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Dorit Zinn

Mein Sohn liebt Männer

Mit einem Beitrag von
Alexander Zinn

kartoniert,
128 Seiten,
12,00 EUR

ISBN: 978-3-939542-25-4


Pressestimmen

Leseprobe

 


portofrei bestellen bei www.gaybooks.de

"Du, Dorit, ich bin schwul!"

"Du, Dorit, ich bin schwul!" - Wie reagieren meine Eltern, wenn ich "es" ihnen sage? Diese Frage bestimmt einen noch immer dramatischen Augenblick im Coming-out. Dorit Zinn hat einfach "Nein!" zu ihrem Alex gesagt, sie wollte es nicht glauben. Dann fingen bei ihr die Fragen an. Denn Eltern sind im Augenblick des "Geständnisses" genauso allein wie ihre Kinder. Was haben sie falsch gemacht? Warum tut ihr Sohn ihnen das an? Wie können sie jetzt alles richtig machen?

Wie Dorit Zinn in der Konfrontation mit dem schwulen Sohn in peinliche und komische Situationen stolpert und Alex plötzlich so richtig bemuttert, erzählt sie in ihrem Buch. Das Ergebnis: eine "Langzeitstudie" in Sachen Emanzipation und Akzeptanz dort, wo sie am schwierigsten und am nötigsten ist, in der Familie. Dorit Zinn beschreibt, wie sie ihren Sohn neu kennen und begreifen lernt, Ängste überwindet und schließlich auch aus eigener Anschauung wissen will, wie es in der Szene zugeht. Auf dem ersten Schrecken folgen Erlebnisse, aus denen neues Selbstbewusstsein wächst: "Wir haben einen schwulen Sohn. Na und?"

Die Autorin schenkt sich nichts. Sie gibt tiefe Einblicke auch in solche Konflikte, über die scheinbar aufgeschlossene Menschen sonst gerne hinweggehen. Ihr Bericht handelt gleichermaßen von "ewig-zeitlosen" Aspekten des Problems wie von der speziellen Situation zu Beginn der neunziger Jahre.

In der Neuausgabe nutzt die Autorin deshalb die Chance, den alten Text um einen Prolog und eine ausführliche Fortsetzung zu ergänzen. So rückt sie auch die gesellschaftlichen Veränderungen ins Blickfeld, gibt ihrem in dieser Form einzigartigen Bericht eine zusätzliche Dimension. Und was sagt Alex dazu? "Mein Sohn liebt Männer" wagt den Perspektivwechsel: Erstmals bekommt auch der schwule Sohn die Gelegenheit, die öffentlichen Bekenntnisse seiner Mutter aus zeitlichem Abstand zu kommentieren. Der Sohn behält das letzte Wort!

Dorit Zinn, geboren 1940 in Dessau, lebt in Darmstadt. Sie hat zwei erwachsene Söhne, ist seit 1979 als freie Autorin tätig. Ihr Sohn Alexander, geboren 1968, arbeitet als freier Journalist und wissenschaftlicher Autor.

Dieser Titel kann bei Libreka Volltextsuche teilweise eingesehen werden.


Pressestimmen

Eine ermutigende Erfahrung.
Darmstädter Echo

Ein optimistischer Bericht.
Xtra


Leseprobe

Frühjahr 2007. Eine gepresste Frauenstimme meldet sich am Telefon: Sind Sie die Autorin des Buchs ‹Mein Sohn liebt Männer›? Kann ich mal kurz mit Ihnen reden? Das heißt, ich möchte Sie zu mir nach Hause, zu einem Glas Wein einladen, wenn mein Mann mal nicht da ist. Ich habe solche Sorgen um unseren Sohn. Ist er schwul?, frage ich. Ja, vor kurzem habe ich bei ihm im Zimmer solche Pornohefte mit Männern gefunden, und als ich ihn darauf angesprochen habe, hat er es auch gleich zugegeben ... Dann höre ich am anderen Ende außer tiefen Atemzügen eine Weile nichts mehr.

Hallo, sage ich und frage: Sie haben sicher erst mal große Probleme damit, das zu akzeptieren? Ich höre Schluchzen, dann kommt es stockend aus ihr heraus: Wenn er nur normal schwul wäre, ich meine ‹anständig›, dann wäre es ja gar nicht so schlimm für mich. Aber er fährt jeden Abend weg, bleibt bis in die Nacht fort ... Und nach langer Pause schreit sie fast ins Telefon: Ich bin ihm letzte Woche nachgefahren, an der Autobahn-Raststätte Gräfenhausen hat er gehalten und sich mit anderen Männern getroffen. Überall auf dem Parkplatz standen so Typen herum, und immer sind welche in den Büschen oder im Wald verschwunden, haben dort den ekelhaftesten Sex getrieben ..., man konnte es genau sehen, und mein Sohn mittendrin!

Ich höre sie wieder schluchzen. Wissen Sie, mir ist so hundeelend gewesen, ich hätte mich übergeben können. Seitdem kann ich an nichts anderes mehr denken, schlafe nicht mehr, mal habe ich panische Angst, dann wieder eine ohnmächtige Wut. Was haben wir nur falsch gemacht, denke ich immer wieder, dass unser einziges Kind so geworden ist.

Anfangs ist es immer schwierig, versuche ich zu trösten, aber ich kann Sie auch gut verstehen. Ich komme zu Ihnen, wann Sie möchten, sage ich, vielleicht hilft es Ihnen, wenn wir uns als sogenannte betroffene Mütter darüber unterhalten, ich habe ja inzwischen schon sehr viel mehr Abstand zu diesem ersten Schock. Vielen Dank, sagt sie leise, und: ich melde mich.



Das Gespräch hat mir wehgetan, an eine alte Wunde gerührt. Konrad und ich haben oft Schwierigkeiten damit, dass Alex mitunter allzu provokant mit seiner Sexualität umgeht. So betrachten wir manche Fotos und Bilder in seiner sonst so ästhetisch eingerichteten Wohnung mit schiefem Blick - Gefühle, gegen die wir nicht ankommen. Das Gemälde eines masturbierenden Mannes mit riesigem roten Schwanz überschreitet zum Beispiel meine persönliche Toleranzgrenze. Aber ich versuche, meine Gefühle zu kontrollieren: Das ist Alex' Wohnung, sein Leben, seine Sexualität. Trotzdem ließ ich mich kürzlich zu der Bemerkung hinreißen: Häng doch bitte das eine oder andere Bild ab, wenn Max mit seinen Kindern zu Besuch kommt. Wieso soll ich in meiner Wohnung etwas abhängen?, fragte Alex gereizt.

Mir ist klar, dass auch Menschen, die sich lieben, manche Gefühle des anderen nicht teilen und nicht einmal verstehen können oder wollen. Ich habe den Dia-Abend vor Augen, den entsetzten Blick meines Vaters, als wir ihm unbekümmert ein Foto seiner Tochter zeigten, wie sie auf einer sommerlichen Bergtour barbusig, lachend, mit ausgebreiteten Armen vor einem gekreuzigten Christus stand. Einen Tag später stand Vater in der Tür: Dorit, so schöne Urlaubsfotos, aber bei dem einen, da bist du zu weit gegangen. Damals wollte ich ihn nicht verstehen.



3



Oft denke ich an den Anruf der anonymen Mutter. Das gewünschte Gespräch kam nie zustande, sie meldete sich nicht mehr. Fast habe ich ein schlechtes Gewissen. Aber was hätte ich ihr sagen sollen? Dass mir kürzlich eine andere Mutter unter Tränen gestand, sie hätte mit anhören müssen, wie ihr Sohn sich nachts im Zimmer nebenan mit seinem Freund ausgepeitscht hat? Immer noch habe sie die Lustschreie und das Knallen der Lederpeitschen im Ohr. Oder dass neulich eine Bekannte überschwänglich von ihrer lesbischen Tochter schwärmte? Überdreht meinte sie, Homosexualität sei doch längst normal, ihre Tochter kenne in München kaum noch eine Familie ohne Schwulen oder Lesbe. Weder das eine noch das andere hätte die Anruferin getröstet.

Und ich denke an das Gespräch mit dem zwanzigjährigen Henning von der Schwulenberatung. Seine frische Art verleitete mich zu der Frage: Darf ich etwas über Ihr Coming-out und das Verhältnis zu Ihrer Mutter erfahren?

Er erzählte mir von Orientierungsschwierigkeiten in der Pubertät, den unbefriedigenden Versuchen, mit Mädchen zu schlafen. Als er fünfzehn war, gab's den ersten, sieben Jahre älteren Freund. Sie trafen sich jedes Wochenende in Hamburg, und die Eltern waren so klug, keine bohrenden Fragen zu stellen. Erst durch Zufall erfuhr die Mutter, dass Henning schwul ist - eine E-Mail des Freundes war falsch adressiert - sie reagierte ganz locker, meinte aber, der Vater sollte vorerst nichts erfahren.

So geht es also auch, dachte ich, und erinnerte meine eigene Verstörtheit, den Schmerz, die Unsicherheit. Weder Hennings Schwester noch seine Freunde aus dem Dorf fanden etwas dabei, dass er schwul ist. Allerdings schien sein jüngerer Bruder Probleme damit zu haben. Bei einem Besuch in Berlin sagte er sofort: Nur in keine Schwulenkneipe!

Weiß es denn Ihr Vater inzwischen?, hatte ich Henning gefragt. Ja, sagte er und lachte unbekümmert, als ich achtzehn war, fragte mich mein Vater auf den Kopf zu, ob ich einen Freund habe. Er hat verkrampft reagiert, hat es aber akzeptiert. Und Henning ließ durchblicken, es sei eh besser, die Familie auszuklammern, wenn es um seine Homosexualität gehe, er habe keine Lust auf Provokation. Übergangslos erzählte er dann von seiner Vorliebe für schwarze Lackschuhchen als Dreijähriger. Das typische Klischee? Wir lachten beide - und ich sehe unseren vierjährigen Alex in meinem weißen Rüschen-Babydoll Theater spielen, die Schiebetür zwischen Esszimmer und Wohnraum öffnen, hüpfend und gestikulierend singen: In Paris, in Paris, da tanzen die Kälber!

Wie lebt es sich als junger Schwuler in Berlin, gibt es Anfeindungen?, hatte ich zum Schluss gefragt. Ich bin gern in dieser Stadt, sagte Henning, aber Aggressivität gibt es auch. Erst neulich hat einer in der U-Bahn ‹alte Schwuchtel› zu mir gesagt. Ich reagierte nicht, dachte nur: Scheißtyp, warum muss er seine Probleme an mir auslassen.



Obwohl ich mich dagegen wehre, springt mich ein Bild an. Es liegt einige Jahre zurück - Alex, Lukas und Freund Marc hatten uns besucht. Wir unternehmen viel gemeinsam, gehen ins Theater, wandern, aber eines Nachmittags kommen sie von einem Frankfurt-Ausflug mit zerschlagenen Gesichtern und zerrissener Kleidung zurück. Junge Marokkaner oder Türken haben uns in der U-Bahn angegriffen, einfach so, erklärt Alex. Ihr seid doch zur Polizei gegangen?, fragen wir aufgeregt. Ja sicher, aber was sollen die schon groß unternehmen, gibt Alex zurück.



4



Nieselwetter. Ich steige am Luisenplatz in den F-Bus ein zum Oberwaldhaus, nur schnell nach Hause, ich freue mich auf heißen Tee und auf das gerade erschienene Buch über Stefan George. Mir gegenüber sitzt ein elegant gekleideter älterer Herr. Na, auch einen Platz gefunden? Jovial lächelt er mich an. Ich nicke und sortiere meine Einkaufstaschen.

Links lümmeln zwei Jugendliche, räkeln sich wohlig, unterhalten sich flapsig, beide vielleicht sechzehn. Einer trägt zwei Brillis im Ohr, über das pechschwarze Haar eine weiße Nylonkappe gestülpt, sein markantes Gesicht wirkt durch das schwarze Shirt und die weiße Nylonjacke noch blasser, meine Augen wandern über makellos saubere Jeans und Turnschuhe. Er könnte schwul sein, denke ich, zumindest entspricht sein Aussehen dem Klischee. Sein Freund, schmucklos, etwas salopper gekleidet, braves frisches Jungengesicht, erinnert mich an unseren Nachbarssohn vor fünfundzwanzig Jahren.

Für solche Typen, meldet sich mein Gegenüber mit lauter Stimme, für die müsste man die Öfen in Auschwitz wieder anheizen! Sind Sie nicht meiner Meinung? Wie könnte ich! Fassungslos blicke ich ihn an. Ich sehe die Fotos der von den Nazis nach Auschwitz deportierten Kinder und Jugendlichen vor mir, erst vor wenigen Tagen besuchten wir im Hauptbahnhof den ‹Zug der Erinnerungen›. Wissen Sie denn überhaupt, was Sie da reden?, fahre ich ihn an. Ja, ja, ich weiß, er nickt heftig, und ich bleibe dabei, für so'n Pack müsste man die Öfen in Auschwitz wieder anheizen. Rundherum ein paar ältere Leute, eisiges Schweigen. Unglaublich, presse ich heraus. Er steht auf, steigt aus und ruft noch: Da gibt es eine Diskrepanz zwischen uns!

Bevor auch ich aussteige, gehe ich zum Busfahrer. Er zuckt mit den Schultern, hat nichts gehört, und auf dem Heimweg ist mein Gesicht nicht nur vom Regen nass.



 
 


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