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Michael Sollorz

Herrengedeck

Das Letzte von Paul
ISBN 3 935596 10 3
kartoniert,
144 Seiten, 5,00 EUR (D)

Pressestimmen

Leseprobe

zum Autor

  sollorz


portofrei bestellen bei www.gaybooks.de

Berlin gibt es noch -
behauptet Sollorz

Michael Sollorz war in den Neunzigern der schwule Stadtschreiber Berlins. Das triebhafte Stehaufmännchen Paul und sein geduldiger Freund Schweinchen, Kumpel Lore, die erbarmungslose Nachbarin Peggy Peng und all die anderen Süchtigen der Nacht bevölkern seine monatlichen Kolumnen in der "Siegessäule", die schnell Kultstatus erlangten. Dieser Band präsentiert die besten Stories der letzten drei Jahre.

Sollorz' Berlin ist die Stadt von unten, Kreuzberg und Friedrichshain, räudige Kieze fern des Glamours der "neuen Mitte". Die besondere Mischung aus Melancholie und bissigem Realismus kennzeichnet den Stil dieses Autors, für den political correctness ein Fremdwort geblieben ist. Fettnäpfe, wohin die Helden auch treten, liebestoll und lebenshungrig - Alltagsepisoden mit höchstem Unterhaltungswert.


... Erzählungen von ganz eigenem Format. Momentaufnahmen aus der Hauptstadt jenseits des Trubels um die neue Mitte. Melancholische Geschichten aus dem (schwulen) Leben zwischen heimeligen Kiez und den Irrwegen der Subkultur. Gierig suchen Sollorz' Figuren nach Liebe, Sex und dem Abenteuer im Alltag. 31 schnoddrig, bissig und poetisch erzählte Miniaturen, von denen es wohl in dieser Form keinen Lese-Nachschub mehr gegen wird.
Axel Schock in Hinnerk 12/2002

Ehrlich, manchmal sehr traurig, hin und wieder boshaft und oft mit überraschendem Ende - so lassen sich die über 30 Geschichten am ehesten "zusammenfassen".
Sven Deutschländer in "Rainbow/Schwulst"

Michael Sollorz erzählt schnell, und die Ideen jagen sich. Er bringt uns zum Laut-Lachen, er kann uns aber auch amüsiert zum Nachdenken anregen. Und Vorsicht: Noch Stunden nach der Lektüre fängt man unvermittelt an zu kichern. Paul und Schweinchen drängen sich in unsere Gehirnwindungen und nisten sich dort ein: Man ist bestens unterhalten.
Marcus Brühl in Siegessäule 12/2002

Sollorz verfügt über eine breite Skala von Farbklängen, Szenerien, Geräuschen und Düften. ... Seine zwischen Rinnstein, Stampe, Kaufhalle und Darkroom angesiedelten und leicht dahingetupften, lakonischen, aber mit Tiefgang grundierten Alltagsskurrilitäten voller Poesie und Schnauze avancierten schnell zum Kult.
Egbert Hörmann in tip 19/2002

Der Autor präsentiert ein drolliges, aber alltagstaugliches Duo mit ironischen Zuspitzungen, die nicht aus der Bahn geraten, einem Schuss Wehmut und der gewissen Ost-Nostalgie über damals, "als alles noch drin war". Mit beiden beinen im leben steht das Paar nicht - dies aber aufrichtig.
Leonie Wild in Queer, Oktober 2002

Es sind getupfte schwule Alltagsgeschichten, angesiedelt in Berlin Mitte: Kreuzberg, Friedrichshain, Prenzlauer Berg. Und immer liegt ein hauch von Melancholie über den Geschichten ...
gay.web.de


HERRENGEDECK


Fluchend steht Paul vor verschlossener Tür. Sein Schlüssel liegt wohl drinnen, und Schweinchen ist inzwischen in der Oper. Paul klingelt bei der Nachbarin. Schritte tapsen, die Tür geht auf. Peggy Peng trägt nichts als ein ledernes Halsband. "Oh", entfährt es den beiden synchron, und Paul schaut verschämt zu Boden. Peggy schlüpft in ein T-Shirt. Von hinten wabert Nina Hagen in den Flur.
"Ich dachte, es wär mein Tiger", sagt Peggy enttäuscht.
"Ich bin ausgesperrt", erklärt Paul. "Kannst du mir 'n Grünen borgen? Dann warte ich unten in der Kneipe."
"'n Grünen hab ick nich", sagt Peggy, "aber zu saufen genug an Bord." Sie zieht Paul zu sich rein.
"Und dein Tiger?", fragt Paul vorsichtig.
"Ist eh schon überfällig." Und dann, resolut wie ein Fischweib: "Scheiß auf den Arsch!"
"Jawoll", brummt Paul und plumpst aufs Sofa.
"Bier?", fragt Peggy. "Oder lieber Sekt?"
Paul will beides.
"Prima", ruft Peggy. "Ich kann mich auch immer nicht entscheiden."
So hocken sie beisammen, mit Herrengedeck wie einst im Mai, und durchs Fenster fließt die milde Frühlingsnacht. Frau Hagen ächzt: "Wenn du heiß bist, musst du ran gehn, dann ist alles, dann ist alles okay-jay-jay ..."
Die Oper müsste längst aus sein; wer weiß, wo Schweinchen wieder steckt. "Komisch", sagt Peggy nach der dritten Runde. "Da warten wir nun, und keener kommt. Wie zwei sitzen gelassene Eulen."
"Ich muss doch sehr bitten", sagt Paul. Sie fachsimpeln noch ein Weilchen über die klemmende Kellertür, den stinkfaulen Briefträger im Besonderen und Männer ganz allgemein. Und über früher, all jene Cafés, wo es Bier nur mit Sekt gab, als Herrengedeck für teuer Geld. Peggys Augen leuchten. Stallgeruch, denkt Paul behaglich und nippt am Gemisch. Seinen Kopf erfüllt das Aroma der verlorenen Zeit. Als alles noch drin war ...
"Stimmt es", fragt Peggy gegen zwei, "dass ihr Angst vor Frauen habt?"
"Und wie", antwortet Paul gähnend.
"Ihr Armen." Kichernd klappt Peggy das Sofa auf. "Schläfst du links oder rechts?"
"Ich bin da nicht so festgelegt." Das Licht wird ausgeknipst. Sie strecken sich aus und starren zur Decke. "Danke für die Rettung", sagt Paul. "Das war ein schöner Abend."
"Ist er vorbei?", fragt Peggy heiser.
"Ist er nicht?", fragt Paul.
Lange kein Laut, nur das Summen der Nacht.
"Hörst du es?", flüstert Peggy.
"Was denn?", flüstert Paul zurück.
"Meine Muschi, sie mauzt."
"Das kenn' ich", murmelt Paul. "Besonders um die Jahreszeit."
Schläft Peggy oder tut sie nur so? Sie strampelt sich frei, als wäre ihr zu heiß. Und irgendwann entblößt sie ihr pelziges Geheimnis. Paul beugt sich drüber und schnüffelt verstohlen. Es kitzelt und riecht nach 8x4.
"Ach, mein Tiger." Peggys Arme umschlingen Pauls Hals.
"Miau", macht Paul und vergräbt sein Gesicht.

Paul erwacht, als Schweinchen nebenan die Wohnungstür aufschließt. Viertel sieben. Im Hof krakeelen die Amseln. Peggys Lippen sind leicht geöffnet, als zögerten sie, zum Abschied was Dummes zu sagen. Paul zieht sich an. Ein letzter Blick zurück, vorbei.
Schweinchen, noch sauna-rosig, schüttelt boshaft lächelnd sein Kissen auf. "Na, aus welchem Lotterbett kommen wir gerade?"
"Von nebenan", sagt Paul. "Schönen Gruß!"
"Und, wie war's?", fragt Schweinchen ironisch.
"Geil", sagt Paul.
"Spinner!", murmelt Schweinchen, und während Paul noch lauscht, ob da nicht doch eine Spur von Argwohn durchklang, ertönt schon Schweinchens leises Schnarchen.

 
 


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