. - Und dann war Swedenborg Sohn eines evangelischen Pastors - denkt man da nicht an einen Haufen Kinder in enger Stube, die nach Bibelwesen und christlicher Ehe mit schmutzigen Kinderwindeln riecht?"
"Das ist ganz ungesunder Schönheitskult, ärgerlicher Ästhetizismus, nehmen Sie mir's nicht übel, lieber Elditt! Durch Ihre Musik saugen Sie diese Dinge ein. Ihr Paganini war ein kranker Dämon, der Sie wiederum krank macht. Oder kann man es anders nennen, wenn er sich stundenlang in sein Hotelzimmer einschloß und vor sich hin weinte, ohne zu wissen, warum? In Genua schlich er nachts auf den Kirchhof und spielte den Nachtvögeln, Gespenstern und Lebendigbegrabenen vor. Sah er ein häßliches Gesicht im Saal, so konnte er nicht spielen. Ein bildhübscher, junger Provençale reiste darum mit ihm; den sah er an, damit er schön spielte. So wie ich das ewige Licht. Aber das alles ist krank."
Er sprach wie ein Kapuziner, mit derben, väterlichen Geberden, fing an, zu zitieren.
"Paganini's Musik, krankhaft und teuflisch, führt zu Abgründen. Obwohl es nur Töne sind, fein wie Spinnweben. Sie nehmen beim Spiel auch ganz seine Züge an: das phantastische Lächeln der schmalen Lippen, die hageren, holzschnittartigen Züge eines Melancholisch-Wahnsinnigen. Sie leiden an ihm, weil Sie Jahre lang nichts anderes gedacht, gespielt und gefühlt haben als ihn, der krank, böse, satanisch war."
Gelassen antwortete Elditt:
"Soll ich denn die nationalliberale Musik von Brahms spielen, oder Max Reger, der wie eine Motte aus Sebastian Bachs Perücke gekrochen ist und mit listigen, schnellen Äuglein herum flattert? Paganini hat wenigstens Phantasie." -
Die Geschichte da mit dem grauen Zwerge bereitete ihm fliegenartiges, nachdenkliches Unbehagen, so sehr er sich in der Rolle des ironisch Lächelnden gefiel. Von dem mystizistischen Wunderwesen, das v. Seydewitz vor ihm aufrollte, wirbelte ihm der Kopf. Im Grunde zwar war er auch Mystiker. Als seine Schwester starb, hatte er das eigentümliche Klopfen der Sterbenden gehört, ein zischendes Geräusch von einem Fingernagel, der am Holz kratzt. Als er in Brüssel bei César Thomson Violine studierte, kannte er einen jungen Pariser, der auf Entfernung hypnotisieren konnte, wildfremde Menschen, die er vom Fenster aus auf der Straße vorübergehen sah, durch magnetisch streichende Bewegungen seiner Hände auf's Zimmer zitierte, wo sie irgend etwas Ungereimtes stotterten, das er ihnen suggeriert hatte.
Auch Prof. Lummer in Breslau, der große Physiker, hatte ihm neulich, als er nach dem Konzerte mit ihm zusammengetroffen war, etwas ganz Merkwürdiges gesagt, das aus dem Munde des großen nüchternen Gelehrten um so bedeutsamer klang. "Die toten Dinge sind oft die lebendigsten," hatte er gesagt. Das hatte er damals nicht verstanden. Nun erinnerte er sich dieser Worte, die bis an die äußersten Grenzen des Erkennens streiften, und fühlte, daß es so viele Rätsel gab, die in den Abgründen der Seele aufzuckten.
Das Fenster des Salons stand offen, ließ schwülen Rosenduft herein. Die Wolken über dem Englischen Garten hatten Perlmuttergeflimmer, die Schatten der kulissenartigen Baumgruppen wuchsen, wie dunkle Gefühle, die eine Seele überfallen und vergewaltigen.
Elditts Stimme klang ernst und tief, als er fragte: "Wie haben Sie den Dämon wieder ausgetrieben, lieber Baron? Er kann doch nicht lange in Ihnen gewohnt sein. Ich denke mir, daß Sie zu dem Franziskanerpater Expeditus Schmitt gegangen sind, der vielseitig genug Literat, Kontroversist, Theaterkritiker, Exorzist und Seelenrat aller Literaten und Künstler Münchens ist."
"Nein. Ich ging nach Italien, was übrigens Pater Expeditus mir auch riet. Das Wunder geschah in Assisi am Grab des hl. Franziskus. Aber Sie spotten, wenn ich es Ihnen näher ausführe. Ihr Chamäleonsgeist ist heute in eine ironisch-welke Schlangenhaut hineingeschlüpft, die man nicht fassen kann. Doch ich will es erzählen. Es war wirklich ein Wunder. Gerade während des Hochamts bei der Wandlung wich der Dämon. Soll ich Ihnen sagen, daß ich es leibhaftig spürte?"
"Sie fühlten dies so genau?"
"Es war mir, als ob ein schwerer Felsblock, der auf meiner Brust lag, langsam wankte, ganz langsam, und dann wegrollte, herab auf die Fließen der Kirche. Ich schäme mich nicht, zu sagen, daß ich in Tränen ausbrach, wie ein Kind - aber seitdem bin ich gesund." -
"Der Zwerg war ein Geschöpf Ihrer Einbildung; Sie haben ihn aus einem alten nordischen Hünengrab Ihrer Mecklenburgischen Heimat mit nach München gebracht oder aus der Mystik von Görres herausgelesen."
v. Seydewitz sah Elditt langsam an, zuckte leise die Achsel.
"Sie haben wohl nie von Napoleons Zwerg gelesen, der vor wichtigen Schlachten, an den Wachen vorbei, die ihn ganz genau sahen, in sein Zelt schlüpfte, oder vom Dämon des Sokrates, der durchaus keine bloß abstrakte innere Stimme war? Seit einer Woche ist Maler Karl Leipold hier; übrigens auch aus meiner Heimat. Ein Bild von ihm hängt in der neuen Pinakothek. Er malt das, was über den Dingen schwebt, wie kein Zweiter auf der Welt: träumende venetianische Paläste, tote Galeren, die reden, islamitische Tempel, die Sünden begehen - alles liegt in einem Farbenton, in einem Hauche . . ."
"Karl Leipold glaubt an Ihren grauen Zwerg?"
"So gut wie ich. Er ist in die höheren Grade der schwarzen Magie eingeweiht, die er bei den indischen Fakiren und, ich glaube bei den Basken, studiert hat. Er sieht aus wie Dr. Faust, hager, schwarz, hat ein Gespensterwesen wie der fliegende Holländer. Zu Hause trägt er ein blutrotes Kostüm. Er malt ohne Modell, die Zigarette im Munde; große Bilder, wozu andere einige Monate brauchen, malt er in ebensoviel Tagen, fast unbewußt, wie ein Medium."
"Malmedium?" rief Elditt erstaunt. "Daß es so etwas gibt! Sie schleudern mich ja von einem okkulten Phänomen zum andern."
"Wahrscheinlich ist Leipold von einem Malergespenste der früheren Jahrhunderte besessen - dieser Geist malt durch ihn, durch seine Hand, die nur den Pinsel an die Leinwand zu halten braucht." -
"Ich muß ihn kennen lernen," sagte Elditt und fügte in einer Art Gedankenflucht bei: "Sie haben Recht; ich bin seelisch krank. - Gestern erlebte ich überdies etwas ganz Widerwärtiges in der Tonhalle, einen wahren Skandal . . ."
"Skandal in der Tonhalle? Was war da?" fragte v. Seydewitz, aufs höchste überrascht.
"Sie werden heute in der Zeitung davon lesen. Die Musiker des Kaimorchesters haben gegen den Kritiker Dr. Lovis demonstriert und das Publikum hat verlangt, daß er den Saal verlasse. Weil er sich zuerst weigerte, ohrfeigten ihn zwei Studenten und ein Architekt aus Schwabing warf ihn hinaus. Es war ein unbeschreiblicher Tumult. Ich bin mit Dr. Lovis bekannt, und obwohl mich sein Streit nichts angeht, fühle ich es telepathisch mit. Denken Sie sich! Er steckt diese unerhörten Beleidigungen ein, revanchiert sich nur durch einen matten Zeitungsartikel, und lobt dabei so nebenher seine bandwurmartige Proteusphantasie. Ließe sich ein Italiener dies bieten? Betrachten Sie Florenz und seine alten Gassen am Arno, wo jedes Haus eine Festung mit räuberischem Überfall, Blutrache und Mordscene war! - Seit gestern leide ich wieder einmal an Deutschland und selbst an der Münchner Luft." -
"Italien wird Ihnen gut tun," sagte der Baron mit feinschmeckender Intelligenz, und schwärmte von Venedig. Elditt war ermüdet. Die Worte der beiden mit ihren buntscheckigen Themen glitten an einander vorbei, wie Schiffe auf offner See, die nur ihre Flagge erkennen.
v. Seydewitz erzählte, daß er, wie sein Freund Karl Leipold, sich jetzt stundenlang in alte Münchner Häuser einschließe, um für sein nächstes Bild etwas Mittelalter und archaistische Stimmung einzusaugen.
"Es gibt noch solche graue Häuser mit verschnörkelten Giebeln, mit großen, hallenden Säulengängen, dämmerigen Gelassen, vergitterten, verträumten Balkonen, und Schornsteinen, zu denen noch der Teufel mit gierigen Augen hereinschaut."
Ob Elditt von dem schwäbischen Bauerndichter Christian Wagner gehört habe?
"Er ist 70 Jahre alt, naiv wie ein Kind, bettelarm, lebt von der Milch zweier Ziegen, die er sich hält, das Wenige, das ihm sein Verleger schickt, nimmt ihm sein Neffe ab. Einmal ging er zu Fuß von Stuttgart nach Italien bis nach Pompeji. Dort, vor ausgegrabenen griechischen Tempeln und Palästen sank er buchstäblich anbetend auf die Knie. Namentlich eine Vase hatte es ihm angetan. Stundenlang stand er vor ihr, streichelte sie mit der Hand, wie der Geizhals seine Schätze, liebkoste sie und plötzlich - in einer Art Seelenwanderung - bildete er sich ein, damals in Pompeji gelebt zu haben, vor 2000 Jahren. Das Erstaunliche war, daß Christian Wagner noch nie ein Kunstlexikon in der Hand gehabt hatte, und nun plötzlich wie durch Inspiration, die Namen der Maler wußte, welche damals die Wände der Atrien und Tempel ausschmückten. Ist dies nicht seltsam? Durch tote Vasen Dinge zu erfahren, die vor zwei Jahrtausenden waren? Christian Wagner ist, - Sie dürfen nicht über ihn lächeln - ein Poet von Gottes Gnaden. Ludwig Derleth, den Sie ja auch kennen, hat mir neulich einen Aufsatz über Christian Wagner in der Revue de deux mondes gezeigt."
"Seelenwanderung?" flüsterte Elditt.
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