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Michael Sollorz

Benjamins Tagebuch

Roman

(Die Originalausgabe mit Fotos von Martin E. Kautter
ist 2000 erschienen.)

kartoniert,
198 S., EUR 12,00
ISBN 987-3-939542-08-7



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portofrei bestellen bei www.gaybooks.de

Arm aber sexy

Benjamin, ein junger Punk aus Leipzig, zieht nach Berlin. Dort wohnt er bei einem schwulen Paar, seinen zwei "Bären". Bald findet er einen Job in einer Imbissbude, und weitere Männer kreuzen seinen Weg. Sollorz webt aus verschiedenen Lebenswegen ein Netz der Sehnsüchte, Begierden und Enttäuschungen von großer atmosphärischer Dichte. Die Stadt Berlin und der besondere Tonfall ihrer Bewohner spielen dabei ihre ganz eigene Rolle.

Hinter der Erotikfassade von ‹Benjamins Tagebuch› stecken ein derart abwechslungsreiches Stimmungsgewitter und bisweilen auch eine herzzerreißend zarte Melancholie, die das Buch sofort an die Spitze des Genres wuchten. Was Sollorz' Protagonisten erleben, ist so abgrundtief menschelnd, dass es das Herz rührt. Und Herzschmerz gepaart mit Sex - das wollen wir doch alle lesen, oder? Männer aktuell


Immer wieder verblüffend, wie es Sollorz in wenigen Sätzen gelingt, Personen so genau zu schildern, wie anderen in ganzen Schwarten nicht. Und wie er es schafft, Bücher zu schreiben, die zugleich nachdenklich, traurig, hoffnungsvoll und erotisch sind.
Rolf G. Klaiber in Leo

In "Lola-rennt"-Manier entwirft Michael Sollorz in seinem Episodenroman erotische Hauptstadtfallstudien mit charmantem Lokalkolorit und sensibler Figurenzeichnung.
Carsten Schrader in Kulturnews

... literarisches Kleinod ...
Box, August 2007

Der Siegessäule-Kolumnist schafft es, einen lockeren Plauderton mit einer gestochen präzisen Sprache zu mischen, die das Lesen zu einem Vergnügen machen. ... Also: Kaufen!
Wolfram Saathoff in Schwulissimo

"Im Berliner Tonfall, der stets zwischen Alltagspoesie und Schnoddrigkeit changiert, komponiert er (Sollorz) raffiniert aus den Splittern diverser Biografien und Schicksale ein belletristisches Puzzle der Sehnsucht und Verwundbarkeit."
Mario Wirz in Die andere Welt 8 / 2001.

"Das Erstaunliche an Sollorz, und was ihn letzlich für die zeitgenössische deutsche Schwulenliteratur so einzigartig und unverzichtbar macht, ist sein Talent für treffende Portraits. Kaum ein anderer schafft es so wie er über schwulen Sex zu schreiben und zugleich die ganzen Gefühle samt ihrer emotionalen Strudel, das meist Unausgesprochene zwischen den Partnern ganz beiläufig, aber prägnant zu schildern."
Axel Schock in Hinnerk 2/2001

"Mich hat das Buch stark wie schon lange keines in seinen Bann gezogen. (...) "Benjamins Tagebuch" ist sicher ein ganz außergewöhnliches Werk zeitgenössischer Literatur und verdient es, leidenschaftlich weiterempfohlen zu werden."
Kurt Krickler in Lamda Nachrichten 1 / 2001

"Michael Sollorz ist kein Schriftsteller, er ist, das vermessene Wort sei gestattet, ein Dichter. Und damit unterscheidet er sich von der großen Zahl seiner Kollegen in der schreibenden Zunft. Er versteht es wie kein anderer, in kleinen Geschichten und Miniaturen die ganze Welt zu verdichten. (...) Hervorragend gelingt es ihm, mit wenigen Sätzen ein Szenario zu skizzieren, in dem ein Lebenstraum aufblüht oder einer Sternschnuppe gleich verglüht."
Bussi 1/2001

"Hinter der Erotikfassade von "Benjamins Tagebuch" steckt ein derart abwechslungsreiches Stimmungsgewitter und bisweilen auch eine herzzerreißend zarte Melancholie, die das Buch sofort an die Spitze des Genres wuchten. Was Sollorz' Protagonisten erleben, ist so abgrundteif menschelnd, dass es das Herz rührt. Und Herzschmerz gepaart mit Sex - das wollen wir doch alle lesen, oder?"
Männer aktuell - Buch des Monats 10/2000

"Mit seinem leuchtend blauen Irokesenschnitt ist er (Benjamin) nicht gerade der Vorzeige-Großstadtschwule, aber genau das macht ihn sympathisch. Er gehört werder zu den "Ich suche vergeblich die große Liebe-Schwulen" noch ist Teil einer Gatte-Job-Katze-Konstellation. Sollorz hat hier (...) die bekanntesten Klischees der modernen deutschen schwulen Literatur aufgegeben."
Holger Creutzburg in Outline 10/2000


Auf der ersten Bank sitzt ein magerer Junge, liest versunken ein Taschenbuch, vor sich zwei unförmige Leinensäcke, feldgrün, wie Soldatengepäck. Doch der Junge ist kein Soldat, eher eine gepflegte Art Punk; von seinem geschorenen Schädel ragt eine blaue Bürste filzigen Haars steil nach oben. Seine Stirn ist sehr blass. Arno wüsste gern, was der Junge liest, starrt aber geradeaus, als er langsam vorbeigeht -
"Guten Abend!"
Arno dreht sich um.

"Ich bin's", sagt der Junge, "Benjamin." Sein Mund verzieht sich scheu, als hätte er etwas falsch gemacht.
"Ah, ja." Arno nickt. "Ich hab dich nicht erkannt." Er verschluckt noch rechtzeitig ein "groß-geworden-bist-du" und streckt dem Jungen die Hand hin. Benjamin nimmt sie, kurz, mit festen, kalten Fingern und sagt: "Tut mir Leid." Er grinst. "Ich meine, falls es Ihnen nicht recht ist, dass ich Sie einfach anspreche. Es ist bloß - ich hab mich plötzlich gefreut, einen zu sehen, den ich noch kenne."
"Nicht doch." Arno setzt sich neben den Jungen. Er ist der Sohn der Nachbarin, Marlies' Kind, das noch nicht mal zur Schule gegangen war, als Arno seine Koffer gepackt hatte. Ihre letzte, flüchtige Begegnung im Treppenhaus lag mindestens drei, vier Jahre zurück.
"Ich will jetzt auch nach Berlin." Der Junge grinst wieder.
"Für länger?" Arno deutet auf die Säcke.
"Hoffentlich." Benjamin trägt auf jeder Seite einen kleinen, silbernen Ohrring. Das Buch hat er auf die Bank gelegt. Arno nimmt es, obwohl er den Titel schon entziffert hat: Stephen Kings "Christine". "Kennen Sie es?", fragt Benjamin.
"Würd ich gerne mal lesen. Ich kenne bloß den Film", antwortet Arno und denkt an die Videos mit Ulf, nach der Währungsunion, als alles noch neu war, Dutzende, Hunderte Videos, jeden Abend und Monat für Monat, bis sie endlich zugeben konnten, dass es mit ihnen vorbei war.
"Der Film ist blöd", sagt der Junge.
Ein Mann in Arnos Alter starrt zu ihnen herüber. Arno folgt dem Impuls, irgendwie zeigen zu müssen, dass es anders ist, als es aussehen mag, dass nicht er den Jungen angesprochen hat, und er gibt das Buch zurück, beinahe schroff.
"Fahrn wir zusammen?", fragt Benjamin. Er schaut Arno ins Gesicht, nur kurz, bis Arno nickt; dann verstaut der Junge das Buch, abgewandt und umständlich.

"Ich will Raucher sitzen", ruft Benjamin, als der Zug hält. Arno ärgert sich, dass er nicht dagegenhält, wie sehr der Gestank ihn abstößt. Es ließe sich als freundlicher Einwand formulieren, normalerweise, oder sogar als klare Absage, autoritär, ohne Widerrede. Leicht gesagt, bei diesem Burschen, der sein Sohn sein könnte und in Arno die Panik auslöst, sich unweigerlich zum Trottel zu machen.
Frustriert wuchtet Arno dem Jungen die Säcke vom Bahnsteig hoch in den Waggon. Dann sitzen sie sich gegenüber, am Fenster, Großraum, Knie an Knie.
Der Junge stößt einen dramatischen Seufzer aus, als der Zug losrollt. Arno sieht die Lichter draußen in der Dunkelheit und denkt: Was wird hier, wenn alle gehen? Es waren schlimme Jahre, aber hassen kann er Leipzig nicht, es bleibt ein Teil von ihm, wie der fremd gewordene Bahnhof. Der Junge fläzt in seinem Sitz und dreht sich eine Zigarette.
"Magst ein Bier?", fragt Arno, als im Gang der Getränkewagen klappert. Benjamin nickt, zögernd, als wüsste er nicht sicher, ob die Frage eine Einladung bedeute. Arno kauft zwei Flaschen Radeberger. Sie stoßen an. "Und lass das Sie. Ich heiße Arno."
Zwei Stunden bis Berlin. Ist der Junge traurig, jetzt, wo es wahr wird? Arno erinnert sich, wie Marlies letztes Jahr geklagt hat, dass "der Kleine" kaum noch nach Hause kommt. Der Kleine, denkt Arno und mustert verstohlen die langen, kräftigen Beine, die Schultern in der abgeschabten Lederjacke, den ersten Schatten eines weichen Barts. "Wie alt bist du jetzt?", fragt er und hofft, dass es ganz beiläufig klingt.
"Neunzehn", sagt der Junge. "Seit acht Wochen."
"Und in Berlin?", fragt Arno. "Was hast du vor?"
"Erst mal ankommen."
Auf der ersten Bank sitzt ein magerer Junge, liest versunken ein Taschenbuch, vor sich zwei unförmige Leinensäcke, feldgrün, wie Soldatengepäck. Doch der Junge ist kein Soldat, eher eine gepflegte Art Punk; von seinem geschorenen Schädel ragt eine blaue Bürste filzigen Haars steil nach oben. Seine Stirn ist sehr blass. Arno wüsste gern, was der Junge liest, starrt aber geradeaus, als er langsam vorbeigeht -
"Guten Abend!"
Arno dreht sich um.
"Ich bin's", sagt der Junge, "Benjamin." Sein Mund verzieht sich scheu, als hätte er etwas falsch gemacht.
"Ah, ja." Arno nickt. "Ich hab dich nicht erkannt." Er verschluckt noch rechtzeitig ein "groß-geworden-bist-du" und streckt dem Jungen die Hand hin. Benjamin nimmt sie, kurz, mit festen, kalten Fingern und sagt: "Tut mir Leid." Er grinst. "Ich meine, falls es Ihnen nicht recht ist, dass ich Sie einfach anspreche. Es ist bloß - ich hab mich plötzlich gefreut, einen zu sehen, den ich noch kenne."
"Nicht doch." Arno setzt sich neben den Jungen. Er ist der Sohn der Nachbarin, Marlies' Kind, das noch nicht mal zur Schule gegangen war, als Arno seine Koffer gepackt hatte. Ihre letzte, flüchtige Begegnung im Treppenhaus lag mindestens drei, vier Jahre zurück.
"Ich will jetzt auch nach Berlin." Der Junge grinst wieder.
"Für länger?" Arno deutet auf die Säcke.
"Hoffentlich." Benjamin trägt auf jeder Seite einen kleinen, silbernen Ohrring. Das Buch hat er auf die Bank gelegt. Arno nimmt es, obwohl er den Titel schon entziffert hat: Stephen Kings "Christine". "Kennen Sie es?", fragt Benjamin.
"Würd ich gerne mal lesen. Ich kenne bloß den Film", antwortet Arno und denkt an die Videos mit Ulf, nach der Währungsunion, als alles noch neu war, Dutzende, Hunderte Videos, jeden Abend und Monat für Monat, bis sie endlich zugeben konnten, dass es mit ihnen vorbei war.
"Der Film ist blöd", sagt der Junge.
Ein Mann in Arnos Alter starrt zu ihnen herüber. Arno folgt dem Impuls, irgendwie zeigen zu müssen, dass es anders ist, als es aussehen mag, dass nicht er den Jungen angesprochen hat, und er gibt das Buch zurück, beinahe schroff.
"Fahrn wir zusammen?", fragt Benjamin. Er schaut Arno ins Gesicht, nur kurz, bis Arno nickt; dann verstaut der Junge das Buch, abgewandt und umständlich.

"Ich will Raucher sitzen", ruft Benjamin, als der Zug hält. Arno ärgert sich, dass er nicht dagegenhält, wie sehr der Gestank ihn abstößt. Es ließe sich als freundlicher Einwand formulieren, normalerweise, oder sogar als klare Absage, autoritär, ohne Widerrede. Leicht gesagt, bei diesem Burschen, der sein Sohn sein könnte und in Arno die Panik auslöst, sich unweigerlich zum Trottel zu machen.
Frustriert wuchtet Arno dem Jungen die Säcke vom Bahnsteig hoch in den Waggon. Dann sitzen sie sich gegenüber, am Fenster, Großraum, Knie an Knie.
Der Junge stößt einen dramatischen Seufzer aus, als der Zug losrollt. Arno sieht die Lichter draußen in der Dunkelheit und denkt: Was wird hier, wenn alle gehen? Es waren schlimme Jahre, aber hassen kann er Leipzig nicht, es bleibt ein Teil von ihm, wie der fremd gewordene Bahnhof. Der Junge fläzt in seinem Sitz und dreht sich eine Zigarette.
"Magst ein Bier?", fragt Arno, als im Gang der Getränkewagen klappert. Benjamin nickt, zögernd, als wüsste er nicht sicher, ob die Frage eine Einladung bedeute. Arno kauft zwei Flaschen Radeberger. Sie stoßen an. "Und lass das Sie. Ich heiße Arno."
Zwei Stunden bis Berlin. Ist der Junge traurig, jetzt, wo es wahr wird? Arno erinnert sich, wie Marlies letztes Jahr geklagt hat, dass "der Kleine" kaum noch nach Hause kommt. Der Kleine, denkt Arno und mustert verstohlen die langen, kräftigen Beine, die Schultern in der abgeschabten Lederjacke, den ersten Schatten eines weichen Barts. "Wie alt bist du jetzt?", fragt er und hofft, dass es ganz beiläufig klingt.
"Neunzehn", sagt der Junge. "Seit acht Wochen."
"Und in Berlin?", fragt Arno. "Was hast du vor?"
"Erst mal ankommen."

 
 


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