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Howard O. Sturgis:

Tim

Roman

aus dem Englischen von Natalie Rümelin
mit einem Nachwort von Wolfram Setz
Bibliothek rosa Winkel, Bd. 48

Kartoniert, 220 Seiten
12,00 € (D)

ISBN 978-3-939542-48-3



Der Autor

Pressestimmen

Leseprobe

 


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David und Jonathan in Eton

"Die schlichte, aber psychologisch äusserst feine und im guten Sinne rührende Erzählung der leidenschaftlichen Zuneigung eines Knaben, Tim, zu seinem Jugendfreund Carol. Tim geht in seiner grenzenlosen Liebe soweit, dass er Bruch der Freundschaft und Gleichgültigkeit erheuchelt, um nicht das Verhältnis von Carol zu dessen eifersüchtigen Braut zu trüben. Obgleich völlig rein und ideal gehalten, tritt doch der homosexuelle Charakter der geschilderten Gefühle deutlich hervor."
Numa Praetorius (1900)

Mit dieser Erzählung ist eine Perle ›urnischer‹ Literatur wiederzuentdecken. 1891, vier Jahre vor den Wilde-Prozessen, anonym erschienen, kannte auch die deutsche Übersetzung von 1895 keinen Autor.

Für E. M. Forster gehörten Sturgis' Bücher zu den literarischen Wegbereitern; sein Maurice ist auch eine Antwort auf Tim.

Der Autor

Howard O. Sturgis (1855-1920), amerikanischer Herkunft, doch in England geboren und in der Nähe von Eton lebend, gehörte zum Freundeskreis um Henry James und Edith Wharton. In seinem Erstling verarbeitete er auch seine Jahre in Eton (und setzte die Tradition der Public-School-Romane fort), doch nicht der Schulalltag steht im Mittelpunkt, sondern die (Un)Möglichkeit von Nähe zwischen Schülern verschiedener Altersgruppen in einer Public School.

Das Foto zeigt Howard Overing Sturgis und William Haynes Smith

 

Pressestimmen

Wenngleich ein wenig sentimental, so besticht Sturgis Roman durch seine literarische Qualität. Neben einer einfühlsamen psychologischen Durchdringung der Hauptfiguren reizen insbesondere die mit wenigen Strichen gekonnt charakterisierten Nebenfiguren auch heute noch zum Schmunzeln.
Dino Heicker in Hinnerk

"Tim" ist eine echte Sensation. Zum Schwelgen in den überwundenen Schmerzen der Jugend und dem Wiederentdecken eines wichtigen Textes gleichermaßen empfohlen.
Männer

Eine bezaubernde Wiederentdeckung.
Du&Ich


Leseprobe

Fünftes Kapitel

Es war für Tim ein Tag stolzer Freude, als sein Lehrer ihn für die vierte Klasse in Eton reif erklärte. Der Junge war jetzt zwölf Jahre alt und trug eine männlichere Kleidung als den Leinwandkittel seiner Kinderzeit. Aber abgesehen hiervon und von seinem bißchen Wissen, war er noch unverändert der alte, denn äußere Umstände und Ereignisse, nicht die Jahre, die über sie hingehen, machen die Menschen jung oder alt. Einige wenige auserwählte Menschen sind so glücklich, daß sie überhaupt nie altern, sondern im Herzen immer Kinder bleiben; allein die Leute sind selten, die zu reiferen Jahren gelangen, ohne sich an Zeiten zu erinnern, wo sie sich unendlich alt vorgekommen sind, und dann plötzlich die angenehme Empfindung hatten, wieder jünger zu werden, und selbst im Leben der ältesten Leute schlagen dann und wann wieder einzelne Triebe der Jugend aus. Am allermeisten prägt sich der Unterschied aber bei den Jungen aus; manche entpuppen sich schon von dem Augenblick an, wo sie fest auf den Füßen stehen, als kleine Männer und besitzen ganz das Selbstvertrauen und den Eigendünkel eines Mannes, während andre ganz langsam, oft auch nie völlig heranreifen.

Carol, der in einer Schule gewesen und unter lauter älteren Leuten herangewachsen war, hatte sich mit zwölf Jahren für völlig erwachsen gehalten. Auch wenn Gesellschaft da war, hatte er mit zu Tisch gesessen, war mit auf die Jagd gegangen, und pflegte von Tim als von dem "armen Kind" zu sprechen. Tim dagegen war mit zwölf Jahren noch dasselbe Kind als mit neun, acht oder sieben, und es hätte sich schwerlich ein Menschenkind finden lassen, das für all den Lärm und Spektakel und die scheinbare Herzlosigkeit in einer großen, öffentlichen Schule weniger geeignet gewesen wäre als er. Aber Tim kannte das Schulleben noch nicht, und für ihn bedeutete seine Übersiedlung nach Eton vor allem die Vereinigung mit Carol. Herr Ebbesley wunderte sich über den Feuereifer seines Jungen, den er nur schüchtern und ängstlich kannte, und begriff nicht, was in ihm das Verlangen nach einem Leben anfachte, das so ganz verschieden von dem war, was seiner Natur entsprechend geschienen hätte. Mit der ihm eigenen krankhaften Verbitterung schrieb er es zum Teil dem Wunsch zu, von ihm fort zu kommen, aber alles in allem freute er sich doch darüber, weil ihm dies Verlangen einen jungenhafteren Sinn zu verraten schien, als er bisher an seinem kleinen Sohn bemerkt hatte. Herr Darley hatte seinem Nachbarn den Lehrer seines Sohnes empfohlen, und so sah sich Tim zu seiner großen Freude eines schönen Maitages nicht nur als Schüler von Eton, sondern auch als Bewohner desselben Kollegiums wie Carol.

Dieser Jüngling war mittlerweile sechzehn Jahre alt geworden und befand sich in der mittleren Abteilung. Jeder mit den Sitten und Gebräuchen der sonderbaren neuen Welt, worein sich Tim plötzlich versetzt fand, auch nur einigermaßen vertraute Mensch hätte ihm sagen können, daß sich seine so lange gehegten Hoffnungen auf Kameradschaft mit Carol nicht erfüllen konnten. Zwischen einem jungen Mann in Carols Stellung und einem kleinen Kerl in der vierten Klasse klafft ein nicht zu überbrückender Abgrund.

Der erste Tag in Eton mit seiner öden Leere schien dem neuen Schüler gar kein Ende nehmen zu wollen. Er hatte das dunkle Gefühl, daß sich etwas Entsetzliches ereignen müsse, falls er sich eine Minute später als zu der ihm angegebenen Zeit in der Schule einfinden würde, und wagte aus Angst, dieser Augenblick könne von ihm unbeachtet vorübergehen, gar nicht, irgend eine Beschäftigung vorzunehmen, und so schlich die Zwischenzeit träge dahin. Wohl hundertmal zog er die neue silberne Uhr hervor, die ihm sein Vater gekauft hatte, aber nur um zu sehen, daß erst fünf Minuten verflossen waren, seit er sie das letzte Mal zu Rate gezogen hatte. Er wagte sich ein paar Schritte in die Stadt hinein, aber das ungewohnte Tragen der Schüleruniform, die ihm so fremd und den Vorübergehenden so vertraut war, erregte das Gefühl in ihm, daß ihn jedermann ansehe, und schleunigst suchte er in seinem kleinen, kahlen Zimmer Zuflucht. Er kam sich furchtbar einsam und verlassen vor. Stimmengewirr und eilige Schritte erdröhnten in den gedielten Gängen, worauf dann wieder eine Stille folgte, die die Befürchtung in ihm erregte, es habe irgend eine Stunde begonnen, der er eigentlich hätte anwohnen sollen. Leise schlich er den Gang entlang und blickte verstohlen in einige Zimmer, wo Stiefel und Kleider umherlagen, denn die Knaben waren zu ihren Spielen gegangen und nachmittägliche Stille lag über dem ganzen großen Haus. Im Hof drunten, gerade unter Tims Fenster, sang der Stiefelfuchs zum Messerputzen ein lustiges, aber recht gewöhnliches Lied, worin er sich von Zeit zu Zeit unterbrach, um einem unsichtbaren, im Innern des Hauses beschäftigten Mitbediensteten einige Worte zuzurufen. Gar gerne wäre Tim hinuntergegangen, nur um mit ihnen zu plaudern und das Gefühl des Tot- und Vergessenseins zu bannen, das seine Seele belastete.

Bis jetzt waren nur die kleinen Jungen aus den Ferien zurückgekehrt; Carol sollte am Abend kommen, und dann hoffte Tim, gar schnell die unbehagliche Empfindung des Verlassenseins zu verlieren; er hegte die unbestimmte Erwartung, Carol werde ihm wenigstens den ersten Tag widmen, ihn ein wenig herumführen und ihm den Ort zeigen. "Es ist jammerschade," dachte er, "daß wir nicht miteinander herreisen konnten," aber Carol hatte ihm erklärt, daß es unerhört wäre, wenn ein Junge vor Ablauf seiner Zeit zurückkäme. Endlich ging der trübselige Tag zu Ende, aber Carol war nicht angekommen. Nachtessen und Gebet waren vorbei und es war Zeit, zu Bett zu gehen, wie das zur Bedienung der Knaben bestimmte Dienstmädchen Tim mitteilte, der noch auf war und wartete, obgleich er nur mit Mühe die Augen offen halten konnte. "Was, noch nicht zu Bett, junger Herr, es ist ja zehn Uhr vorbei! In fünf Minuten muß ich Ihnen das Licht wegnehmen. Beeilen Sie sich und machen Sie, daß Sie ins Bett kommen! Sie sind ja todmüde, und wir haben Last genug damit, die Lichter der Großen zu bekommen - wir können die Kleinen nicht auch noch so lange aufsitzen lassen." Zorniger Wortwechsel auf dem Flur bewies Tim die Richtigkeit dieser Behauptung. Da er nicht den Mut hatte, die Berechtigung dieses energischen Frauenzimmers in Frage zu stellen, so gehorchte er, wenn auch sehr gegen seinen Willen. Er fürchtete, Carol könne es ihm übelnehmen, daß er ihn nicht erwartet habe, aber vielleicht würde er doch noch zu ihm hereinkommen und ihm Grüßgott und gute Nacht sagen. Deshalb zwang er sich noch immer, wach zu bleiben, denn er wußte, daß etwa um halb elf Uhr ein Zug kam, und bis zu dieser Zeit fehlte nicht mehr viel, als sein Licht geholt wurde. Zwischen Schlafen und Wachen hörte er Stimmen und Gelächter unter seinem Fenster, und dann wurde geräuschvoll Gepäck heraufgeschleppt. Tim war nun völlig wach und ganz Ohr. Drei oder vier Knaben begaben sich nach ihren Zimmern; sie hatten sich eine Menge zu sagen und schienen sich nur ungern voneinander zu trennen. Plötzlich - ja, das war Carols Stimme! Er plauderte lebhaft, fragte, antwortete und lachte. Tim setzte sich im Bett auf, bereit, sofort beim Öffnen der Türe zu rufen, er sei noch wach, obgleich das Zimmer dunkel sei; keinen Augenblick zweifelte der gute Junge daran, daß die Türe sich öffnen werde. Nun schienen die Sprechenden gerade vor seiner Türe Halt zu machen. "Wahrhaftig, du bist dick geworden! Was hast du denn mit dir angefangen?" Dann ein Ausruf: "Na, wenn das nicht die Hyäne ist! Komm an mein Herz, Hyäne! Wie geht's dir denn, altes Haus? Komm mit auf mein Zimmer, ich muß dir etwas zeigen, falls ich's finden kann. Das tut nichts, Martha, 's ist die erste Nacht, und wir machen's kurz." Schon klangen die Stimmen undeutlicher und verhallten vollends ganz, als die Jungen um die Ecke bogen und sich entfernten. Tim blieb im Dunkeln aufrecht in seinem Bette sitzen und wartete und hoffte noch immer. Noch war's nicht ganz still geworden im Haus; ab und zu drang noch fröhliches Lachen und Marthas scheltende Stimme bis zu ihm. Dann wiederum Schritte, neue Hoffnung, neue Enttäuschung und wiederum Nacht und Schweigen. Leider, leider hatte Carol über dem Wiedersehen seiner alten Freunde das Vorhandensein seines neuen kleinen Mitschülers völlig vergessen; indessen erinnerte er sich seiner am nächsten Morgen und suchte ihn auf.

"Holla, da bist du ja!" sagte er nicht unfreundlich, aber etwas verlegen, während er ihm die Hand schüttelte; dann spazierte er in dem kleinen Zimmer herum und untersuchte alles aufs genaueste, um den Mangel an Gesprächsstoff einigermaßen zu verdecken. Hierauf sagte er: "Ich denke, du wirst dich bald hier angewöhnen und Freunde finden. Wenn du irgend etwas wissen willst, so komm zu mir, und wenn dich einer allzusehr pudelt, so sage mir's; es wird aber nicht vorkommen, es ist nicht Brauch in diesem Haus. Kann ich nichts für dich tun?" In Wahrheit fragte er sich selbst nicht ohne innere Verlegenheit, was er eigentlich für Tim tun könne. Schon oft war er gebeten worden, sich um Jungen, deren Eltern er kannte, anzunehmen, und in solchen Fällen hatte er den betreffenden Jungen zum Frühstück eingeladen, sich eine halbe Stunde mit ihm gelangweilt und dann geglaubt, seine Pflicht getan zu haben. Mit Tim aber lag die Sache ganz anders, außerdem konnte er auch nicht im eigenen Haus einen Kleinen zum Frühstück einladen, um so weniger, wenn er später sein Leibfuchs werden sollte.

So lag Tim seinem Freund Carol schwer auf dem Herzen und erregte ein unklares Gefühl von Verantwortlichkeit bei ihm. Er besann sich, ob er am Ende nicht besser täte, Tim die Verhältnisse zu erklären, aber er wußte nicht, wie anfangen, und hatte die Empfindung, es sei sonderbar, wenn er ihm eine Predigt halte.

"Ich denke, du kennst die Verhältnisse hier schon so ziemlich," sagte er so im allgemeinen, mit einem zweifelnden Blick.

"Ja, ich glaube wohl; danke schön, Carol."

"Ach, und ich meine - weißt du - du mußt es nicht für unfreundlich halten - aber, du wirst mich hier wohl Darley nennen müssen; natürlich gilt das nicht für die Ferien, aber hier geht's nicht wohl anders."

Tim versprach, daran zu denken, und Carol entfernte sich mit einem Gefühl der Erleichterung und einer letzten Ermahnung an Tim, nicht all sein Geld zu verjucken.

"Was soll man mit einem ›Kleinen‹ in seinem eigenen Hause anfangen, mit dem man daheim nahe bekannt ist?" fragte er seinen ältesten Bekannten und Freund Villidge, als er Arm in Arm mit ihm nach der Kapelle schlenderte.

"Wenn es ein Rätsel ist, so laß ich's ungelöst, wenn aber nicht, so würde ich sagen: gib ihm einen Tritt."

"Nein, nein, im Ernst!" beharrte Carol, von dem Wunsch erfüllt, seine Pflicht zu tun.

"Also im Ernst: was kannst du tun? Nichts! Heilsames Laufenlassen ist der einzig richtige Erziehungsgrundsatz."

Carol lachte und beschloß um so lieber, nach dem einzig richtigen Erziehungsgrundsatz zu verfahren, als dieser auch seiner eigenen Auffassung entsprach. Damit war die Sache für sie erledigt und das Gespräch nahm eine andre Wendung.

Beim Essen sah ihn Tim weit weg an einem andern Tische sitzen, aber als Carol nach der Ecke blickte, wo die Neuen saßen, und ihm ermutigend zunickte, brachte ihn die Aufmerksamkeit, die dadurch auf ihn gelenkt wurde, in eine solche Verlegenheit, daß er beinahe wünschte, Carol hätte ihn nicht so ausgezeichnet. Als das Mahl zu Ende war und er sich eben zurückziehen wollte, sah er sich im Flur von einer Gruppe müßiger, neugieriger, kleinerer Jungen umringt, die sich während der zeitweiligen Abwesenheit der älteren aufspielen wollten.

"Holla, Neuer, wie heißt du?"

"Was hast du belegt?"

"Wo wohnst und ißt du?" setzte ein Spaßvogel hinzu, der tat, als wisse er nicht, in welchem Hause er sei.

Darüber lachten alle und einer fragte:

"Kennst du Darley von zu Hause?"

"Ja."

"Glücklicher Darley!"

"Hör auf, Charter; du bist ein gut Teil zu klug; wenn du nicht aufpaßt, wirst du noch Schaden nehmen!"

"Komm, Weston, wir wollen die Zeitungen durchsehen," erwiderte Charter, der ängstlich wurde, sobald Weston ihn zu foppen anfing, und stolz darauf war, ein größeres Interesse an den öffentlichen Angelegenheiten zu nehmen, als seine Zeitgenossen. "Die Großen nehmen das Lesezimmer den ganzen Tag in Beschlag und sehen grimmig drein, wenn auch einmal einer von uns hineinkommt."

"Das können sie von mir aus gerne tun," sagte Weston, der es liebte, Charter zu reizen, "mir fällt es gar nicht ein, die kostbare Freistunde auf diese Weise zu vergeuden, solang ich noch etwas ›Moos‹ in der Tasche habe. Außerdem ist die Times auch sehr heruntergekommen; früher brachte sie eine Menge Schwurgerichtsverhandlungen, und jetzt macht sie nur noch in Politik und ähnlichem Kram."

"Die Police News ist Toms Lieblingszeitung, gelt Tommy? Na, 's ist einerlei! Berappe uns ein Gefrorenes, dann gehe ich mit dir, und Charter kann für uns alle die Politik abmachen."

Als die literarischen und sonstigen Pläne auf diesem Punkt angelangt waren, wurde die Gesellschaft plötzlich durch einen höchst unwillkommenen Ruf gestört: "Kleine herauf - auf - auf," den eine schöne, frische Baßstimme von dem oberen Stockwerk herab ertönen ließ. Sofort verstummten die Diskantstimmen unten und sechs Paar kleine Füße stiefelten eilig die Treppe hinauf. Tim zögerte einen Augenblick, weil er nicht wußte, ob er auch mitgehen solle, entschloß sich dann, dies zu tun, und langte ängstlich als letzter oben an.

"Hier der letzte soll gehen! Holla, wart einmal; du bist ein Neuer, nicht? In den ersten vierzehn Tagen brauchst du nicht zu kommen; wenn du erst etwas länger hier bist, wirst du's nicht mehr so eilig haben, den älteren Schülern Dienste zu leisten." Damit zog sich Tim, von dem Gekicher der andern kleinen Schlingel begleitet, errötend zurück. Als er in sein Zimmer trat und Weston wie festgenagelt an der Wand hinter der Tür stehen sah, fuhr er überrascht zurück. "Halt dein Maul, Dürrer!" flüsterte ihm der Eindringling mit heiserer Stimme zu; dann blickte er durch den Türspalt hinaus und setzte mit seiner gewöhnlichen Stimme hinzu: "So ist's recht; er hat Swanders geschickt. Ein rechtes Pech für den, aber im Grund genommen ist er doch nur ein Schuft und so kann mir's einerlei sein; außerdem ist er aber auch dick und die Bewegung wird ihm gut tun; jedenfalls wird er dir darin immer über sein;" dann versetzte er seinem Wirt einen Abschiedspuff in die Rippen, vermutlich um den dort vorhandenen Fleischbestand festzustellen, schüttelte seine Finger mit einer unzweideutigen Bewegung, um zu zeigen, wie weh er sich getan habe, glitt am Treppengeländer hinab und verschwand.

So wurde Ebbesley, wie er jetzt hieß, allmählich gewahr, daß Eton nicht nur der Wohnort Carols war, sondern außer diesem noch etwa achthundertachtundneunzig Jungen im Alter von zwölf bis zwanzig Jahren zum Aufenthalt diente, über deren Vorhandensein er in dem Bild, das er sich von Eton gemacht hatte, einfach zur Tagesordnung übergegangen war - ein Verfahren, das sich nun, da er mit diesen jungen Herren in tägliche Berührung kam, durchaus nicht mehr einhalten ließ. Nicht als ob irgend einer beabsichtigt hätte, besonders unfreundlich gegen ihn zu sein, aber er war ein so armselig aussehendes kleines Geschöpf, sein hoher Hut war ihm viel zu groß und seine Finger waren so voll Tinte, daß es jedem ganz natürlich und selbstverständlich schien, ihm im Vorbeigehen gelegentlich einen Puff zu versetzen oder eine höhnische Bemerkung an den Kopf zu werfen. Diese Art von Gruß wurde ihm halb unbewußt verabreicht und hätte einem widerstandsfähigeren Gemüt gar nichts ausgemacht, er aber betrachtete es als Beweis einer tiefgewurzelten Abneigung seiner Schulkameraden gegen ihn, und bekundete damit jene Neigung, alles schwer zu nehmen, die der kluge alte Hausarzt vorhergesagt hatte. Unter dieser Atmosphäre von Feindseligkeit, von der er sich umgeben fühlte, erstarrte er förmlich und wurde ganz still und verdrießlich, was keineswegs der Weg ist, sich die Zuneigung von Schuljungen zu erwerben. Carol mit seinem offenen, männlichen Wesen, seinem hübschen Äußeren, seinem angeborenen Geschick für alle Spiele, hatte sich mit seinen in einer Privatschule gemachten Erfahrungen schnell zurechtgefunden, und dadurch, daß er einem, der ihn seiner hellen Haut wegen "Fräulein Darling" genannt hatte, ein Loch in den Kopf geschlagen, eine Stellung errungen, die in einem solchen halb barbarischen Gemeinwesen nur dem Starken beschieden ist. Tim dagegen, ungewohnt, mit andern Jungen zu verkehren, durch ärztliches Verbot von den anstrengenden Spielen ferngehalten, zu schwach, um sich gegen die Unterdrückung aufzulehnen, zu wahr, um zu lügen oder zu schmeicheln, war wie ein Mensch, den man lange in einem dunkeln und stillen Zimmer eingeschlossen gehalten und dann plötzlich an einem hellen, sonnigen Tag in das geschäftige Treiben der Außenwelt hineinversetzt hat; er war völlig geblendet von dem regen Leben ringsum. Wer in späteren Jahren auf sein durch die Erinnerung verklärtes Schulleben zurückblickt, versteht gar nicht mehr, wie die dummen Jungen je die Macht besessen haben, ihm Schmerz und Leid zuzufügen. Zum Glück für unsern Helden waren damals körperliche Mißhandlungen der jüngeren Schüler schon aus der Mode gekommen, aber kleine Jungen besitzen das Talent, mit Blicken und Worten zu verwunden, wie man es bei dem andern Geschlecht in keinem Stadium seiner Entwicklung findet, und wenn sie von dieser Fähigkeit Gebrauch zu machen beabsichtigen, so können sie damit einem empfindlichen Kameraden das Leben gründlich entleiden.

Wenn Tim auch in der Stille der Nacht in seinem Klappbett etliche Tränen vergoß, so wurde dies doch niemand gewahr außer diesem interessanten Möbelstück, dessen altehrwürdiges Holz schon so viel von dieser Sorte Feuchtigkeit aufgeschluckt hatte, daß es sie nicht als etwas Neues ansehen konnte. Er hatte keine Mutter, der arme, kleine Kerl, der er in langen, zusammenhanglosen Briefen sein Herz hätte ausschütten und sein Leid klagen können; Frau Quitchett mochte er nicht unnötig betrüben, und vor seinem Vater fürchtete er sich viel zu sehr, als daß er gewagt hätte, über Eton zu klagen, nachdem er es erst gar nicht hatte erwarten können, hinzukommen. Für die Welt im allgemeinen - für ihn war sie nur sehr klein - war er eben nichts als ein gewöhnliches Exemplar der vielfach verbreiteten Gattung der Hasenfüße, und erschien dadurch, daß er sich von den Spielen ausschloß, zu einer Art Helotenschaft herabgedrückt, was sich dem äußeren Auge hauptsächlich durch eine Masse Tintenflecken und durch die Neigung, in der Stadt herumzubummeln und die Schaufenster zu begucken, bemerklich machte. Da die High Street in ganz gerader Linie auf das College zulief, so lag es nahe, sich in dieser Richtung zu bewegen. Die Neigung Tims, immer seiner Nase nachzugehen, war, im Verein mit seiner Liebe zu den Tieren, der Grund, warum seine Spaziergänge häufig bei einem ziemlich unreinlichen kleinen Laden endeten, wo im Hinterhof ein kleiner Tiergarten angelegt war, in welchem Frettchen, Kanarienvögel, Kaninchen und derartiges Getier sich herumtrieb, welches das Betriebskapital des schmutzigsten alten Mannes vorstellte, den Tim je gesehen hatte. Eines schönen Tages beobachtete er die Versuche sechs kleiner, rotschnäbeliger Vögel - von denen einer aus Mangel an Raum in dem kleinen Käfig fast erstickte -, sich Freiheit der Bewegung zu verschaffen, als ihn der Besitzer des Geschäftes aufforderte, einzutreten.

"Möchten Sie sich nicht ein wenig in meinem Geschäft umsehen, mein Herr? Sie brauchen deshalb doch nichts zu kaufen, dessen Sie nicht bedürfen. Freue mich jeder Besichtigung! Ich habe einige ganz besonders nette junge Ratten, falls das irgendwie Ihr Fall wäre, und eine wunderschöne junge Dachshündin, die ich Ihnen nur gerne einmal zeigen möchte."

So spazierte Tim umher und betrachtete die jungen Ratten, die wie kleine Fleischklumpen aussahen und sich quiekend um ihre spitznasigen, helläugigen Eltern drängten; lächerliche moderne Taubenarten; schlau aussehende Wiesel; behaglich kauende Kaninchen und die "wunderschöne kleine Dachshündin", ein zitterndes, elendes Wesen ohne jede ausgesprochene Rasse, das in einer ausgedienten Wanne trostlos heulte. Überhaupt schien allen Bewohnern dieses wundersamen Hofes eine gewisse Niedergeschlagenheit eigen zu sein, in schreiendem Gegensatz zu dem Laden, wo ein Dutzend Kanarienvögel zwitscherten und schrien, als wollten sie ihre angeschwellten gelben Kehlen zersprengen. Tim erstand einige Kaninchen erheblich über ihrem eigentlichen Wert, für ihn aber waren sie doch billig, weil sie ein neues Interesse in sein Leben brachten und ihm ein gesetzliches Recht zu jederzeitigem Besuch dieses verlockenden Warenlagers gaben. Wohl bezog der Besitzer des Geschäftes für Kost und Unterkunft dieser Kaninchen ein hübsches Einkommen, aber ein wirklich unternehmender Mann ist nie zufrieden, wenn er ein gutes Geschäft in Sicht hat, und seine Bemühungen, über andre Bewohner des Hofes zu ebenso vorteilhaften Bedingungen zu verfügen, waren ebenso unablässig als erfolglos.

"Sehen Sie nur einmal das Frettchen hier," sagte er gelegentlich, "es ist ein wahrer Staat. Ich werde es an den jungen Lord Ratisbane, der bei Pfarrer Soundso wohnt, verkaufen; der Lord zahlt mir für ein Frettchen wie dies, was ich nur immer verlangen mag, sobald er einen Blick darauf geworfen hat," und so ging's weiter, wodurch sich Tim aber nicht blenden ließ. Er besaß ein gut Teil ruhiger Beharrlichkeit und mochte Frettchen nicht leiden, außerdem hatten die Liebhaberpreise, die junge Glieder der Aristokratie bezahlten, keine Macht über seine Einbildungskraft. Aber die Versuchung tritt in allen Gestalten an den Menschen heran, und dieser alte Mann verstand es so gut als die Schlange in der Heiligen Schrift, den Köder, den er auswarf, dem Charakter seiner Kunden anzupassen. Als er fand, daß Tim wenig Neigung zum Sport zeigte, suchte er ihm Tiere mit häuslicherem Charakter anzuhängen, eine Schildkröte von wahrhaft berückender Häßlichkeit wurde ihm zu unerhört günstigen Bedingungen angeboten.

"Ich möchte Sie gewiß nicht überreden, Herr Ebbesley, aber ich weiß, daß Sie, falls Sie eine Vorliebe für Schildkröten haben, nicht leicht eine hübschere finden könnten."

Die Schildkröte, die der alte Mann auf seiner offen ausgestreckten Hand schaukeln ließ, während er mit der andern eine zahme Ratte auf seiner Schulter streichelte, streckte ihr widerliches Gesicht hervor, zischte voll tödlicher Tücke gegen Tim und zog sich dann wieder in ihre Schale zurück.

"Ich bin überzeugt, daß es eine sehr hübsche Schildkröte ist," sagte der Kunde mit seiner gewohnten ernsten Höflichkeit, "aber ich habe hier ja die Kaninchen zu besuchen, und ich glaube nicht, daß die Schildkröte sich in meinem Zimmer sehr glücklich -"

"Ach, in Ihr Zimmer wollen Sie etwas haben," unterbrach ihn der schmutzige alte Mann, "hätten Sie das nur schon früher erwähnt, so würde ich Ihnen gleich gesagt haben, daß ich genau das habe, was Sie brauchen! Was könnte fürs Haus schöner sein als ein Kanarienvogel?"

"Das geht nicht," entgegnete Tim, "weil einige von den Großen Biggles gezwungen haben, den seinen abzuschaffen; sie sagten, er störe sie im Arbeiten, wenn sie ihre Verse übersetzen müßten."

"Ach, wenn's weiter nichts ist," rief der unabweisbare Mann, "so sind, so wahr als ich Skelton heiße, Murmeltiere das einzig Richtige für Sie! Die singen nicht," fügte er mit ermunterndem Humor hinzu, "und stören niemand beim Lernen, nicht wahr?"

Gegen die Murmeltiere war kein Widerstand möglich, und als Skelton die kleinen, weichen Pelzkugeln aus dem Heu herausholte und in einer alten, oben mit Draht vergitterten Cigarrenschachtel unterbrachte, flog ihnen Tims Herz entgegen. Der Handel wurde abgeschlossen und Skelton kicherte vergnüglich, als das ihm übermittelte Geld in seiner schwarzen, hornigen Hand klimperte.

"Ist das ein sonderbarer kleiner Kerl," bemerkte er nachdenklich, als er der kleinen Gestalt mit dem großen hin und her schwankenden Hut nachsah, wie sie mit ihrem neuen Besitz im Arm die sonnige Straße hinunterschritt. "Die meisten von den Jungen kommen her und drehen das Unterste zu oberst, lassen die Ratten heraus und stoßen nach den Frettchen, und dann heißt's: ›Skelton, was ist dies?‹ und ›Skelton, hier!‹ und ›Skelton, dort!‹ und ›Bitte, flink, ich bin in Eile‹, sie sind immer in Eile. Aber der da, der ist so altmodisch und so verständig, wie ein kleiner Richter, begründet und erklärt alles und sagt: ›Nein, danke schön‹; außerdem bezahlt er auch bar und würde nichts auf Borg nehmen; er ist ganz und gar nicht wie die andern."

Dem Gegenstand dieser Charakterstudie war unterdessen ein plötzlicher Einfall gekommen, den für eine höhere Eingebung zu halten er durchaus geneigt war. Tief schmerzlich empfand er die zwischen Carol und ihm bestehende Schranke, denn ihre Beziehungen zu einander waren keineswegs so geworden, wie er gehofft hatte. Schon die allergeringfügigste Kenntnis des Schullebens würde ihm zwar gesagt haben, daß dies gar nicht zu vermeiden sei, aber Tim ging jede Kenntnis des Lebens oder der Schule völlig ab. Nun erinnerte er sich der großen Zuneigung Carols für sein Eichhörnchen und die Tiere überhaupt; er wußte, daß sie nicht als Freunde und Gefährten zusammen leben konnten, wie er es sich geträumt hatte, aber gleichwohl stand es in seiner Macht, Mittel und Wege zu finden, daß Carol ab und zu an ihn dachte. Nach allen Seiten hin überlegte er sich seinen Plan, und als er zu Hause ankam, war er zu dem Ergebnis gelangt, daß gegen dessen Ausführung nichts einzuwenden sei.

Als Carol vor Tisch in sein Zimmer trat, um sich umzukleiden, war er nicht wenig erstaunt, auf seinem Tisch einen kleinen, mit einer Art von Tretrad ausgestatteten Käfig zu finden, der zwei in einer Handvoll Heu zusammengeballte festschlafende Murmeltiere enthielt. Vergeblich suchte er nach irgend einer Zuschrift, die dieser ungewöhnlichen Gabe zur Erklärung gedient hätte, und kam schließlich zu dem Schluß, daß es sich um einen Scherz von seiten eines seiner Freunde handle. So rief er mehrere seiner vertrautesten Kameraden herbei, aber alle behaupteten, nichts von der Sache zu wissen.

"Ganz gewiß ist es dieser Esel, die Hyäne," sagte einer davon, "er hält derartige Einfälle für witzig."

Doch auch der von seinen Kameraden mit dem Namen "Hyäne" bezeichnete Junge verwahrte sich und versicherte, er sei so unschuldig als die übrigen.

"Wenn der Krauskopf Verehrer hat, deren Bewunderung sich in kleineren Arten von Säugetieren äußert, so sehe ich nicht ein, warum ich dafür verantwortlich gemacht werden soll."

Bei Tisch bildete das geheimnisvolle Geschenk, das Darley erhalten hatte, das allgemeine Gesprächsthema und die Zielscheibe der Witze am obersten Ende der Tafel. Carol ließ all die Spöttereien gutmütig über sich ergehen, aber nachdem es lange genug gedauert hatte, wurde er doch ein wenig gereizt - es war ihm allzu ungewohnt und peinlich, der Gegenstand eines Scherzes zu sein. Nach zwei Uhr strömte alles auf sein Zimmer, um die unseligen kleinen Tiere zu betrachten, die friedlich über all die durch sie veranlaßte Aufregung weiterschlummerten. Da es offenbar ein Ding der Unmöglichkeit war, den Urheber der Beleidigung ausfindig zu machen, so war die nächste Frage die, wie man die Tierchen wieder los werden könnte, denn natürlich kam die Möglichkeit, sich wie irgend ein "Kleiner" Murmeltiere zu halten, für Carol keinen Augenblick in Betracht.

Mittlerweile war auch nicht ein Laut der in den höchsten Kreisen des Hauses herrschenden Heiterkeit bis in die Tiefen von Tims gesellschaftlicher Stufe hinabgedrungen, und dieser tat sich auf sein Zartgefühl und seine Bescheidenheit noch ungemein viel zugute. Anfangs hatte er es sich hin und her überlegt, ob es nicht besser wäre, das Geschenk mit ein paar Zeilen zu begleiten, hatte die Schwierigkeit aber dann dadurch gelöst, daß er die Gabe anonym dargebracht hatte. "Er wird ja erraten, von wem es kommt," dachte er, "denn kein andrer kann wissen, daß er die Tiere liebt und auf einen derartigen Einfall kommen; wenn ich meinen Dienst bei ihm tue, wird er jedenfalls etwas darüber sagen." Carol hatte nämlich Wort gehalten und Tim zu seinem Leibfuchs genommen, indem er seine etwas auffallende Wahl dem Primus des Hauses gegenüber mit der Bemerkung rechtfertigte, "er kenne Tim von zu Hause". Die Viertelstunde täglicher Dienstbarkeit, über die die meisten der jüngeren Knaben murrten und brummten, war für Ebbesley die glücklichste Zeit des Tages, denn er war sicher, immer ein Lächeln und ein freundliches Wort zu erhalten, und jedes Stückchen Toast, das er für seinen Helden röstete, wurde ein Werk der Liebe; mit völligstem Gleichmut versengte er sich sein Gesicht und verbrannte seine Hände, und mit Verachtung gedachte er seines Kollegen Biggles, den er einmal dabei ertappt hatte, wie er seines Herrn Toast auf dem Gas röstete. Aber als er sich an jenem Abend zur gewohnten Stunde einfand, schien Carol zerstreut und mißgestimmt zu sein; er sagte nur: "So, hast du deine drei Stückchen Toast geröstet und den Tee gemacht? Dann ist's gut; ich brauche nichts mehr - du kannst gehen."

Tim zögerte noch einen Augenblick und machte sich am Schenktisch zu tun, wobei er einen verstohlenen Blick über das Zimmer gleiten ließ, um sich nach seinem Geschenk umzusehen. Der kleine Käfig lag zwischen einem großen Lexikon und etlichen Fausthandschuhen eingezwängt auf dem Bett, wo ihn das Mädchen hingelegt hatte, als sie den Teetisch deckte. In diesem Augenblick trat, von seinem Leibfuchs begleitet, Carols Tischgenosse ein und begann sofort von dem Ereignis des Tages zu reden.

"Nun, Darley, hast du herausgebracht, wer dir die Murmeltiere geschickt hat?"

Carol antwortete ziemlich gereizt: "Wollte Gott, ich wüßte es, dem Kerl wollte ich eine Tracht Prügel geben, wie er sie in seinem ganzen Leben noch nicht bekommen hat."

"Jedenfalls kann ich dich davon befreien - Weston hier nimmt sie dir mit Handkuß ab!" Damit übergab er den Käfig nebst Inhalt seinem Fuchs und setzte lachend hinzu: "Ich bin überzeugt, daß du dich schon das halbe Tertial in Sehnsucht nach Murmeltieren verzehrt hast, Weston, und ich weiß auch, daß du schon nach der ersten Woche keinen Pfennig Geld mehr hast."

Tommy trug verwundert, aber mit vergnügtem Grinsen seine Beute davon, und Tim, der bis dahin nicht aufzublicken gewagt hatte, schlich hinter ihm drein aus dem Zimmer. Draußen stand sein Kamerad und untersuchte seinen Schatz.

"Holla, Dürrer," rief er Tim zu, "ist das ein Jux! Was in aller Welt kann Darley veranlassen, mir ein Paar Murmeltiere zu schenken? In der Erwartung, wegen meines verbrannten Toastes recht heruntergerissen zu werden, bin ich hineingegangen, und nun sieh nur, was ich statt dessen bekommen habe!"

Tim war unter eine Gaslampe getreten, so daß sein Gesicht im Schatten blieb, aber als er zu sprechen versuchte, sah Tommy plötzlich auf.

"Na, du flennst ja! Was ist denn los?" fragte er.

Statt aller Antwort stürzte Ebbesley in sein nahegelegenes Zimmer, wohin ihm der andre, halb von Neugierde, halb von Schrecken getrieben, sofort folgte.

"Was hast du denn?" fragte er noch einmal nicht ohne Mitleid, und Tim, der sich Luft machen mußte, wenn es ihm nicht das Herz abdrücken sollte, schluchzte los:

"O Weston, ich habe die Murmeltiere gekauft, und ich dachte, sie würden ihm Freude machen; du weißt ja - ich kenne ihn von zu Hause, und dort hat er immer ein Eichhörnchen gehabt. Ich habe vergessen, daß das früher war - und, und -" aber von dem köstlichen Humor dieser Geschichte überwältigt, war Tommy auf seinen Stuhl gesunken und schüttelte sich vor Lachen.

"O, bitte, lache nicht, bitte, bitte!" rief Tim, dem die Sache tödlich ernst war. "Wenn Carol es erführe, wäre er furchtbar böse auf mich; du hast ja gehört, was er sagte, und ich habe ihm doch nur eine Freude machen wollen!"

"Wie hast du ihn genannt?" rief Weston. "Carol! Was für ein Name! Ich gäbe was drum, wenn ich ein wenig älter oder er ein wenig jünger wäre! Wie wollte ich ihn foppen! Wir hätten immer gern seinen Namen gewußt; die meisten dachten, er heiße Charles oder so etwas, aber ich habe mir immer gedacht, es werde ein ausländischer Name sein, weil seine Briefe immer ›C. Darley‹ überschrieben sind und er sich so viel Mühe gab, es nicht auskommen zu lassen."

"Ach du lieber Gott," klagte der arme Tim, "ich muß doch immer etwas tun, was nicht recht ist. Bitte, bitte, verrate es nicht, denn es wäre ihm unangenehm, und ich könnte es nicht ertragen, daß er böse auf mich wäre."

"Was für ein Kindskopf der ist," dachte Weston, als er das tränenfeuchte, flehende Antlitz betrachtete.

"Nicht wahr, du bewahrst das Geheimnis," drängte Tim verzweifelt, "und sagst auch niemand etwas von den Murmeltieren!"

In Tims ungeheurer Kindlichkeit lag etwas Rührendes, das eine sanftere Saite in Tommys verhärtetem kleinem Knabenherzen rührte.

"Ja, ich verspreche dir's," sagte er und hielt auch Wort.

"Du hör mal, Dürrer," sagte er am nächsten Tag, als er wieder mit Tim zusammentraf, "ich habe mir die Sache überlegt: die Murmeltiere gehören von Rechts wegen dir und du sollst sie wieder haben."

"O nein, nein," rief der arme Dürre heftig, "ich will sie nie mehr sehen, und - und ich danke dir, daß du darüber schweigst."

So behielt also Tommy die beiden Murmeltiere, bis er einmal krank wurde und auf eine Woche nach Hause reiste, ohne vorher für ihre Verpflegung Vorsorge getroffen zu haben. Bei seiner Rückkehr entdeckte er dann, daß eines von ihnen diesem verlängerten Fasten erlegen war, was ihn tief betrübte, so daß er den Käfig mit dem Überlebenden einem Freund verehrte.

Aber das Schicksal ruhte nicht. Der neue Besitzer dachte, etwas Sonnenschein könnte der erschütterten Gesundheit des Witwers nur zuträglich sein, und ließ den Käfig auf dem Fenstersims stehen, als er zur Schule ging. Ob es nun der Wind, das Zimmermädchen oder die Katze gewesen war, das konnte nie ermittelt werden, aber als er wieder heim kam, lag der kleine Käfig zerbrochen auf der Straße und der letzte seines Geschlechtes schlief einen so tiefen Schlaf, wie selbst er ihn in dieser Welt noch nie geschlafen hatte.


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