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Walter Homann

Tagebuch einer männlichen Braut

Roman

mit einem Nachwort von Jens Dobler

Bibliothek rosa Winkel Bd. 53

Kartoniert
176 Seiten,
12,00 EUR (D)
ISBN: 978-3-939542-53-7



Pressestimmen

Der Autor

Leseprobe

 


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Vom Lehrling zur Gräfin

Der "blonde Dori" beschreibt in seinem Tagebuch die Stationen seines ungewöhnlichen Lebens. Für lange Zeit ist es ihm selbst ein Rätsel, warum manche Männer sich so sehr um seine Freundschaft bemühten, während andere ihn verächtlich als Hure bezeichneten. In aller Unschuld und Naivität begreift er nicht, dass sein ganz selbstverständlich gelebtes effeminiertes Verhalten ihn in den Augen der Anderen verdächtig macht. Nachdem er sich entschließt, die Kleidung des anderen Geschlechts anzulegen, erlebt er einen rasanten sozialen Aufstieg, der jedoch im Fiasko endet.

Das Tagebuch spiegelt eigene Erfahrungen des Autors Walter Homann (1887-1918), verarbeitet aber auch das Schicksal der "Comtesse Dina Alma de Paradeda" (Foto), die Magnus Hirschfeld als Paradebeispiel für den "sexuellen Sondertypus" des Transvestiten anführt.

"Im Dezember 1906 las man in den Zeitungen viel über eine "männliche Braut": Ein Breslauer Lehrer hatte sich mit einer ›adeligen Dame‹ verlobt, die in Wirklichkeit ein verkleideter Mann war und aus Angst vor Entdeckung Selbstmord verübte. Wenig später, im Frühjahr 1907, erschien das "Tagebuch einer männlichen Braut", herausgegeben von Walter Homann, der die Aufzeichnungen, die er mit dem Buch der Öffentlichkeit zur Aufklärung über das "dritte Geschlecht" übergab, von der Polizei erhalten haben will ("Auf dem Polizeipräsidium wurden mir die Tagebuchblätter ausgehändigt"). Zwar wird in dem Buch an keiner Stelle behauptet, daß es sich um die Geschichte der Breslauer "männlichen Braut" handle, aber offensichtlich wurde es (auch) als Dokumentation zum aktuellen Fall gelesen: Das Buch wurde ein großer Erfolg." (Aus dem Nachwort von Jens Dobler)

Homanns Buch ist ein Schelmenroman, der anfangs in manchem an den "Felix Krull" erinnert: in naivem Tonfall erzählt der "blonde Dori", wie er zunächst ganz ahnungslos in eine Welt jenseits der klassischen Männerrolle gerät. Damit wird den späteren Hochstapeleien als Dame von Stand die kriminelle Energie weginterpretiert: er macht ja nur das Beste aus einer Situation, in die er von der Umwelt hineingedrängt wurde. Die Stimmung wechselt, als Dori sich entschließt, in Frauenkleidern sein Glück zu versuchen - die leichte Melancholie der Jugend wird durch forsche Abenteuerlust ersetzt. Insofern lässt dieses vermeintliche Tagebuch die geschickte Dramaturgie eines routinierten Schriftstellers erkennen.


Der Autor

Walter Homann, 1887 in Braunschweig geboren, verließ vorzeitig das Gymnasium (wie der blonde Dori), absolvierte eine kaufmännische Lehre, arbeitete als Volontär bei der Zeitung und eröffnete ein eigenes literarisches Büro eröffnet. Schon 1907, mit zwanzig Jahren, wird er in einem "Handbuch deutscher Dichter und Denker" als Berufsschriftsteller mit einem Dutzend Veröffentlichungen aufgeführt.

Ab 1909 reist Homann immer wieder gen Süden, zunächst nach Italien, dann in die Schweiz, wo er zwischen Zürich, Davos und Luzern hin und her pendelt. Er stirbt am 5. Juni 1918 in Luzern - wohl an Schwindsucht oder der spanischen Grippe.


Pressestimmen

Bei aller aus heutige Perspektive unfreiwilligen sprachlichen Komik gewährt die Geschichte einen interessanten Einblick in die hierzulande längst in Vergessenheit geratene Vorstellung, die eigene Homosexualität nur in der Rolle einer Frau ausleben zu können.
Männer

So fremd uns Stil und Rührseligkeiten auch geworden sein mögen, so erstaunt doch stellenweise die Mordernität des Werks - zu einer Zeit, in der noch nicht alles möglich war.
Martin Weber in Lambda

Homanns Buch ist ein kleines Schmuckstück.
Siegessäule

Es ist immer wieder ein Vergnügen, pikanten Stoff zu lesen, der längst aus den Bücheregalen verschwunden ist.
Adam

Es stellt das Werk jedoch über die zahllosen Enthüllungsbücher der damaligen Zeit, wie hier mit den Mitteln des Sensationalistischen um Verständnis für eine andersgeartete Sexualität geworben wird.
Dino Heicker in Hinnerk

Eine berührende und tragische Geschichte eines Transvestiten - wunderbar verwoben mit den privaten Erfahrungen des Autors und der Comtesse Dina Alma de Paradeda.
Mario Reinthaler in Xtra


Leseprobe

Also, seit einigen Tagen weilt in F., zur Freude der Bevölkerung und des Magistrats, ein gekröntes Haupt, der Fürst eines deutschen Bundesstaates. Ihm zu Ehren wurden schon eine ganze Reihe festlicher Veranstaltungen getroffen, und die Hauptnummer im Programm sollte eine Festvorstellung im Opernhaus bilden. Es wurde Lohengrin angesetzt und ein berühmter Sänger aus Berlin für die Titelrolle verschrieben. Gestern abend ging der Rummel vor sich.

Die Zeitungen hatten so viel über das bevorstehende große Ereignis berichtet, und es als ein solches ersten Ranges hingestellt, daß ich mir sagte, da müßte ich eigentlich auch dabei sein. Bei solchen Anlässen ist es aber Sitte, daß die Herren im Frack, und die Damen in eleganter weitausgeschnittener Gesellschaftsrobe die Oper besuchen. Ich überlegte mir die Sache, und da ich zur Zeit über einen Frackanzug nicht verfüge und mir auch keinen solchen von einem Verleihinstitut borgen mochte, so erinnerte ich mich meiner herrlichen, funkelnagelneuen Damenrobe, die den weitgehendsten, an sie gestellten Forderungen vollkommen entspricht. In dieser Robe, als Dame, die Oper zu besuchen mußte herrlich sein.

Ich bin ganz verliebt in mein neues Kleid, und der Gedanke, daß ich bis zum Dezember warten solle, ehe mir Gelegenheit würde, es einem verehrten Publikum vorzuführen, wollte mir nicht in den Sinn. Jetzt bot sich die Gelegenheit, mich in dem Kleid zu zeigen und die wollte ich nicht ungenützt vorüber gehen lassen. Der Gedanke, als Dame in der überaus eleganten Robe im Opernhaus zu erscheinen, und mit ihr zu brillieren, setzte sich in meinem Kopf derart fest, daß ihn keinerlei Bedenken herauszudrängen vermochten. Mein Hotelportier besorgte mir glücklicherweise noch ein Logenbillet, und gestern Abend wurde mir von meinem Friseur die Perücke wieder in der kunstvollen Weise arrangiert, die es unmöglich macht, die Fälschung des Tatbestandes erkennen zu lassen. Dann legte ich, mit Hilfe meines sehr geschickten Zimmerkellners, meine herrliche Robe an und ließ mir um die entblößten Schultern meinen Theatermantel legen. Dem Kellner, einem fixen Kerlchen, machte die Sache natürlich sehr viel Vergnügen. Er besorgte mir ein Automobil und in ihm fuhr ich vor dem Opernhaus vor. Zum ersten Male wagte ich mich in Frauenkleidern und mit der Absicht, als Frau zu gelten, unter Menschen. Die Affaire in C., gelegentlich meiner Verhaftung, rechnet nicht mit und mein Auftreten auf der Bühne war eben eine Varieténummer, bei der sich jeder Zuschauer durch einen Blick in das Programm überzeugen konnte, daß der Darsteller nur ein geschickter Illusionist war. Hier im Opernhaus zu F. wollte ich aber als echte, wirkliche Dame angesehen werden und ich nahm meine ganze, mit der Zeit recht bedeutend gewordene Geschicklichkeit zu Hilfe, um auch nicht einen Augenblick aus der Rolle zu fallen.

Mein Gang durch das Foyer, die teppichbelegte Treppe hinauf bis zu meiner Loge, war ein Triumphzug. Ich schritt durch ein Spalier befrackter Herren, deren Blicke mir bewundernd folgten, mit dem Anstand einer Königin. Auch unter ein Kreuzfeuer halb neidischer, halb feindlicher Blicke aus den Augen mehr oder weniger schöner Damen wurde ich genommen. Aber ich bestand gut, keine von ihnen ahnte, daß ich nicht eine ihrer Mitschwestern war.

Auch als ich mich an der Brüstung der Loge niederließ, bemerkte ich, daß sofort eine große Zahl Operngläser sich fragend auf mich richteten, aber ich bewahrte den Gleichmut einer an Triumphe gewöhnten Weltdame.

O, es gewährte mir sogar ein ganz unsagbares Vergnügen zu bemerken, welches Aufsehen meine Erscheinung überall hervorrief und den ganzen Abend über wurde wohl, außer dem Fürsten, keiner anwesenden Persönlichkeit soviel Interesse entgegengebracht, als mir.

Nach dem zweiten Akt begab ich mich, stolz, unnahbar, mit hocherhobenem Haupte, in den Erfrischungsraum und bald folgte mir ein Dutzend befrackter Herren.

Das Gedränge war sehr groß und ich mußte meine Schleppe hochnehmen, um sie zu schützen. Ich hatte in meinem Leben noch nie eine so elegante Gesellschaft beisammen gesehn, geschweige, daß ich mich je mitten unter einer solchen befunden hätte. Dabei war ich durchaus nicht befangen, aber ich gab absichtlich meinem Gesicht einen so kühlen, abweisenden Ausdruck, damit es nicht etwa einem der Herren einfallen sollte, mich anzureden, denn es war nicht meine Absicht den Scherz so weit zu treiben, hier etwa Herrenbekanntschaften anzuknüpfen.

Aber siehe da, plötzlich vertrat mir, trotz der herausgesteckten Warnungstafel, ein Herr den Weg und mit einem liebenswürdigen Lächeln meine Hand an seine Lippen ziehend, sagte er ziemlich laut: Ich bin entzückt, meine Gnädige, Sie endlich wieder einmal zu treffen! Dabei schob er seinen Arm ganz ungeniert unter den meinen und führte mich, wie eine alte Bekannte, an das Büffet, wo er für uns eine Erfrischung bestellte.

Ich war derart erstaunt über die Dreistigkeit, mit welcher mich der Herr überrumpelt hatte, daß ich erst jetzt dafür Worte fand.

Ich wußte, daß wir aus nächster Nähe scharf beobachtet wurden und ich wollte daher alles vermeiden, was einer Scene ähnlich sah. Darum lächelte ich ganz unbefangen und liebenswürdig, als ich dem Herrn die Worte zuraunte: "Mein Herr, Ihr Benehmen ist eine Frechheit." Er verzog keine Miene, sondern antwortete mir mit freundlichem Lächeln und sein Weinglas zu mir erhebend: "Das Ihre auch, mein Herr!"

 
 


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