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Uwe Szymborski

Keine Helden

Roman

Titel der Originalausgabe:
"Baby Bottom"

kartoniert,
192 Seiten
EUR 12,00
ISBN 978-3-939542-09-4

Pressestimmen

Leseprobe

zum Autor

 


portofrei bestellen bei www.gaybooks.de

Sorglos im Arbeiter- und Bauernstaat

Ende der 80er Jahre bei Leipzig: Mark lässt sich durch eine unbeschwerte Jugend treiben. Manchmal nervt die Schule oder die Verpflichtungen bei den Jungen Pionieren, aber Mark und seine Freunde kennen das System und haben ihre Tricks, um sich lästigen Pflichten zu entziehen. Schließlich gibt es Wichtigeres: die Hormone spielen verrückt und erste Liebesgeschichten sorgen für Aufregung. Dass Mark sich ausgerechnet in einen Jungen verliebt, der zu Messezeiten als Stricher für Wessis arbeitet, macht die Sache nicht einfacher. Beim Fall der Mauer erlebt er dann in der Westberliner Schwulenszene ganz neue Möglichkeiten, seine sexuellen Wünsche zu entwickeln.

"Keine Helden" erzählt mit viel Atmosphäre vom Alltag eines Jugendlichen in Leipzig vor der Wende, von einem Coming-out ganz besonderer Art.


Pressestimmen zum Taschenbuch

Witzig, spritzig, ernst und geil.
Mario Reinthaler in XTRA

Wunderbarer Coming-out-Roman aus dem Osten.
Box

Fantastische Literatur.
Wolfram Saathoff in Schwulissimo

... zur Erstausgabe

Ein unverklärter Blick auf Pubertierende mit überschäumender Hormonproduktion - und eine gelungene Milieubeschreibung.
Michael Prenner in Our Munich 1/2004

Was für eine Situation, was für ein Stoff!
Michael Sollorz in Hinnerk 9/2003

Uwe Szymborski hält seinen Stil konsequent durch, erstaunlich für ein Romandebüt.
Frank Hermann in Du & Ich 12/2003

Unspektakulär geschrieben, den richtigen Ton treffend, wollen auch wir Wessis mehr erfahren über die Ossis - und stellen fest, dass es soviel anders gar nicht war, drüben im osten.
Adam 12/01 / 03/04

"Baby Bottom" liest sich leicht und ist unterhaltsam.
Martin Weber in Lambda-Nachrichten

Wer wissen will, wie das damals so war, muss dieses Buch unbedingt lesen ... und alle Ex-Ossis sowieso.
Sven Deutschländer in Schwulst Stuttgart


Sonia Conrad ruft mich auf und ich erhebe mich, sehe an die Tafel. Sie hält mein Zeugnisheft in den Händen, strahlt.

"Du hast deinen Zensurendurchschnitt im letzten halben Jahr von 2,0 auf 1,6 verbessert, Mark, das ist eine hervorragende Leistung!"

Scheiße, das is mir verdammt peinlich. Ich spüre, wie ich rot anlaufe.

Bei Pitti und den anderen bin ich jetzt bestimmt völlig unten durch, STREBER nennen sie mich schon lange. Aber was kann ich denn dafür, dass es mir leicht fällt und Spaß macht und die eben einfach bloß Matschbirnen sind, die außer Fußball nichts auf dem Schirm haben.

Pitti kommt im Alphabet direkt vor mir, Pittskap vor Richter, und sein Zeugnis war echt 'n Giftblatt, Durchschnitt 3,8. Die besten Zensuren waren seine Einsen in Sport, im polytechnischen Unterricht und in Staatsbürgerkunde. Zweien hat er keine, aber massenhaft Dreien und Vieren.

"Uwe", sagt Sonia zu Pitti, "vielleicht kannst du ja in den Ferien mit Mark ab und zu üben, um deinen Durchschnitt auch zu verbessern."

Ach du Scheiße, das fehlt grade. Ich wäre echt der Letzte, mit dem Pitti sich herablassen würde, Mathe oder Russisch zu lernen. Das hat er echt nich nötig, dass er einem wie mir in den Streberarsch kriecht.

Nach der Schule warten sie auf mich am Tor: Pitti, Jens und Mattias. "Komm mit!"

Neben der Schule is dieser Park, mit dichten Flieder- und Holunderbüschen. Wer sich dazwischen versteckt, den sieht kein Aas. Da sieht's auch keiner, wenn dich drei Typen in ihre Mitte nehmen und dort hinschleppen.

Breitbeinig stehen sie um mich rum, Jens und Mattias in abgewetzten Jeansjacken, Pitti in 'ner schwarzen Lederjacke, Kragen hochgeschlagen, Zigarette im Mund.

"Wieso hat 'n Sonia gesagt, du sollst mich anmachen, damit ich mit dir übe?", fragt Pitti, und weil er so nahe steht, muss ich zu ihm hochgucken.

"Weiß ich doch nich. Du musst ja nich, wenn du nich willst."

Pitti schiebt seine Ärmel bis zum Ellenbogen hoch, packt mein Hemd am Hals und dreht's zusammen, bis es aus der Hose rutscht und ich kaum noch Luft kriege. Kippenasche fällt mir ins Gesicht.

"Entschuldige dich dafür." Was soll ich machen, einer gegen drei?

Schon gegen Pitti alleine hätte keiner 'ne Chance.

"Okay, Entschuldigung."

Er lässt mich los, grinst fies und knallt mir seine flache Hand ins Gesicht.

"Lass dir's 'ne Lehre sein!"



Im Zug nach Guben sitze ich neben Mike. Schade, dass dies die letzte Klassenfahrt is, an der er teilnimmt. Mike is nich versetzt worden, er geht nach der Achten von der Schule ab, macht 'ne Lehre als Glas- und Gebäudereiniger, also Fensterputzer, gewissermaßen.

"Is doch besser als Schule", hat er gesagt. "Wenn ihr euch noch in der Schule rumplagt, verdiene ich schon fette Mäuse."

Er hat 'ne an den Oberschenkeln abgeschnittene, wild ausgefranste Jeans an und, Scheiße, ich muss ihm immer wieder auf die Beine gucken. Sie sind richtig sehnig, drahtig, wenn man das so sagen kann, und braun gebrannt. Und an den Unterschenkeln hat er dunkle Haare. Kann man nich anders sagen, Mike sieht echt gut aus. Ein bisschen bin ich auf ihn neidisch. Ich bin stolz, dass er mein Freund is.

Komisch, ich muss bloß die Augen zumachen, und schon sehe ich wieder vor mir, wie er nass und frierend am Seeufer steht. Wie er meine Kunstlederjacke auf seinen nackten Oberkörper zieht. Wie ihm das Wasser an den Beinen runterläuft. Bloß die Augen zu - und schon is er da. Geht ganz einfach.

In der Jugendherberge werden natürlich Jungs und Mädchen getrennt: Mädchen im ersten Stock, Jungs unterm Dach. Vier-Mann-Zimmer, ich komme mit Mike, Ronny und Mario auf eine Bude.

Nachmittags Stadtbesichtigung. Hättense sich echt schenken können. Guben, die "Wilhelm-Pieck-Stadt", sieht nich viel besser aus als Leipzig, die gleichen grauen Häuser, die gleichen Autos, die gleichen Kaufhallen, die gleichen Losungen zum Parteitag. Aber wenigstens Lakritz gibts hier zu kaufen, die hab ich in Leipzig schon seit Monaten nich mehr gesehen.

Abends tobt 'ne Wasserschlacht im Waschraum. Alle zwölf Jungen aus meiner Klasse drängeln sich unter den Duschen. Die, die keinen Platz finden, drehen denen, die drunter stehen, das heiße Wasser ab und das kalte auf. Mattias lässt 'ne Waschschüssel voll laufen und klatscht den Inhalt mit Schwung über Sven, Ronald und Mario. Pitti hat 'n Schlauch gefunden, der an 'nem Hahn in der Ecke angeschlossen is.

"Wasserwerfer!"

Der Strahl spritzt auf die nackten Kerle unter den Duschen. Scheint, als ob er mit Absicht auf die Pimmel und Ärsche und Fressen zielt. Irgendwer klatscht mir 'n eingeseiften Waschlappen in die Visage. Nach 'ner Stunde schwimmt das Bad und von allen Wänden tropft es. Wir haben uns auf die Zimmer zurückgezogen, um Sonias Abendinspektion abzuwarten. Sie guckt kurz rein, sagt Gute Nacht und macht das Licht aus. Vor dem Fenster taucht 'ne Gestalt auf, wie in 'nem Gruselfilm. Es klopft gegen die Scheibe. Mike macht auf. Jens' Stimme.

"Ey, wir wollen zu den Weibern runter, kommt mit!"

Zwischen dem Fenster nebenan, wo Pitti, Jens, Mattias und Sven hausen, und unserm is 'ne Feuerleiter, vom Dach bis ins Erdgeschoss. Pitti und Mattias sind schon auf der Leiter, barfuß und im Schlafanzug. Mario will nich und bleibt im Bett. Mike und Ronny steigen aus dem Fenster. Okay, ich komm mit, weil Mike auch mitmacht.

Pitti klopft schon eine Etage tiefer bei den Weibern ans Fenster. Lautes Kreischen drin. Die hetzen uns doch glatt Sonia Conrad auf den Hals. Dann macht eine auf.

Die Schlampen sind ganz schön erschrocken, haben sie wohl noch nich erlebt, Männerbesuch mitten in der Nacht. Sie hocken in ihren Betten, die Decken bis zum Hals hochgezogen, und kichern albern. Lediglich Andrea steht im Bademantel an der Tür Schmiere, falls Sonia noch mal kommt.

"Na, Puppe, wie wärs mit uns?" Mattias setzt sich auf Mandys Bettkante. Sie hängt den Kopf raus und tut, als ob sie kotzen muss. So richtig weiß keiner, was wir nun hier anfangen sollen. Eigentlich müssten wir doch jetzt alle die Weiber anmachen, oder? Mike streicht sich fröstelnd über die Oberarme, er hat nichts weiter an als seine Schlafanzughose.

"Achtung, Sonia kommt!", ruft Andrea und zieht die Tür zu.

Scheiße, Mann. Jens und Pitti schaffen es noch, zum Fenster raus und auf die Leiter. Mattias lässt sich unter Mandys Bett gleiten. Sofort verschwinden auch Mike und ich auf diese Weise, unter Doreens Bett. Im Zimmer is es dunkel. Mike schiebt mich zurück an die Wand. Seine nackte Schulter drückt von unten gegen mein Kinn, sein Hintern an meinen Oberschenkel. Ich weiß nich, wohin mit den Händen. Mit einer stütze ich mich am Bett ab, die andere lege ich über Mikes Taille. Seine Körperwärme dringt durch meinen Schlafanzug.

So lange habe ich meinen Freund noch nie berührt ohne mich zu bewegen. Es is fast - na ja, so ähnlich stelle ich's mir mit 'nem Weib vor, so einer am andern. Oh Scheiße, ich merke, wie ich 'n Steifen kriege, er drückt gegen Mikes Hintern. Dass er bloß nichts davon merkt.

Mann, wie wärs, wenn er's doch merken würde? Mike is der beste Freund, den ich habe. Ich mag ihn. Ich würde alles für ihn tun. Ich bin verknallt in ihn - bin ich verknallt in ihn? Quatsch, wir sind schließlich erst vierzehn und er is 'n Kerl wie ich, aber trotzdem - er is echt süß, wirklich. Seine schwarzen Haare, seine braun gebrannten Beine, sein drahtiger Körperbau. Ich genieße es, seine Wärme, seine Nähe. Wenn wir nur ewig so liegen könnten.

Das Licht geht an. Hier unten können wir nichts sehen, aber wir hören Sonias Stimme: "Ist alles in Ordnung? Macht das Fenster zu! Und gute Nacht, jetzt!"

Mike zittert ein bisschen, ich weiß nich, ob's vor Aufregung is oder weil er lachen muss. Er presst sich noch mehr gegen mich. Jetzt muss er's doch aber merken, spätestens jetzt.

"Sie ist weg, ihr könnt vorkommen!", ruft Andrea leise von oben. Und Mike schiebt sich unterm Bett vor, steht auf. Schade. Ich folge ihm. Draußen auf der Leiter ruft Jens von oben: "Was habt ihr denn so lange bei den Weibern gemacht, ihr Säcke? Habt ihr jede einzeln durchgenommen?"

Später liegen wir wieder in unsern Betten. Ich fasse meinen Schwanz an, der davon und von dem Gedanken an Mike wieder steif wird, schiebe die Haut vor und zurück. Oh Mann, das is, als würd ich immer noch bei ihm liegen, Scheiße, ey, is das gut.

 
 


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