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"Äußerst lesenswert" und ein "genialisches Jugendwerk"
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| Ronald Tavel wurde 1936 in Brooklyn geboren und starb 2009 auf einem Flug von Berlin nach Bangkok. Ende der 1950er Jahre bereiste er als 18jähriger auf eigene Faust das gerade unabhängig gewordene Marokko; sein Budget beträgt 3,- $ pro Tag für Unterkunft, Essen und Haschisch. Kurz nach seiner Rückkehr lernt er Andy Warhol kennen, für den er 14 Drehbücher schreibt. Später gründete er das „Theatre of the Ridiculous“ in New York und wurde Lehrbeauftragter für Creative Writing. | ![]() |
Äußerst lesenswert ... Ähnliche Sex- und Drogengeschichten kann man bei Hubert Fichte oder Mohamed Choukri nachlesen, dessen Autobiographie Das nackte Brot ein Kultbuch der achtziger Jahre war. Doch was Ronald Tavels Roman von seinen Vorgängern und Nachfolgern unterscheidet, ist der literarische Furor, mit dem der Autor das Thema angeht und seine teils aufregenden, teils banalen Erlebnisse zwischen zwei Buchdeckel packt, in einer Mischung aus pubertärem Weltschmerz, Abenteuerlust und Erfahrungshunger, der die Marokko-Reise zum Ego-Trip werden lässt nach dem Motto: ‹Das Wesen des menschlichen Zusammenlebens kennenlernen, indem man es ausprobiert. ... Nach seinem genialischen Jugendwerk hat Ronald Tavel keine Romane mehr verfasst ...
Hans Christoph Buch in Die Zeit
Tavel hat die Vielzahl seiner Erzähler mit bewundernswerter Sicherheit im Griff und verpflanzt den Leser in eine fremde, schöne Welt.
Paul Schulz in Männer
Die Geschichte darüber, wie der Amerikaner Mark sich in der drogengeschwängerten Atmosphäre Tangers in den arbeitslosen Tischler Hamid verliebt, ist, fand William Burroughs, «das beste Buch über marokko, das ich je gelesen habe». Dem ist nichts hinzuzufügen.
Spartacus Traveler
Vielstimmig berichtet er vom bedingungslosen Eintauchen in eine fremde Welt und ihren Alltag, von der innigen Liebe zu einem Tischler und Gauner, experimentiert literarisch, stilistisch eigenwillig und schafft atmosphärisch dichte Stimmungsbilder.
Siegessäule
Weltliteratur. (Lustblättchen)
MARK
Schreibe dies in einem kleinen Café (dessen Namen keiner kennt) in einer Nebenstraße des Französischen Viertels, der Rue du Docteur Fumey. Es ist zwar nicht weit vom Stadtzentrum, könnte aber überall sein, denn man bekommt nicht das Geringste davon mit, was draußen vorgeht. Die vorherrschende, ja die einzige Stimmung überhaupt ist die vollkommene Ruhe; die eigenwillige Gelassenheit der Marokkaner überträgt sich wie ein ehernes Gesetz auf alles und jeden. Es ist unmöglich, sich das vorzustellen, wenn man es nicht selbst gespürt hat.
Ich wohne in einer kleinen Pensión im ersten Stock des sogenannten Ziehharmonikahauses am Boulevard Pasteur. Kostet einen Dollar siebzig pro Tag, mit zwei Mahlzeiten. Eigentlich drei, aber das Frühstück besteht nur aus warmer Milch und Toast mit Butter. Das Wetter ist herrlich, wie Frühling, sehr windig.
Die Marokkaner sprechen schlecht Französisch und noch schlechter Englisch, wenn sie überhaupt Fremdsprachen können. Einige hier erinnern sich noch an R. K., Cain und Harv - sie fragen, wann sie wieder herkommen. Jetzt beobachten sie mich höchst neugierig beim Schreiben: Mohammed, der in meiner Pensión arbeitet, Stoney, der Kellner hier, der schwarze Larbi, Hamid, Absalom und Hennig, der den Tee zubereitet. Man hat mir gerade ein Glas Minztee zu trinken gebracht, aus dem eine Rose hervorwächst. Jetzt weiß ich auch, wie dieses Café heißt: Und das bedeutet - halt Dich fest, ich hab's soeben übersetzt bekommen -: "Atlas-Orangenlimonade"! Die Reklame ersetzt das fehlende Namensschild.
HAMID
Mohammed hat gesagt, dass in Romanos Pensión ein junger Ami wohnt. Ich hab gefragt, ob ich ihn kennenlernen kann, und er hat gemeint, ich soll am Sonnabend kommen und Kif mitbringen, dann ist Romano weg nach Madrid. Am Sonnabend lag Mohammed im Bett mit seinem gebrochenen Bein, und Romano war nicht nach Spanien gefahren. Mohammed gab mir zweihundert Francs für den Kif und für Tee und sagte, ich solle den Ami mit in die Docteur Fumey nehmen. Als der Ami ins Zimmer kam, habe ich ihn nicht direkt angeschaut, und auch auf dem Weg ins Café habe ich kaum hingeguckt. Er war genauso angezogen wie die andern, und er war groß und hatte helle Haare.
Ich hab gedacht, klaue ich ihm eben sein Geld.
Im Café saß der blinde Absalom, und Hennig machte Tee. Ich zeigte auf Absalom und fuhr mir mit der Hand über die Augen, weil er blind ist. Dann habe ich dem Ami einen Stuhl gebracht und gefragt: Thé? Und er sagte: Oui.
Als der Tee fertig war, zündete ich eine Sebsi an und reichte sie ihm. Gomba, der Zeitungen verkauft, kam herein, und wir haben Karten gespielt. Absalom fing dann an, sich mit dem Ami zu unterhalten, er kann nämlich Englisch, und bald haben dann alle, die noch kamen, mit ihm geredet, entweder in Englisch oder Französisch.
Ich hielt es für besser, weiter Karten zu spielen und nicht zu dicht bei ihm zu sitzen. Alle sind um ihn herum, und einer wird ihm irgendetwas stehlen, habe ich mir gesagt, und wenn ich in seiner Nähe bin, behauptet er noch, ich wär's gewesen.
Zur Essenszeit haben ihn der dicke Mjido und ich zurück in die Pensión gebracht. Doch er blieb an der Tür stehen und sagte uns, er hätte Angst, dass Romano ihn so sehen könnte. Da habe ich gelacht und zu ihm gesagt: Tu es normal. Dann sind wir mit ihm hineingegangen und haben gewartet, bis er gegessen hatte, und dann sind wir zum Tugeni gezogen, wo wir rauchten und uns weiter unterhielten. Später sind wir noch durch die Straßen geschlendert, und als ich ihn gefragt habe, ob er jetzt schlafen geht, hat er zu meinem Erstaunen geantwortet, er würde gern noch ein bisschen mit mir zusammenbleiben. Nachdem Mjido nach Hause gegangen war, habe ich ihn also in die Gegend der Plaza del Toro gebracht. Und ich hab mir gedacht: Es ließe sich leicht machen, dass zwei von meinen Freunden uns hier in diesen dunklen Gassen überfallen und uns all unser Geld abnehmen. Hinterher würde ich mir dann meines zurückgeben lassen und dazu noch die Hälfte von seinem.
Doch ich habe nichts eingefädelt und selber auch nichts Direktes versucht. Stattdessen habe ich ihn sicher zurück zur Pensión gebracht. Schließlich hatte er mit den andern zusammengesessen und gelacht und Witze gerissen. Und außerdem erinnerte er mich an den jungen Franzosen, der ungefähr genauso alt wie er und auch so groß gewesen war, mit hellen Haaren und blauen Augen.
ALI, DER TAXIFAHRER
Ich war ganz schön verrückt vom Kif, als ich mit dem Taxi zum Café Tugeni gefahren bin. Dort habe ich Maimun getroffen und Hamid, die mit dem Ami draußen an einem Tisch saßen und tranken. Maimun war so betrunken, dass er alle Leute zum Trinken eingeladen hat, aber die andern hatten wohl vor allem geraucht. Der Ami bot mir Wein an. Der Wein machte mich noch viel verrückter, und ich fragte ihn, ob er nicht in meinem Taxi nach Beni Makkada - ka da da! - fahren wollte, oder sonst wohin. Dann hätte ich auch was von ihm gehabt. Aber Hamid war dagegen, er würde nicht in meinen Wagen steigen, wenn sich uns beiden von Kif und Wein der Kopf drehte. Hamid, mein alter Freund! Ein marokkanischer Freund weiß, wo er seine Hand lassen soll - geschlossen und ganz tief in der Tasche. Warum sollten alle etwas von ihm haben, nur ich nicht? Ich hatte ihn noch nie in einen Amerikaner reingesteckt. Hat Hamid das nicht gewusst? Für mich wäre das was Besonderes gewesen. Der Ami fragte Hamid noch einmal, und schließlich sagte der Ja, aber nur, wenn alle drei mitkamen. Ich fuhr zu den Bergen, zum El Sharf. Bei den Bergen war es schwarz wie gizza, ich dachte schon, ich bin blind, und immer wieder gabelte sich die Straße. Die ersten vier Mal bin ich rechts gefahren, aber beim fünften konnte ich mich nun wirklich nicht mehr entscheiden, stattdessen fuhr ich einfach geradeaus gegen den großen Holzpfosten in der Mitte.
Das war's.
Wir sind ausgestiegen. Der Ami hatte Schrammen auf der Stirn und den Knien, und Hamid war an den Knien verletzt. Ich hatte mir den Kopf gestoßen. Dann habe ich versucht, mein Taxi wieder von dem Pfosten wegzuziehen, wo es richtig die Erde aufgewühlt hatte. Es war aussichtslos. Ich habe den anderen gesagt, dass es bestimmt siebzehntausend Francs kosten würde, es zu reparieren, und ich verdiene doch nur achthundert oder neunhundert am Tag. Als endlich die Sonne aufging, kamen ein paar dumme Bauern mit Mauleseln vorbei. Sie halfen uns dreien dabei, den Wagen herauszuziehen. Wir waren noch immer ziemlich verrückt vom Wein und Kif, deshalb mussten die Eselstreiber die meiste Arbeit tun. Nach zwei oder drei Stunden hatten sie das Taxi befreit, und wir haben es den Berg hinuntergeschoben. Als wir im Auto saßen, meinte der Ami, ich würde zu schnell fahren, er wollte lieber aussteigen und zu Fuß gehen. Anscheinend war Hamid ziemlich wütend. Wir kamen dann zu der Werkstatt bei der Rue Fez, und die andern wollten sich verabschieden. Ich habe noch einmal gesagt, die Reparatur kostet bestimmt siebzehntausend Francs, und wenn ihr das Geld nicht zusammenkriegt, dann will ich wenigstens mit dem Ami auf die Rückbank der Schrottkarre.
Ich habe mich auf die Bordsteinkante gesetzt und ihnen nachgesehen.
In meinem Kopf drehte sich alles, und alle Knochen taten mir weh. Wen kümmert schon der Ami? Soll Hamid seinen kleinen Arsch haben, der egoistische Verräter - es hat ihn sowieso schon jeder gehabt, selbst Mohammed und Maimun sagen, dass sie ihn schon gehabt haben. Nur ich nicht.
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