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Oscar Wilde

Willie Hughes
ist nicht zu fassen

Ein literarisch-biografischer Ohrwurm
aus dem Englischen von Volker Oldenburg
Originaltitel: The Portrait of Mr. W. H. (1889)

geb., 64 S., € (D) 4,00
ISBN 3 928983 84 9

Pressestimmen

Leseprobe

siehe auch
Tom Bouden/Oscar Wilde: Der reine Ernst

Willie Hughes ist nicht zu fassen


portofrei bestellen bei www.gaybooks.de

Diese frühe Erzählung Oscar Wildes enthält seinen Stil und sein Weltbild in einer Nußschale: Dekadente Jünglinge wie im "Bildnis des Dorian Gray", pointierte Dialoge wie in den Theaterstücken, ein profundes Desinteresse an sogenannten Wahrheiten und wirkliches Engagement für die ästhetische Ausgestaltung menschlicher Leidenschaften.

Spekulationen über den geheimnisvollen "Mr. W.H." in der Widmung zu Shakespeares Sonetten werden in einer Gruppe junger Dandys wie ein Ohrwurm weitergereicht: Wer sie gerade noch vehement vertreten hat, verliert das Interesse, sobald der nächste die "Staffel" mit Feuer und Flamme weiterträgt. Ausgangspunkt sind einige altbekannte, aber nicht zu belegende Theorien, daß Shakespeare an einen schönen Knabenschauspieler dachte, als er die Sonette schrieb. Und es wird mit allen Mitteln gestritten: ein Porträt wird gefälscht und sogar ein Selbstmord wird vorgetäuscht. Am Ende sind alle so klug wie zu Beginn. Die Hauptfigur erfreut sich noch gelegentlich des Jünglingsporträts: Die Fälschung hat als einziges "Bestand" in diesem geistreichen Kabinettstück.

Da Shakespeares Sonette die wichtigste "Beweisquelle" darstellen, wird ausführlich daraus zitiert, was dem Leser das Vergnügen der Konfrontation zweier sehr unterschiedlicher Wortkünstler verschafft. Wildes elegante Formulierungen umflattern die klassischen Verse, und man muß zugeben: sie halten dem Vergleich stand.

Richard Ellmann schreibt in seiner Wilde-Biografie: Die beste - und Wilde liebste - der damals entstandenen Erzählungen ist The Portrait of Mr. W. H. Hier geht es verwirrend zu: Eine Theorie wird ausgebreitet, wieder verworfen, erneut entwickelt, wobei eine Geschichte sich in die andere fügt. Auch hier findet wieder ein Drahtseilakt zwischen Sein und Nichtsein statt. Nirgendwo sonst, allenfalls noch in The Importance of Being Earnest, ist es Wilde gelungen, eine so enge Verknüpfung von Sein und Schein herzustellen, eine Welt, die gewissermaßen durch eine Behauptung in Balance gehalten wird.


"... nicht nur ein Muss, sondern ein Labsal. (...) Ein Kabinettstückchen, das man mit Spaß liest."
gay-press.de 10/2000

"Zwei Publikationen aus dem MännerschwarmSkript Verlag verdienen größere Aufmerksamkeit. Die Erzählung "Willie Hughes ist nicht zu fassen", eine hervorragende Übersetzung von "The Portrait of Mr. W.H.", und eine dem derzeitigen Lesetrend folgende Bearbeitung des Stückes "The Importance of Being Ernest" - in Comicform....
Deutlicher als in seinen Stücken und als in seinem einzigen Roman, "Das Bildnis des Dorian Gray", wurde Oscar Wilde in seinen Erzählungen, wie der zweite Titel aus dem Männerschwarmprogramm beweist. In "Willie Hughes ist nicht zu fassen" geht es um Shakespeare und die Identität des Mannes, dem der große Dichter die leidenschaftlichen Sonette gewidmet hat. ... Bestechend logisch, gewitzt und wortgewandt reden beide Shakespearekenner einen jungen Mann ins Leben, dessen Anmut man sich nicht erwehren konnte, der jedoch unfähig war, die wahre Liebe zu empfinden."
Holger Creutzburg in outline 11/2000

"Der Verlag MännerschwarmSkript legt erfreulicher Weise diese in den Werkausgaben sonst weitgehend ignorierte Erzählung als kleines Bändchen vor."
Axel Schock in Hinnerk 11/2000


Wer war dieser junge Zeitgenosse Shakespeares, der nicht von edler Herkunft, ja nicht einmal von edlem Wesen war und dennoch mit solcher Leidenschaft angebetet wird, dass wir über diese seltsame Form der Verehrung nur staunen können und fast davor zurückschrecken, den Schlüssel zum Geheimnis des Dichterherzens umzudrehen? Wer war der junge Mann, dessen äußere Schönheit so groß war, dass sie zum Grundstein seiner Kunst und zur wahren Quelle seiner Inspiration wurde und seine Träume leibhaftig werden ließ? Ihn einfach als den Adressaten bestimmter Liebesgedichte anzusehen, heißt, die Bedeutung der Sonette grundlegend zu verfehlen: Denn die Kunst, über die Shakespeare spricht, ist nicht die Kunst der Sonette selbst, die er bloß als etwas Geringes und Privates ansah - nein, es ist die Kunst des Dramatikers, auf die er immer wieder anspielt; und derjenige, zu dem Shakespeare sagt:

    Mir bist du alle Kunst, und meine Rohheit
    Hebst du so hoch wie der Gelehrten Hoheit.
    (78. Sonett)

und dem er die Unsterblichkeit verspricht,

    Bleibst wie ein Atemzug in aller Munde.
    (81. Sonett, Schuenke)

war gewiss kein anderer als der Knabenschauspieler, für den er Viola und Imogen, Julia und Rosalind, Portia und Desdemona und sogar Kleopatra schuf. So lautete Cyril Grahams Theorie, die er, wie du siehst, allein anhand der Sonette entwickelte und die zu ihrer Anerkennung weniger auf vorzeigbare Beweise oder herkömmliche Zeugnisse angewiesen war, als vielmehr auf ein inneres künstlerisches Gespür, durch das allein, wie er behauptete, die wahre Bedeutung der Gedichte zu erfassen sei. Ich erinnere mich noch, wie er mir das folgende großartige Sonett vorlas:

    Wie kann es meiner Mus' an Stoff gebrechen,
    So lang du atmest, strömst in mein Gemüt
    Dein süßes Selbst, das würdig auszusprechen
    Umsonst versuchet ein gewöhnlich Lied?
    Dir selber dank es nur, wenn etwas mir,
    Das deines Blickes würdig ist, gelingt;
    Wer wär' so stumpf und sänge nicht von dir,
    Der die Begeistrung anfacht und beschwingt?
    Sei zehnte Mus' und zehnfach deine Kraft
    Der alten Neun, zu welchen Reimer flehn;
    Wer aber dich anruft, gibt, dass er schafft
    Gesänge, die zur fernsten Nachwelt gehn.
    (38. Sonett, Richter)

und mich darauf aufmerksam machte, wie entscheidend es seine Theorie untermauere. Und tatsächlich ging er darauf sämtliche Sonette genaustens durch und zeigte, oder glaubte zu zeigen, dass so manche Stelle, die bisher undurchsichtig, missglückt oder übertrieben erschienen war, durch seine neue Erklärung klar und verständlich wurde und große künstlerische Bedeutung erlangte, da sie Shakespeares Auffassung von der wahren Beziehung zwischen der Kunst des Schauspielers und der Kunst des Dramatikers veranschaulichte.

Natürlich liegt es auf der Hand, dass es in Shakespeares Truppe einen wunderbaren Knabenschauspieler von großer Schönheit gegeben haben muss, den er mit der Darstellung seiner edlen Heldinnen betraute, denn Shakespeare war sowohl ein praktisch denkender Theaterdirektor als auch ein phantasievoller Dichter, und Cyril Graham hatte tatsächlich den Namen dieses jungen Schauspielers herausgefunden. Es war Will oder, wie er ihn selbst gern sagte, Willie Hughes.

Den Vornamen fand er natürlich in den Wortspielen der Sonette 135 und 143, und der Nachname verbarg sich laut Cyril in der achten Zeile des zwanzigsten Sonetts, in der Mr W. H. beschrieben wird als

    A man in hew, all Hews in his controwling.
    (Von Farb' ein Mann, doch aller Farben mächtig,)

In der Originalausgabe der Sonette ist ‹Hews› mit großem Anfangsbuchstaben und in Kursiv gedruckt, und das, so behauptete er, zeige deutlich, das ein Wortspiel beabsichtigt gewesen sei, eine Ansicht, die weitere Unterstützung durch jene Sonette erhalte, in denen auf so sonderbare Weise mit den Worten ‹use› (Nutzen) und ‹usury› (Wucher) gespielt werde. Natürlich war ich auf der Stelle bekehrt, und Willie Hughes wurde für mich zu einem ebenso wirklichen Menschen wie Shakespeare. Der einzige Einwand, den ich gegen die Theorie erhob, war, dass der Name Willie Hughes nirgendwo in der Namensliste mit den Schauspielern aus Shakespeares Truppe auftauche, die in der ersten Folioausgabe abgedruckt ist. Cyril verwies jedoch darauf, dass das Fehlen des Namens Willie Hughes in Wahrheit seine Theorie weiter unterstütze, da aus Sonett 86 klar hervorgehe, dass Willie Hughes Shakespeares Truppe verlassen hatte, um in einem konkurrierenden Theater zu spielen, und zwar aller Wahrscheinlichkeit nach in einigen Stücken Chapmans. Im großen Sonett über Chapman nimmt Shakespeare darauf Bezug und sagt zu Willie Hughes:

    Als deine Gunst begann sein Lied zu feilen,
    Da schwand mein Stoff, da lahmten meine Zeilen.
    (86. Sonett)

wobei die Stelle ‹Als deine Gunst begann sein Lied zu feilen› sich offenkundig auf die Schönheit des jungen Schauspielers beziehe, die Chapmans Dichtung Leben und Naturtreue verlieh und ihren Zauber erhöhte, ein Gedanke, der auch im neun-undsiebzigsten Sonett vorgebracht werde:

    Als ich allein noch anrief deine Gunst,
    Floss meinem Lied allein dein Anmutsschatz!
    Nun aber welkt die Anmut meiner Kunst;
    Die Muse, krank, macht einer andern Platz.
    (79. Sonett)

und gleichfalls im unmittelbar vorhergehenden, wo Shakespeare sagt:

    Every alien pen has got my use
    And under thee their poesy disperse.
    (Dass nun die ganze Zunft, wie ich's begann,
    Gedichte ausstreut unter deinem Schutze.)

Hier sei das Spiel mit den Worten use = Hughes natürlich nicht zu übersehen, und mit den Worten ‹Gedichte ausstreut unter deinem Schutze› sei gemeint, dass die Dichter ‹mit deiner Hilfe als Schauspieler ihre Stücke vor die Menschen bringen›. Es war ein wunderbarer Abend und wir saßen fast bis zum Morgengrauen zusammen und lasen immer wieder die Sonette. Nach einiger Zeit aber begriff ich, dass wir unbedingt einen eigenständigen Beweis für die Existenz des jungen Schauspielers Willie Hughes finden mussten, bevor die Theorie in wahrhaft vollkommener Form der Welt zugänglich gemacht werden konnte. Wenn dieser Beweis erst einmal erbracht war, gab es keinerlei Zweifel mehr, dass es sich bei Willie Hughes um Mr W. H. handelte; sollte dies aber nicht gelingen, würde sich die Theorie zerschlagen. Ich brachte meine Bedenken Cyril gegenüber sehr nachdrücklich vor, der über meine, wie er es nannte, philisterhafte Geisteshaltung sehr verärgert war und meinen Einwand recht scharf zurückwies. Ich rang ihm jedoch das Versprechen ab, seine Entdeckung in seinem eigenen Interesse erst dann zu publizieren, wenn die gesamte Angelegenheit über jeden Zweifel erhaben war, und so suchten wir wochenlang in den städtischen Kirchenregistern, in den Alleyn-Handschriften in Dulwich, im Nationalarchiv und im Amt des Lord Chamberlain - kurz, überall dort, wo wir meinten, vielleicht einen Hinweis auf Willie Hughes zu finden. Natürlich fanden wir nichts, und es schien mir von Tag zu Tag fragwürdiger, ob es Willie Hughes tatsächlich gegeben hatte. Cyril, der in einem grässlichen Zustand war, ging das Problem jeden Tag aufs Neue an und beschwor mich, ihm zu glauben; ich aber sah weiterhin den einen Makel der Theorie und wollte mich partout nicht überzeugen lassen, bevor die tatsächliche Existenz Willie Hughes', eines Knabenschauspielers aus elisabethanischer Zeit, zweifelsfrei und über alle Krittelei erhaben festgestellt war.

 
 


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