Ralf Jörg Raber
Wir sind wie wir sind
Ein Jahrhundert homosexuelle Liebe
auf Schallplatte und CD
Kartoniert
424 Seiten,
zahlreiche Abbildungen
16 Seiten Farbteil
24,00 EUR (D)
ISBN: 978-3-939542-91-9
Pressestimmen
Der Autor
Inhalt
Vorwort
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Das ist Kultur!
Das "Lila Lied" (1920) wird noch heute als schwul-lesbische Hymne gesungen. Die erste "schwule Platte" aber war ein Couplet Otto Reutters: "Und jeder kriegt 'nen Schreck, kommt Hirschfeld um die Eck."
Schallplatten waren das erste Massenprodukt der modernen Unterhaltungsindustrie. Ralf Jörg Raber stellt selbstbewusste Stimmen und Texte vor, die den Sprung in dieses Medium schafften. Er zeigt, wie sich dort auch Klischees, Hohn und Spott breit machten, wie Schwule in die Camouflage auswichen. Später eroberten Liedermacher und Schlager, Lesbenbands und schwule Formationen das Terrain, und gerade in jüngster Zeit holt der Hiphop zum homophoben Gegenschlag aus. Mit viel Herzblut erzählt Raber die Kulturgeschichte der Homosexualität im Echo der Schallplatte, liefert eine Fundgrube, die noch den kuriosesten Erscheinungen nachgeht und sie kenntnisreich einordnet.
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Ralf Jörg Raber wurde 1960 geboren, wuchs im Saarland auf und entdeckte schon als Kind mit den 45er-Singles seiner Eltern die Welt der Musik. Er ist evangelischer Pfarrer, lebt in Essen und arbeitet als Religionslehrer. Bei Bear-Family-Record initiierte er die CD-Reihe "Homosexualität auf Schallplatte" und veröffentlichte Beiträge u. a. in "Invertito", "Fox auf 78" und "Homosexuelle Männer im KZ Sachsenhausen".
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Kompliment! Es macht Vergnügen, das zu lesen. Man sollte es auch oft verschenken - es stiftet bestimmt große Freude.
Jan Feddersen in Männer
Ein absolutes Muss für den Liebhaber schwuler Tonträger und schwullesbsicher Musikkultur. Raber ist offensichtlich der perfekte Sammler zu diesem Thema. Viele Coverabbildungen im farbigen Mittelteil und vor allem die Liedtexte machen das Ganze zu einer unglaublichen Fundgrube. Der ausführliche Anhang mit Bibliographie und Discographie lassen das Herz des Sammlers ebenso höher schlagen wie der Textteil mit seiner Fülle von Hintergrundinformationen, der ein feuilletonistisches Lesevergnügen darstellt.
Rolf G. Klaiber in Leo
Der Autor vermittelt mit leichter Hand nicht nur musikgeschichtliches Wissen, er gibt auch einen schlüssigen Überblick über die neuere Geschichte der Homosexualität in Deutschland.
Jasper Backer in Siegessäule
Raber gelingt über die Musik zugleich auch eine Kulturgeschichte der Homosexualität im deutschsprachigen Raum. Die Schallplatte als industrielles Massenmedium spiegelt für Raber nicht nur den kulturellen wie politischen Zeitgeist wider, sondern er sieht sie auch als Indikator gesellschaftlicher Veränderungen und als Gradmesser von Toleranz und Akzeptanz.
Axel Schock in Hinnerk
PRIDE kann dieses Buch jedenfalls wärmstens empfehlen.
Hans-Peter Wiegand in PRIDE
Einklang
Kapitel I: Kaiserzeit
"Ein jeder kriegt nen Schreck, kommt Hirschfeld um die Eck" - Ein kaiserlicher Sittenskandal
Kapitel II: Weimarer Republik
2.1 "Wir sind, wie wir sind" - Das Lila Lied
2.2 "Sie hat nen Bräut'gam und ne Braut ..." - Frauenansichten
2.3 "In der Eldorado-Bar saß ein Herr mit blondem Haar" - eine schwule Schlagerparodie
2.4 "Was hast du für Gefühle..., sind es kühle oder schwüle..." Eindeutig zweideutig
2.5 "... nehm' ich mein Negligee und geh'" - witzige Irrtümer
2.6 "... und kameradschaftlich sei der Verkehr" - Politisches Kabarett
Zusammenfassung
Kapitel III: Nazizeit
"Herr Munter, kommen Sie runter?" - Schweigen
Kapitel IV: BRD - Die 50er und 60er Jahre
4.1 "Du, großer Strammer, wärst mein Typ" - zwei Platten mit vielen Rätseln
4.2 "Mein Sekretär… eine SIE oder ein ER" - Zwischen Bewunderung und Verachtung
4.3 "Der Eros geht zuweilen in die Irre" - Frivoles aus dem Plattenschrank
4.4 "So warm wie du und ich" - Marcel André, der erste offen schwule Travestie-Plattenstar
4.5 "Wer schmeißt denn da mit Watte?" - Schwulenverachtung in den 60ern
4.6 "Wir zwei, wir sind nicht wie die andern" - Das Kuriosum Johnny Delgada
Zusammenfassung
Kapitel V: BRD - Die 70er und 80er Jahre
5.1 "Ho ho ho - kleiner Homo-Joe" - Platten von Schwulenmagazinen
5.2 "Ich will, dass es das alles gibt" - Aufbruch der Liedermacher
5.3 "Da wurd' mir erst wieder klar, dass du ein Junge warst… Na und?" - Deutschrock zwischen Aufbruch und Kalkül
5.4 "Ja, das bleibt immer ein Geheimnis…!" - Aufbruch im deutschen Schlager
5.5 "So schwul kann doch kein Mann sein" - Die Detlev-Welle und andere Skurilitäten
5.6 "Ich bin eine Lesbe - wie steht's mit dir?" - Die großen Lesbenbands
5.7 "Im Damenklo ist es geschehen" - Nina Hagen
5.8 "Satirische Lesbengesänge" - Lesbische Liedermacherinnen, Kabarett und mehr
5.9 "Sie ham mir ein Gefühl geklaut" - Schwule Musikprojekte
5.10 "… doch richtige Damen werden wir nie" - Travestie im Wandel
5.11 "Da sah er plötzlich vor sich steh'n den Schminktisch trefflich anzuseh'n" - Schwule und lesbische Chöre
Zusammenfassung
Kapitel VI: Deutsche Demokratische Republik
6.1 Kurze Geschichte der Homosexualität und zur Rolle der Schallplatte in der DDR
6.2 "Das war gut" - Annemarie Hase und das Kabarett der 20er Jahre
6.3 "Sterne in der Nacht" - Die Band Karussell
6.4 "… das passt in Spatzenhirne nicht hinein" - Der Liedermacher Gerhard Schöne
6.5 "Willkommen im Exquisit-Exotenclub" - Arnulf Wenning und Travestie
6.6 "… fühl', was Du nicht siehst…" - Ines Paulke
6.7 "Komm, Schwester, trinken wir auf … unsre Lust" - Offen lesbisch: Maike Nowak
6.8 "Er will nicht, was er will" - Offen schwul: Norbert Bischoff
Zusammenfassung
Kapitel VII: BRD - Die 90er Jahre
7.1 "Ich muss raus hier" - Lieder zum Thema AIDS
7.2 "Nimm doch alles von mir" - Rainer Bielfeldt, Georgette Dee, Tim Fischer
7.3 "…ich will lieber einen Mann" - schwullesbische TV-Stars auf Platten
7.4 "Ich will nur verstanden sein" - Schwuler Schlager
7.5 "Du bist der sanfte Verführer" - ein schwuler Superstar
7.6 "We are Various Voices" - das schwullesbische europäische Chorfestival
7.7 "Der geilste Arsch der Welt" - Köln im Wandel
7.8 "Gay Happening" - Sampler schöpfen ab
7.9 "Mein Hund ist schwul" - Platten von nicht-homosexuellen KünstlerInnen
Zusammenfassung
Kapitel VIII:BRD - 2000 bis heute
8.1. "Schwuchteln verkloppen" - Homophobie im deutschen HipHop
8.2 "Wir sind, wie wir sind" - homosexuelle Plattenhistorie auf CD
8.3 "Ich bin schwul, und das ist gut so" - Prominentes Selbstouting auf CD
8.4 Neuerscheinungen der letzten Jahre
Ausklang
ANHANG:
Discographie der deutschsprachigen Aufnahmen mit schwulem und lesbischen Inhalt bzw. entsprechenden Anspielungen 1908 bis 2007
Wie klingt ein heterosexueller Kuss? Eine absurde Frage? Weitgefehlt, denn nichts ist manchmal absurder als die Wirklichkeit, musste es doch ausdrücklich ein heterosexueller Kuss sein, der auf dem wohl skurrilsten Tonträger der Menschheitsgeschichte verewigt wurde, der Golden Record. Die Golden Record ist eine vergoldete Kupferscheibe im LP-Format, die mit den beiden US-Raumsonden Voyager 1 und 2 im Jahr 1977 auf eine Reise in die unendlichen Weiten des Universums geschickt wurden in der Absicht, mögliche außerirdische und nach unserem Verständnis intelligente Lebensformen über die Existenz irdischen Lebens zu informieren - nein, das ist kein Witz! Das Goldstück ist voll gespickt mit analog gespeicherten optischen und akustischen Dokumenten, genauer gesagt mit 115 Bildern und zahlreichen Tonbeispielen, etwa einem gesprochenen Gruß in fünfundfünfzig Sprachen, ausgewählten Musikbeispielen und Alltagstönen - wie eben dem Geräusch eines Kusses. Und der musste, so ein beteiligter Mitarbeiter im WDR-Wissenschaftsmagazin Quarks, ausdrücklich heterosexuell sein.
Die Golden Record ist das vielleicht abstruseste Beispiel von Heterosexualität auf Schallplatte und zugleich das symbolträchtigste der Verdrängung homosexuellen Lebens. Aber dieses Buch wurde keinesfalls in der Absicht geschrieben, Aliens eine zumindest printmediale Ergänzung zur Golden Record zu liefern. Es ist den Erdenmenschen zugedacht, die im tagtäglichen Musikgenuss fast ausschließlich mit heterosexueller Thematik beschallt werden. Dabei gibt es seit über einhundert Jahren Lieder und Texte auf Schallplatten und CDs, die auch homo- und bisexuelles Leben dokumentieren. Um sie dreht sich alles in diesem Buch: Es geht um eine umfassende Darstellung, wie Homosexualität bzw. homosexuelle Liebe im 20. und beginnenden 21. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum auf den Massenmedien Schallplatte und CD thematisiert und transportiert, welche Bilder vermittelt wurden und werden und wie die jeweiligen Stücke zeitgeschichtlich einzuordnen sind. Sind sie emanzipatorisch, neutral oder diskriminierend, handelt es sich um ein ganzes Lied, eine Liedstrophe, -zeile oder um eine winzige, teils versteckte Anspielung, auch als gesprochener Text.
Mit der Weltpremiere der industriell gefertigten Schallplatten 1898 in Hannover war das erste Massenmedium des neuen, des 20. Jahrhunderts in Europa geboren. Fortan spiegelte und prägte die Schallplatte den kulturellen wie politischen Zeitgeist und wurde zum akustischen Indikator gesellschaftlicher Veränderungen, in unserem Falle auch zum Gradmesser von Toleranz und Akzeptanz Homosexuellen gegenüber. Denn gepresst wurde nur, was gesellschaftlich akzeptabel oder zumindest diskutabel erschien, was neugierig machte und auf ein potentielles Kaufinteresse stieß, also kommerziellen Erfolg versprach - und das auf einer breiteren Grundlage als bei traditionellen Medien. Werden Bücher oder Zeitungen nur von wenigen Personen je Exemplare gelesen, potenziert sich der Verbreitungsgrad eines auf Platte veröffentlichten Liedes, einer musikalischen Botschaft über den Käufer oder der Käuferin hinaus: durch Verleihen und Kopieren, durch Spielen auf privaten wie öffentlichen Partys, über die Jukebox in Bars und Kneipen, über die Verbreitung in Funk und Fernsehen, heute vor allem - und schließlich losgelöst vom festen Tonträger - übers Internet. Ein Song auf einer Schallplatte erreicht weitaus mehr Personen als ihre bloße Verkaufszahl suggeriert. Hinzu kam seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts etwas anderes: Seit der Entstehung der neuen Schwulen- und Lesbenbewegung haben diese die Schallplatte und schließlich die CD als Träger eines neuen Selbstbewusstsein, einer neuen Form der Selbstdarstellung, als Mittel Emanzipation genutzt. Schallplatte und CD spiegeln damit über den Wandel der Gesellschaft und ihren Umgang mit dem Thema Homosexualität hinaus auch den Wandel der Homosexuellen in Umgang und Verständnis mit der eigenen Homosexualität. (Hier werden nur Hürden aufgebaut - dieses unterhaltsame Buch funktioniert aber ganz ohne jeden Verweis - sogar noch auf eventuelle künftige Publikationen ...)
Die folgende Darstellung ist die erste ihrer Art im deutschsprachigen Raum. Bei allem Bemühen um Objektivität bei der Auswahl und Kommentierung von Musik- und Texten muss hier immer auch die persönliche Meinung durchscheinen, kann nicht alles berücksichtigt werden. Über Hinweise auf fehlende Musiktitel und alternative Einschätzungen freue ich mich immer!
Dieses Buch ist deshalb an alle gerichtet, die Schallplatten und CDs mehr denn als bloße Datenträger verstehen, die sich für den geschichtlichen und kulturellen Wert dieser Medien und ihre Bedeutung interessieren - vor allem aber an jene, die schlicht und gerne Musik hören. Dabei muss man nicht (wie der Autor) unbedingt der Schallplatte verfallen sein und die Einstellung einer Romanfigur Frank Goosens teilen: "Echte Tonträger sind groß und schwarz und haben zwei Seiten." Besonders schön und befriedigend gerieten meine Recherchen dann, wenn hinter den Schallplatten und CDs persönliche Lebensgeschichten auftauchten, wenn Menschen, in diesem Fall die Musikerinnen und Musiker, nach zum Teil Jahrzehnten auf ihre Platten angesprochen ihre Storys wieder herauskramten, sich erinnerten und erzählten. Diese großen und kleinen Geschichten dem Vergessen zu entreißen und anzuregen, im eigenen Plattenregal (oder im PC-Fundus) wieder zu stöbern, sich der eigenen Geschichte zu erinnern und sie neu zu entdecken, Platten (wieder) aufzulegen und homosexuelles Leben im wahrsten Sinn des Wortes erklingen zu lassen, sollen die nachfolgende Seiten dienen.
Ralf Jörg Raber
Essen, Juli 2009
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