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Uwe Szymborski

Radikal

Roman

Klappenbroschur, 144 Seiten
EUR 15,00 (D)

ISBN: 978-3-939542-05-6

Pressestimmen

Leseprobe

zum Autor

  Radikal


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"Zäh wie Leder"

In der "3. Halbzeit" treffen sich die "national gesinnten" Kameraden Magdeburgs. Sie sorgen für "Ordnung" in der Stadt, verprügeln Junkies und Ausländer, und von Zeit zu Zeit soll ein deutlicheres Zeichen gesetzt werden. Als Asylanten in ein leeres Haus einziehen, ist ein solcher Moment gekommen: vier Skinheads basteln Molotow-Cocktails und planen einen Angriff. Florian hat sich mit einer Flasche Kornbrand außer Gefecht gesetzt und kommt zu spät; als er sieht, dass Menschen in dem brennenden Haus eingeschlossen sind, rettet er im Reflex den kleinen Eyfan und erwacht am nächsten Tag auf der Intensivstation als "Held". Im Krankenhaus hat Florian Zeit, über sein Leben nachzudenken. Jemand muss gegen den Verfall der deutschen Werte eintreten, aber was sind das eigentlich für Menschen, die er als Kameraden betrachtet? Mit "Heydrich" laufen manchmal verklemmte Sexspiele, aber sonst ist nicht viel mit ihm los; Tom plappert Parolen nach, die er irgendwo aufgeschnappt hat, und Marco will ganz einfach zuschlagen. Als er merkt, dass Danny, der Zivildienstleistende auf seiner Station, ganz locker mit seinem Schwulsein umgeht, und sein Zimmernachbar, der alte Trautner, für seine Sprüche nur ein müdes Lächeln übrig hat, kommt Florian ins Schwimmen. Ob es ihm gelingen wird, sich selbst besser zu verstehen und seinem Leben eine andere Richtung zu geben, muss am Ende der Leser selbst entscheiden.

In seinem Romandebut "Baby Bottom" hat Szymborski sein großes Talent bewiesen, das Aroma einer Lebenswelt im Text sinnlich erfahrbar zu machen. Mit dieser Voraussetzung nähert er sich nun einem Thema, das in der öffentlichen Debatte zumeist in Klischees erstickt wird. "Radikal" ist eine Gratwanderung - das menschliche Gesicht eines Skinheads zu beschreiben bedeutet nicht, die Gefahr der rechtsradikalen Szene zu verharmlosen. Uns hat das Ergebnis beeindruckt - urteilen Sie selbst!


Pressestimmen

Eine energiegeladene Sprache, die literarisch fast genauso gut funktioniert wie als Wichsvorlage.
Peter Rehberg in Männer aktuell

Nach "Baby Bottom", seinem überzeugenden Debütroman über ein Coming-out in der ehemaligen DDR, wendet sich der in Hannover lebende Autor Uwe Szymborski nun dem heiklen Neonazi-Thema zu. (...) Sein unaufgeregter, dem Thema angemessen trockener Schreibstil, seine realitätskonformen Dialoge und nicht zuletzt das zu Interpretationen einladende Ende verleihen dem Roman die notwendige Dichte und Glaubwürdigkeit.
Siegfried Straßner in Nürnberger Schwulenpost

Uwe Szymborski baut aus der brisanten Ausgangslage einen spannenden Plot, verfängt sich aber leider etwas zu oft in Klischees.
Carsten Schrader in Kulturnews

Szymborski hat sich auf eine Gratwanderung begeben - er ist nicht abgestürzt. Sondern lädt uns ein, zumindest einen Blick in die Tiefe zu werfen.
Martin Weber in Lambda-Nachrichten


Florian beeilt sich, durch den ekligen Nieselregen zur Straßenbahn zu kommen. Bis zu Marco sind es vier Haltestellen. Es ist schon fast fünf, er muss zu Hause sein.
Marco arbeitet als Möbelträger bei einer kleinen Spedition. Er ist der einzige von Florians Kameraden, der einen Job hat. Als er vor einem halben Jahr aus der Haft kam, wollte der Inhaber der Firma ihm noch einmal eine Chance geben. Möglicherweise spielte dabei auch eine Rolle, dass Marco nicht wegen irgendwelcher Klauereien oder Drogen gesessen hatte. Er hatte lediglich einem kurdischen Türsteher, der ihn nicht in die Disco lassen wollte, die Zähne eingeschlagen. Ein Jahr erhielt er dafür. Bewährung gab es nicht, weil Marco zufällig einen Schlagring in der Faust hielt, als er den Kurden plattmachte. Außerdem hatte er vor Jahren schon mal sechs Monate Jugendhaft weg, das kam nicht so gut. Nun schleppt er also Möbel. Entsprechend trainiert ist er, außerdem einen Kopf größer als Florian. Dass Marcos Faust töten kann, da-rauf würde Florian jederzeit wetten.
Auch Marco wohnt im Altbau, aber immerhin nicht in einem Loch unter dem Dach.
Florian klingelt und ein Schatten taucht hinter den Glasscheiben in der Korridortür auf. Das Brett fliegt auf.
«Ach du. Komm rein.»
Marco steht splitternackt vor Florian, aber das scheint ihm völlig egal zu sein. Lässig geht er vor ihm her ins Zimmer zurück und Florians Blick klebt an seinem breiten Kreuz.
Das Mädchen, das ebenso nackt auf dem Sofa liegt, ist eine alte Bekannte von Florian. Sie setzt sich auf und zündet sich eine Zigarette an.
«Heil, Florian.»
«Heil, Nicole.»
Sie ist öfter bei Marco zu Besuch. Jeder weiß, dass sie ihm die Bude auf Vordermann bringt, seine Klamotten wäscht und sich von ihm vögeln lässt. Krass ist, dass sie ihre Haare ebenfalls auf zwei Millimeter getrimmt hat und auf der linken Schulter ein Eisernes Kreuz tätowiert trägt.
Sie hockt im Schneidersitz auf der Couch und es ist schwer möglich, ihr nicht zwischen die Beine zu sehen.
«Was machst’n so?», fragt sie.
Florian zuckt mit den Schultern.
«Keine Ahnung. Nichts los in deutschen Gauen.»
Marco hält ihm ein Bier vor die Nase.
«Sieg!»
«Heil! Hab ich euch gestört?»
Marco winkt ab und steckt sich ebenfalls eine Zigarette an.
«Waren schon beim Nachspiel.»
«Na, dann.»
Per Fernbedienung schaltet Marco den Fernseher an. Seifenoper, zum Abkotzen.
Marco klatscht Nicole auf den Rücken.
«Zieh dir was über, Alte, und dann mach die Fliege. Tom und Heydrich kommen auch gleich.»
Sie zieht zwar einen Schmollmund, rutscht jedoch von der Couch und sammelt ihre Sachen ein. Auch Marco steigt in seine Boxershorts und die Tarnhose und streift ein T-Shirt über. Es spannt über der Brust. Dann fährt er in die Socken.
Nicole hängt sich ihm an den Hals und küsst ihn schmatzend auf den Mund. Er guckt von oben auf sie herab und knetet eine ihrer Titten, ohne die Zigarette aus der Hand zu legen.
«Hau ab.»
«Wichser», sagt sie und zieht Leine. Marco und Florian überbrücken die nächste Viertelstunde mit einem weiteren Bier. Dann klingelt es.
«Komm rein!», brüllt Marco in Richtung Tür.
Zwei Skinheads poltern in das Zimmer, beide in schwarz-weißen Tarnhosen und schwarzen Bomberjacken. Tom und Heydrich.
«Heil!»
«Heil!»
«Ey, ihr Fotzen sauft hier ohne uns?»
«Haste vielleicht gedacht, wir warten, bis ihr endlich mal aufschlagt?»
«Hauptsache, ihr habt die Kolben kalt gestellt.»
Tom öffnet den Reißverschluss seiner Bomberjacke und zieht eine Flasche aus der Innentasche.
«Nordhäuser Kornbrand.»
Er ist der Einzige der vier, der ständig Vollglatze trägt. Wenn er lacht, sieht es aus, als ob der Vollmond scheint.
Marco feixt und schraubt die Flasche auf. Wie einen Ehrenpokal hält er sie in die Runde und fragt:
«Was macht den Mann wie neugebor’n?»
«Fotzenschleim und Doppelkorn!», schreien die anderen drei im Chor und Florian sagt grinsend zu Marco:
«Hattest du doch grade, fühlst du dich schon wie neugeboren?»
Marco holt sich lässig einen Popel aus der Nase, schnippt ihn weg und antwortet:
«Na und, kannste nie genug von haben. Läuft doch auch pausenlos nach bei den Muschis. Ist wie an ’ner Saftbar: Strohhalm rein und saugen.»
Heydrich kichert albern:
«Muschibar. Strohhalm. Dran saugen.»
«Machste das auch bei Nicole?», fragt Florian.
Marco lächelt hinterhältig.
«Bei der, Alter, da mach ich noch ganz andere Sachen.»
Und als Florian gerade anfangen will, sich auszumalen, was das wohl für Sachen sein mögen, kommt die Flasche zu ihm. Er nimmt einen tiefen Schluck und gibt sie an Heydrich weiter, der immer noch kichert:
«Strohhalm, Strohhalm rein. Krass.»
Tom deutet mit der Zigarette auf Marco.
«Du Ratte bist doch jeden Tag so geil, du würdest sogar ’ne Kanakenbraut ficken, wenn nichts anderes da ist.»
Florian findet das ganz schön mutig, denn jeder andere, der so was zu Marco sagt, riskiert, ein paar auf die Schnauze zu kriegen. Aber bei Tom zuckt Marco nur lässig mit den Schultern. «Was willste denn auch sonst mit denen anfangen?»
Sie rauchen jetzt alle vier.
«Muss man bloß auf deren Macker aufpassen. Von wegen Blutrache und so», ergänzt Marco und nimmt einen langen Zug aus der Pulle. Was heißt hier Blutrache, denkt Florian. Früher hieß so was Blutschande.
«Da wollen wir doch mal sehen, wer schneller ist», meint Tom. Die Klinge seines Federmessers springt auf. «Wenn die es drauf anlegen, können sie bei mir gerne Blut haben, aber ihr eigenes.»
«Ja, Blut, ey», sagt Heydrich. «Niggerblut. Zeckenblut. Abgefahren.» Er lässt den Nordhäuser in großen Schlucken in seine Kehle rinnen und gibt die Flasche an Marco weiter.
Heydrich ist nicht sein richtiger Name. Tristan heißt er, Tristan Watenscheider. Aber er hat am siebten März Geburtstag, genau wie der Obergruppenführer Reinhard Heydrich. Florian hat ihm von dem erzählt: Hat die Tschechei auf Vordermann gebracht. Stellvertretender Reichsprotektor. Attentat. Schwer verletzt aus dem Wagen gesprungen und noch hinter den Bombenlegern hergeschossen. Heldenbegräbnis. Und weil der mit zweitem Vornamen Tristan hieß, nennt Heydrich sich Heydrich. Er ist nur vier Wochen älter als Florian, genauso schlank und ebenso groß, aber dunkelblond. Das ärgert ihn, denn «wenn es mal losgeht», will er unbedingt in die neue SS. Jedenfalls ist er überzeugt davon, dass es dann wieder eine gibt. Für diesen Fall wäre er sogar bereit, sich die Haare zu bleichen, um blond und blauäugig zu sein. Blond findet Florian ihn schon jetzt manchmal, wenn Heydrich Sätze sagt wie «Die Ausländer, dass die jetzt alle zu uns hierherkommen, das ist wegen dem Geld und so, was die hier alles kriegen können». Aber dennoch ist Heydrich derjenige von den Kameraden, mit dem Florian am engsten befreundet ist.
Er ist gelernter Tischler, die Möbel in seiner Bude hat er größtenteils selbst gebaut. Vor einem Jahr hat die Firma ihm gekündigt und einen Serben eingestellt, der dieselbe Arbeit für zweihundert Euro weniger macht. Seitdem steht er wie Florian auf der Straße. Dem Typen, der ihm den Job weggenommen hat, hat er die Bremsleitungen durchgeschnitten. Tags darauf war der Wagen nur noch Schrott, aber dem Serben ist nichts passiert.
Die Tagesschau berichtet: «In Hamburg hat die Polizei drei Mitglieder einer rechtsgerichteten Vereinigung festgenommen. Die Neonazis waren durch die Straßen der Innenstadt gelaufen und hatten ausländerfeindliche Parolen an Hauswände gesprüht sowie den Hitlergruß gezeigt.» «Bullenschweine», knurrt Heydrich.
Tom springt auf.
«Für unsere tapferen Hamburger Kameraden, die mutigen Propagandisten des neuen Deutschland – ein dreifaches Sieg! –»
Florian denkt: mutige Propagandisten des neuen Deutschland. Der Spruch ist nicht auf seinem Mist gewachsen. Zu solchen Formulierungen ist Tom gar nicht fähig. Trotzdem erntet er damit ein dreistimmiges «Heil!».
«Sieg!»
«Heil!»
«Sieg!»
«Heil!»
«Es wird verdammt Zeit, dass hier auch mal wieder was losgeht. Das zeigt den Jungs zumindest, dass sie nicht alleine stehen», sagt Marco. Heydrich gibt ihm recht.
«Und die Ausländerfotzen, da blicken die dann endlich, dass sie hier nicht immer, also, dass wir uns nicht alles gefallen lassen.»
«Wir haben lange nichts mehr mit Flammenwerfern gemacht», fällt Marco ein.
Flammenwerfer: Flasche mit Benzin füllen, Lappen rein, anzünden, wegschmeißen. Lediglich gut werfen muss man können.
Das ist Marco: Vor kaum sechs Monaten aus dem Bau gekommen, aber schon wieder voll dabei. Florian an seiner Stelle wäre vielleicht erst mal abgetaucht, hätte auf Vorsicht gemacht. Aber Marco steckt halt tiefer drin, in der Bewegung, und denkt an sich selbst erst zuletzt. Vielleicht macht er sich auch einfach weniger Gedanken.
«Ich besorge uns einen Kanister voll. Wir können ja schon mal Flaschen sammeln.»
Heydrich lutscht den letzten Tropfen Kornbrand von der Flaschenöffnung.
«Warum dürfen Neger keine Schokolade essen?»
«Oooch – Scheiße, Mann, das ist so grufti», findet Tom.
«Was, wieso? Neger, haste was gegen die, Alter?»
«Leck mich. Zum Stiefel- oder Scheißhausputzen, da kannste die gebrauchen.»
«Genau. Für alles das, wofür sie im Reich die Streifenhörnchen im Lager genommen haben», antwortet Tom, «die Juden und Bolschewisten. Und die Schwulen und Zigeuner.»
Heydrich kichert: «Schwule Zigeuner.»
«Das war der Fehler, das mit den Juden und den Gaskammern. Das hätten sie nicht machen sollen. Dann wäre Deutschland auch nicht so in Grund und Boden gebombt worden», sagt Florian.
«Was hat das damit zu tun?», fragt Tom argwöhnisch.
Das liegt doch auf der Hand.
«Dadurch sind die doch alle erst richtig wütend geworden auf Deutschland – das ganze Weltjudentum, in Amerika und England und so.»
Florian sollten sie fragen. Florian hat alles gelesen, was man darüber wissen muss.
«Wahrscheinlich wären sie dann sogar mit Deutschland gegen die Russen marschiert.»
«Du laberst Scheiße, Koll», sagt Tom ärgerlich. «Juden an der Seite Deutschlands. Wenn man sich das schon vorstellt.»
«Aber Stalin ist doch mit den Juden auch nicht besser umgegangen. Da hätten die Juden vielleicht sogar noch die Bewaffnung der Wehrmacht bezahlt, wenn der Führer sie auf seine Seite gezogen hätte.»
«Geile Aussichten. Die Juden bezahlen die Wehrmacht und geben vielleicht nach dem Endsieg noch damit an. Du hast doch total einen an der Klatsche.»
Immerhin behauptet Tom nicht, dass das mit Auschwitz und den Gaskammern gar nicht stimmt. Er sagt nur:
«Wenn irgendwann mal ein neuer Führer kommt, der macht sowieso alles besser. Heute sind wir doch viel weiter, heute haste schon ganz andere technische Möglichkeiten. Und wir haben aus der Vergangenheit gelernt. Heute sind es nicht mehr nur die Juden, jedenfalls nicht als Erste.»
«Genau», ergänzt Heydrich. «Die Kanaken, die Affen, die Briketts, die Zecken.»
«Okay, Leute, Schluss für heute. Ich muss morgen früh wieder auf der Matte stehen.» Marco drängt zum Aufbruch, als es dunkel ist.

 
 


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