Weblog
«Schwule Literatur»


Suchen



Herbst 2010

Frühjahr 2010

AutorInnen A - Z

Belletristik

Sachbuch / Wissenschaft

Comic / Ralf König / Kunst

Erotik

SM / Pauls Bücher

Taschenbuch



Bibl. rosa Winkel

Ed.Waldschlösschen

Invertito

Queer Lectures



Verlag rosa Winkel



Download-Center






Männerschwarm Verlag

Home   Lesungen   Presse   Bestellungen   Verlagsportrait   Kontakt & Impressum   Buchladen 

Benny Ziffer

Ziffer und die Seinen

Roman
aus dem Hebräischen von Markus Lemke

Hardcover mit Schutzumschlag
192 Seiten,
18,00 EUR (D)
ISBN: 978-3-939542-39-1


Auch als eBook lieferbar:
epub-Format
EUR 16,00
ISBN: 978-3-939542-69-8

Pressestimmen

Der Autor

Leseprobe

Portrait des Autors in "Die Welt" (von Marko Martin)

 


portofrei bestellen bei www.gaybooks.de
Als eBook bei Libri.de

Tel Aviv - Berlin und zurück

Ziffer und Jo leben als schwules Paar in Tel Aviv. Abwechselnd beschreiben sie ihr Leben, das von Raketeneinschlägen geprägt ist wie auch von Ziffers Unsitte, neben das Klo zu pinkeln, von anstrengenden Elternbesuchen und Nazi-Alpträumen. Schließlich flüchten sie nach Berlin, in "diese zürnende Stadt". Jo als Hausmann und Ziffer als Kulturmensch verkörpern das unverbundene Nebeneinander großer Ziele und trivialer Ärgernisse, mal schräge Satire, mal bitterer Ernst. Die Ereignisse sind turbulent und nicht immer ganz realistisch - Ziffer liebt es, die ausgetretenen Pfade der Erzählkunst zu verlassen. Große Oper!

"Ziffer und die Seinen" ist eine der brillantesten Satiren, die je über das kulturelle Leben Tel Avivs geschrieben wurden - wunderbar geistreich, mal witzig, mal traurig. Diese fruchtbare Alltagskultur widersetzt sich einer gescheiterten, fauligen Ordnung.
Maariv

Benny Ziffer wurde 1953 in Tel Aviv als Sohn türkischer Einwanderer geboren. Seit 1987 arbeitet er als Literaturchef der Tageszeitung Haaretz.

... und hier etwas ausführlicher:

Die Anspielung, die Benny Ziffer mit seinem Titel auf Christopher Isherwoods Autobiographie «Christopher und die Seinen» macht, ist nicht zufällig. Beide Autoren haben eine starke Bindung an Deutschland, nehmen Deutschland – auch wenn zwischen ihren Besuchen etwa 50 Jahre liegen – als das Land wahr, in dem Schwule freier leben können als zu Hause, beide haben einen literarischen Ansatz, der stark der Beobachtung des Alltags verpflichtet ist. Und so, wie Isherwoods «Eldorado» Berlin von den Nazis zestört wurde, so zerstörten die Nazis auch das Leben von Ziffers Vater. Doch Vorsicht: an einem Punkt unterscheiden sich beide Bücher gewaltig.

Während Isherwood sich nach den fiktiven Romanen «Mr. Norris Changes Trains» und «Goodby to Berlin» in «Christopher and his Kind» dem wahren Christopher nähert, sind die literarische Figur Ziffer und die Geschichte seiner Familie reine Fiktion. Wenn der Autor Ziffer die Erinnerungen seines Vaters an die Nazi-Gräuel in seinen Roman einflicht und die Geschichte erzählt, wie Magnus Hirschfeld, der Sozialist, Vorkämpfer der Homosexuellenverfolgung und Jude, ihm das Leben gerettet hat, so ist das vielleicht aber auch so etwas wie ein Wunschtraum. Denn Hirschfeld, der auf seiner «Weltreise eines Sexualforschers» (2006 neu herausgegeben von Hans Christoph Buch in der «Anderen Bibliothek») am Ende tatsächlich auch in Palästina war, ist eine wichtige Bezugperson der Figur «Ziffer». «Ziffer» stellt sich sogar vor, es sei Hirschfeld gelungen, sein von den Nazis zerstörtes Institut für Sexualforschung nach 1933 in Jerusalem fortzuführen. Er macht ihn zum Kronzeugen gegen die Schwulenfeindlichkeit und Verbohrtheiten der jüdischen Gesellschaft, legt ihm aber auch teils abstruse, teils groteske Beobachtungen und Gedankengänge zum Leben schwuler Araber und Juden in Palästina in den Mund:

«Wenn es nur gelänge, die natürliche Homosexualität der Araber mit dem subtilen Großstädtertum der jüdischen Bewohner Tel Avivs zu paaren, wäre es möglich, hier eine Rasse von Homosexuellen par excellence zu schaffen, eine schöne und gesunde Rasse, die auf der Welt nicht ihresgleichen hätte.»

Aber so ist es nicht gekommen. Schließlich muss Ziffers fiktiver Hirschfeld befürchten, dass auch in Jerusalem sein Institut geschlossen wird. Er wendet sich resigniert von diesem Land ab:

«Ich begriff bereits, dass von diesem Ort nichts Gutes zu erwarten war, und so reifte in meinem Herzen der Entschluss heran, nach Europa zurückzukehren, wo es noch immer genügend aufrechte Menschen gab, die in der Lage waren, meine Arbeit wertzuschätzen.»

Doch der Reihe nach:
«Ziffer und die Seinen» – das sind der Schriftsteller Ziffer und sein Freund Jo, das sind die Eltern, Freunde, lästige Nachbarn. Ziffer und Jo leben als schwules Paar in Tel Aviv. Ziffer entfleucht in geistige Sphären und lässt seinen Freund auf der Hausarbeit sitzen: Seine Bemerkung «Einer muss den Müll rausbringen» lässt keinen Zweifel, wer dieser Eine sein wird. Der Roman erzählt von einem Leben, das von Raketeneinschlägen geprägt ist wie auch von Ziffers Unsitte, neben das Klo zu pinkeln, von anstrengenden Elternbesuchen und Nazi-Alpträumen. Die beiden wirken wie ein typisch israelisches Paar, egal, ob schwul oder hetero. Jo als Hausmann und Ziffer als Kulturmensch verkörpern das unverbundene Nebeneinander großer Ziele und trivialer Ärgernisse, mal schräge Satire, mal bitterer Ernst. Beide Figuren erzählen abwechselnd, beide Perspektiven werden als unkommentierte «O-Töne» präsentiert: Auf der einen Seite Jos Gekeife über ungerechte Behandlung, neurotisches Verhalten und das ganz normale Hausfrauenelend. Auf der anderen Seite Ziffers Versuche, mit dem Privatleben ins Reine zu kommen, seine Bemühen um gesellschaftliche und kulturelle Verbesserungen, sein unfreiwillig komischer Kampf um Emanzipation und seine Eitelkeiten als Autor. Doch wie alles andere ist auch diese Eitelkeit literarisch gebrochen, denn der Autor und seine Figur sind sich ihrer Probleme als Schriftsteller an der Schwelle zum 21. Jahrhundert vollständig im Klaren: dass der Alltag banal ist, dass jede Geschichte auf dieser Welt schon tausend Mal erzählt wurde:

«An diesem Scheideweg frage ich mich allen Ernstes – wer ist der größere Schriftsteller, Goethe oder ich.
Nein, mal ehrlich, lasst uns ein für alle Mal diesem Hype auf den Grund gehen, der um Goethe gemacht wird.
Gut, lassen wir Goethe. Nehmen wir Stendhal.
Man könnte meinen, sein «Rot und Schwarz» sei zusammen mit den zehn Geboten vom Himmel nieder gegangen. Eine Liebesgeschichte, ein paar Beschreibungen, Dialoge, Monologe. Und was hat man nicht alles daraus gemacht. Er hat ein Buch geschrieben, ich hab ein Buch geschrieben, na und? Papier, Tinte, Wörter, Sätze, Papier Tinte Wörter Sätze. Stendhals einziger Vorteil ist, dass er sich nicht mit der Frage abgeben musste, ob ich größer bin als er. Wie viele Romane hatten sie denn vor ihm schon geschrieben? Er konnte doch schreiben wie es ihm gefiel. Jeder Weg, den er wählte, war so etwas wie eine Innovation. Ich dagegen muss mich auf Schritt und Tritt fragen, ob ich nicht dem ausgetretenen Weg von jemand anderem folge.»


Doch Ziffer verlässt die ausgetretenen Wege. Seine Lösung besteht zum einen im «dostojewski’schen» Daherreden beider Figuren, das sehr viel mehr Realität transportiert als eine sich betont kulturbeflissen gerierende Prosa es könnte. Zum andern tauchen in diesem Gerede – besonders Jo ist sehr gut darin! – immer wieder offenbar irreale Elemente auf, Elemente, die jedoch im israelischen Alltagsbewusstsein, in der allgegenwärtigen Erinnerung an den Holocaust, verankert sind. So werden in dem Roman auf dem Rabin Platz (!) Bücher verbrannt, so kündigen sich die Besuche von Ziffers Eltern durch einen Leichengeruch an, der sogar durchs Telefon dringt. Oder ein arabischer Lover wird hartnäckig als Hund beschrieben. Wenn Ziffers Figuren auch als ziemlich verrückte Typen erscheinen, so ist doch offensichtlich, dass wir es mit zwei ums (psychische) Überleben kämpfende Menschen in einer tatsächlich irrwitzigen Umgebung zu tun haben.

Die zweite Hälfte des Romans spielt in Berlin, einer «zürnenden Stadt», die Ziffer aber auch anzieht. «Heimatsuche» – so hatte Isherwood seine Besuche in Berlin erklärt: «Heimatsuche. Ich will nachschauen, ob sie hier ist.» Das im Vergleich zu Israel freie Leben in der Berliner Subkultur, der historische Bezug zu Hirschfeld: vielleicht ist auch Ziffer in Berlin auf Heimatsuche. Wie Isherwood verklärt er nicht und klagt nicht einfach an, sondern er arbeitet sich an den Verhältnissen ab. Ziffer imaginiert häufig skurrile Zeitsprünge, verfällt in leicht durchschaubare Unterstellungen, überträgt die im Nahkampf einer Beziehung erprobten Strategien der Auseinandersetzung auf die gesellschaftliche Realität. Oder umgekehrt? Wenn man es wüsste!

Am Ende will Ziffer ein Stückchen «seines» Berlins nach Tel Aviv hinüberretten. Dort stellt er den Antrag, den nächtens von Schwulen frequentierten Unabhängigkeitspark in «Magnus-Hirschfeld-Park» umzubenennen. Diese Episode ist bezeichnend für Ziffers durch und durch ironische Schreibweise: Er ergänzt den Abdruck seines Antrags mit dem Antwortschreiben der Behörde, die erklärt, man werde sich damit befassen, jedoch liege auch ein Antrag auf Umbenennung in «Marcel Proust Park» vor. Beide Antragsteller bekämen fünf Minuten Zeit, um ihren Antrag zu begründen. Alltäglicher Wahnsinn eben: fünf Minuten Hirschfeld, fünf Minuten Proust. Dass daraus nichts wird, ist zu erwarten.


Der Autor

Benny Ziffer wurde 1953 in Tel Aviv geboren, seine Eltern waren vier Jahre zuvor aus der Türkei eingewandert. Seit 1987 ist er Literaturchef bei Haaretz, einer der wichtigsten israelischen Tageszeitungen, und hat seit den 90er Jahren drei Romane veröffentlicht: «Der türkische Marsch» (1995), «Ziffer und die Seinen» (1999) und «Der Werdegang des Literaturredakteurs» (2005). «Ziffer und die Seinen» ist seine erste Übersetzung in die deutsche Sprache. Seine Romane werden in Israel als «bahnbrechende kontroverse Literatur» wahrgenommen. Seit 2004 schreibt Ziffer in Haaretz eine ausgesprochen populäre kulturpolitische Kolumne über die Darstellung des Alltagslebens im israelischen Fernsehen.

Seit November 2005 gewann er weitere Popularität durch sein Weblog «Lo BeBeit Sifrenu», wörtlich: «Nicht in unserer Schule». In Deutschland ist Benny Ziffer unter anderem durch seinen Aufenthalt am Literarischen Colloqium Berlin LCB 2002 bekannt.

Pressestimmen

Ein verstörendes, ein erhellendes, ein begeisterndes Buch.
Stefan Mey in Männer

Als Leser ertappt man sich permanent dabei, dieses unaufgeregte Mit- und Nebeneinander für bare Münze zu nehmen. Doch weit gefehlt: "Ziffer und die Seinen" ist ein raffiniertes Konstrukt aus Tagebuchartigem, essayistischen oder dokumentarischen Einsprengseln wie "Zur Situation der Homosexuellen in Israel" (einem Vortrag, den Ziffer in Berlin hält), "Der Hund als Homosexueller" (zu Ehren von Churi, ihrem arabischen "Hund") oder den drei Kapiteln aus Magnus Hirschfelds (erfundenem) Buch "Die Homosexuellen in Palästina (1933)", das die Idee vermittelt, Hirschfeld habe sein Berliner Institut für Sexualforschung nach der Machtergreifung der Nazis in Jerusalem weiterführen können.
So ist Ziffers kleiner Roman ein permanent satirisch gebrochener Text über das moderne Leben eines schwulen Paares in Tel Aviv, der den aktuellen wie den historischen Hintergrund reflektiert. Er ist Unterhaltung mit Tiefgang, ein literarisches Kleinod.
Rolf G. Klaiber in Leo, München

Schicht um Schicht des Inneren seiner Figuren legt Ziffer erbarmungslos frei, Seite um Seite erlebt die Leserin, wie sich das Paar einander entfremdet, wobei der Schatten der Shoah allgegenwärtig über dem Geschehen liegt.
Das, was sich wie die Chronik einer angekündigten Trennung liest, ist jedoch weit mehr als nur die Darstellung einer (un)gewöhnlichen Liebesgeschichte. Virtuos flicht der Autor Biographisches aus dem Leben und Werk des Berliner Sexualforschers Magnus Hirschfeld ein und mischt dabei furchtlos historische Fakten und Fiktion in ein waghalsig konstruiertes Potpourri. Indem Benny Ziffer diese frei konstruierten Analysen Hirschfelds in das Leben seiner Protagonisten integriert, erhalten auch die LeserInnen einen – vermeintlichen – Einblick in die Realitäten von Homosexuellen in Israel heute und Palästina damals.
Sharon Adler auf www.Aviva-Berlin.de

Der israelische Autor Benny Ziffer reißt mit seinem anarchischen Roman alle Genregrenzen ein und treibt ein intelligentes Spiel mit historischen Fakten und Fiktion.
Carsten Schrader in U_mag

Benny Ziffer, der Autor dieser tragikomischen Melange aus Beziehungs- und Gesellschaftsdrama ist Literaturchef der israelischen Tageszeitung Ha'aretz. Vor seinen Augen bleibt keine Groteske unserer Zeit verborgen und sein böser, aber immer elegant formulierter Witz verschont niemanden. Ein Mikrokosmos, um den man sich kümmern sollte!
Andrea Fonk in Szene Hamburg


Die Gebote der Political Correctness umgeht der Autor galant, indem er die teils kruden, aber bis dato ungehörten Äußerungen auf verschiedene Sprecher verteilt. Ihm gelingt mit seinem Buch eine Art Kaleidoskop, das alle, die meinten, die Wahrheit über Israel, Palästina und die Schwulen "an sich" zu kennen, atemlos, aber amüsiert und erleuchtet zurücklässt. Und der Verlag Männerschwarm verteidigt seinen Ruf als literarisches Trüffelschwein.
Christian Mentz in Siegessäule, Berlin

Leseprobe

Ziffer und Jo in Berlin

Es war vor ungefähr zwei Jahren. Man hatte Ziffer zu einer Woche "Literarischer Begegnungen" nach Berlin eingeladen. Anfangs bot er mir nicht an mitzukommen, und erst nachdem ich gefragt hatte, ob er befürchte, dass meine Anwesenheit seiner Karriere schaden würde, beeilte er sich zu sagen: "Ach was, Jo, Süßer, klar, dass du auch mitkommst." Irgendwie verstehe ich ihn, sicher nicht angenehm, vor diesen ganzen offiziellen Nasen zu stehen und mich bei einem Empfang als seinen Freund vorzustellen, nur weil er keine andere Definition für mich hat. Dabei sind die Deutschen noch höflich, die Israelis warten nicht mal ab, bis er sich abgewandt hat, um zu grinsen, und immer ist da einer, der unversehens einen Witz über Schwule zum Besten geben wird, worauf seine Frau ihn unter dem Tisch anstößt und er mittendrin abbricht, die Schmalztolle zurechtstreicht, die ihm die Glatze verdeckt, und feixt, "hab ich was Unanständiges gesagt?". Solche Sachen kommen in Deutschland nicht vor. Kurz und gut, wir hatten es nett zusammen. Lagen stundenlang eng umschlungen im Bett, knutschten herum wie zwei Jungfrauen und Ziffer sagte, dass er mich liebe, etwas, das man ihm nicht so leicht entlockt. Auch in Gesellschaft war er ungewöhnlich charmant und es störte mich nicht, dass er hin und wieder nach den Kellnern im Restaurant oder den Platzanweisern in der Oper schielte. Einmal, in einem Museum, fing er ein Gespräch mit einem kreuzdummen Kassierer an. Sie zeigten dort eine Ausstellung über die Filmschauspielerin Hildegard Knef, und ich fragte den Knaben an der Kasse, ob sie auch eine CD mit ihren größten Hits hätten. Ich hatte gleich gesehen, dass er so einer war, sah auch den Blick, mit dem er Ziffer beäugte, und den Blick, mit dem Ziffer ihn aufspießte, fehlte bloß noch, dass sie sich ausgezogen und in die Waagerechte begeben hätten. Er fragte, woher wir seien, und Ziffer sagte: "Ich bin aus Kroatien und er (sprich: ich) aus Kasachstan." Irrsinnig lustig. Ich hab zwar nichts gegen Kasachstan, aber warum rechnet er mich einem Volk schmutziger Nomaden zu und sich selbst Europa? Der Knabe an der Kasse fiel drauf rein und fragte ihn über den Krieg in Bosnien aus und dass es nicht okay sei, was sie den Muslimen angetan hätten, um dann über sich selbst zu sprechen, dass er aus Sachsen stamme und keine feste Arbeit habe. Er fragte Ziffer, ob in Kroatien Bedarf an Deutschlehrern bestehe. Ziffer setzte eine Trauermiene auf und sagte, dass ja, weil die Serben sie alle massakriert hätten, und die ganze Zeit über existierte ich nicht, war Luft, ein Schafhirte aus Kasachstan, der irrtümlich in den Tempel der Kunst geraten war. Als wir endlich aufbrachen, redete ich nicht mit Ziffer und dachte bei mir: Jo, gönn ihm nicht das Vergnügen, einen Streit vom Zaun zu brechen. Bis er endlich mein grollendes Schweigen bemerkte und fragte, ob irgendwas los sei, worauf ich nicht antwortete und er nochmals fragte und anfing richtig nett zu sein, was selbstverständlich die ganze Sache im Bett enden ließ, er auf mir drauf und ich "ja, ja" brüllend, so wie er es liebt.

Zu Ziffers Auftritt in einem schwulen Buchladen in Berlin kamen ganze Heerscharen. Berlin ist nicht Tel Aviv - Heerscharen, sage ich! Der Moderator stellte Ziffer als die rosa Hoffnung Israels vor, was meiner Meinung nach geschmacklos war. Zu ihm aufs Podium setzten sie einen deutschen Professor für sexuelle Minderheiten, und es begann eine Debatte, ob die Homosexuellen in Israel eine unterdrückte Minderheit seien oder nicht. Ziffer las zwei Passagen aus seinem Buch, hielt dann seinen Vortrag und ich saß im Publikum, nicht zu weit vorne, und wartete auf den Satz: "Im Publikum sitzt mein Lebensgefährte, der langmütig all meine Eskapaden erträgt." Der Satz stand in seinem Manuskript, ich hatte ihn gesehen, aber aus irgendeinem Grund las Ziffer ihn nicht vor oder ich war taub geworden, denn hinterher behauptete er, er habe den Satz sehr wohl gesagt und ich hätte es bloß nicht gehört. Mal angenommen. Kurzum, ich nutzte die Zeit, um den Gesichtsausdruck des Publikums zu verfolgen, das Ziffers Geschichten über die Verfolgung durch die Polizei und die Gewalt auf der Straße aufsog, ganz zu schweigen von den Äußerungen der israelischen Politiker über uns. Was meiner Ansicht nach nicht fair war, weil man berücksichtigen muss, dass Israel ein Staat im Kriegszustand ist und sich nicht jeden Luxus des Westens erlauben kann. Dann definierte der deutsche Professor - sie hatten extra einen Juden aufgetrieben - Israel als theokratischen Staat und Ziffer, anstatt zu protestieren, nickte zustimmend. Und ich dachte bei mir, wäre Israel nicht stark, würde er nicht auf diesem Podium sitzen. Ich hasse diese Linken, die im Ausland sitzen und uns mit Kritik überziehen, zumal wir irrsinnig scharfe Soldaten haben und alle Homos, die zu dem Abend gekommen waren, sicher dafür gemordet hätten, wenn einer von denen sie ficken würde, all diese Schwestern, bei denen du zu allem Überfluss nicht weißt, ob sie nun Aids haben oder nicht, so athletisch sie auch aussehen mögen.

Klar, dass die Geschichten über die Verfolgung von Homosexuellen in Israel Humbug sind, das Problem ist, dass Ziffer die Neigung hat, sich selbst zu ernst zu nehmen und zu glauben, was er sich ausdenkt. Am nächsten Tag, beim Frühstück, fragte er plötzlich, was ich davon hielte, wenn wir in Deutschland Asyl beantragen würden. Ein Bundestagsabgeordneter von den Grünen, der bei der Lesung war, habe ihm geraten, die Schiene zu fahren, und gesagt, es gäbe bereits Präzedenzfälle dafür aus anderen Staaten in der Dritten Welt. Ich sagte gar nichts, ließ ihn selbst wieder runterkommen. Hätte ich etwas gesagt, wäre er noch Jahre später über mich hergefallen und hätte mich daran erinnert, dass ich seine Chancen zunichtegemacht hatte, aus unserem Loch herauszukommen und unsere Lebensqualität zu verbessern.

An unserem letzten Tag in Berlin machten wir uns auf die Suche nach dem Ort, an dem sich Heinrich von Kleist mit seiner Freundin das Leben genommen hatte. Der Grabstein ist unscheinbar und man muss im Wald lange danach suchen. Wir gingen, bis wir ein Schild "Kleistgrab" sahen. Folgten dem Weg hinab bis zu einer Terrasse, die den See überblickt. Der Grabstein ein grauer Steinquader, auf dem ein Vers des Dichters eingemeißelt ist. Wir saßen auf dieser Terrasse im Wald und blickten auf den See. Ziffer nahm meine Hand und sagte: "Ich weiß nicht, was ich ohne dich machen würde." Und nach kurzem Schweigen fügte er hinzu: "Nie werde ich es schaffen."

Ich denke, er wollte sagen, dass er niemals so groß sein würde wie Kleist. Um ihn zu trösten, sagte ich: "Ich könnte hier den ganzen Tag sitzen, du nicht?"

Plötzlich tauchte auf dem Weg eine Gruppe von Schulkindern auf und verteilte sich wie ein Schwarm Enten über das eingefriedete Grabplateau. Die Lehrerin brachte sie zum Schweigen und gab Anweisungen, sie sollten sich im Halbkreis um den Grabstein setzen. Einige Mädchen sahen uns an, flüsterten sich gegenseitig etwas ins Ohr und kicherten. Ich weiß nicht, warum, aber in jenem Augenblick sagte ich zu ihm: "Du musst schreiben, um Erfolg zu haben. Wir müssen zurück nach Hause. Ich bin ein hoffnungsloser Fall, ich werd nichts mehr aus mir machen, aber du, wenn du nicht schreibst, geht alles verloren. Wir müssen nach Hause."

 
 


© Männerschwarm 1999 - 2010 - Lange Reihe 102 - 20099 Hamburg
Kontakt/Webmaster: Detlef Grumbach