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Peter Hamecher

Zwischen den Geschlechtern

Literaturkritik. Gedichte. Prosa

hrsg. von Erwin In het Panhuis und Wolfram Setz

Bibliothek rosa Winkel Bd. 58

Gebunden
391 Seiten,
20,00 EUR (D)
ISBN: 978-3-939542-58-2



Pressestimmen

Leseprobe

 


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Die "versteckten Töpfe der Litteraturküche"

Der Journalist, Essayist und Schriftsteller Peter Hamecher (1879-1938) hatte schon mit 20 Jahren sein öffentliches Coming out, als er in der Zeitschrift "Der Eigene" bekannte: "In den Stürmen meiner 15 Jahre war es, wo zum ersten Male das Bild der Freundesliebe mit flammenden Farben vor meine Augen trat und mir jede Fühlung mit dem Weibe als Geschlecht verloren ging." Seine frühen Schriften lesen sich aus heutiger Sicht als sehr persönliche Kommentare zur Emanzipationsbewegung der Homosexuellen. Sie handeln von der Freundesliebe in der Literatur, nehmen Stellung zu aktuellen Ereignissen und lassen in Gedichten das Lebensgefühl des Autors erkennen.

Der vorliegende Band enthält fünf Einzelveröffentlichungen aus den Jahren 1901 bis 1932 sowie Studien zu Herman Bang, Gottfried Benn, Stefan George, Heinrich von Kleist, John Henry Mackay u. a.


Pressestimmen

Für das Verständnis der Zeit und dem Umgang selbst offen homosexueller Schriftsteller mit dem Thema, ist auch die Publikation der wichtigsten Arbeiten von Peter Hamecher ein wichtiger Puzzlestein. Viel zu wenige haben wir davon, besonders in Österreich.
QWien


Leseprobe

Das konträre Geschlechtsgefühl in der Litteratur der letzten Jahre (1901)

Soweit ich zurückdenke, ist die Freundesliebe der Brennpunkt gewesen, in welchem mein ganzes Denken und Fühlen zusammenströmt. Selbst zu jener Zeit, wo das Geschlecht, dieses beutegierigste Raubtier, noch scheinbar schlummert, - wo man aber doch schon, das Beispiel Älterer nachahmend, seine erste süsse "Liebe" erlebt, bedeutete mir der Freund und Genosse etwas ganz anderes, von Natur aus ernsteres tieferes als die gesamten Schüler-Poussagen. Schon als stolzen Quartaner konnte mich ein Blick oder ein Wort von irgend einem Jungen, für den ich mich interessierte, unendlich beglücken, - während ich tieftraurig und unglücklich war, wenn ich den Gegenstand meiner Verehrung auf dem Schulhof an der Seite eines andern sah. In meinem 14. Jahre wurde die Sache meiner ruhmreichen Pennälerlaufbahn unangenehm verhängnisvoll. Seitdem hat sich diese Leidenschaft immer mehr bei mir vertieft und eine direkt herrisch bestimmende Gewalt über mein ganzes Leben und Schaffen gewonnen. Im Anfang war mir die Bedeutung meines Triebes natürlich unklar. Aber mit siebzehn Jahren, auf der Landwirtschaftsschule zu Bitburg (Eifel), knüpfte ich bereits zielklar und bewusst Liebesverhältnisse an, - nicht zur Förderung meiner hochbedeutsamen Studien.

Was nun Homosexualität ist? Ich weiss es nicht und frage auch nicht darnach. Nachgedacht habe ich wohl schon darüber und bin auch auf allerlei Lösungsmöglichkeiten verfallen, - habe sogar einzelne hin und wieder vertreten. Sei sie nun höchstentwickeltes Schönheitsempfinden, Entartung, Rassendegeneration oder das notwendige Produkt geheimnisvoller Natur-Entwicklungsgesetze: mich lässt die ganze Weisheit darüber furchtbar kalt. Ich bin mehr für's Leben. Nur das Eine weiss ich: unwiderstehlich, mit der Gewalt eines Naturzwanges, wirkt die Homosexualität in mir und hat mich den Weg gewiesen, den mein Leben gegangen ist. Meine Neigung beklage ich nicht und lasse mich selbst durch die absonderlichsten Urteile und böswilligsten Beschimpfungen nicht verwirren. Mir ist meine Liebe höchstes und erstrebenswertes Glück, und die Liebe des Normalmenschen geht mir ebenso sehr gegen das Empfinden wie dem ausgesprochenen Weibverehrer unsre Leidenschaft. Trotzdem: ich sehe, dass diese Menschen ebenso wie wir einem übermächtigen Grundtriebe ihrer Natur folgen, und deshalb bemühe ich mich, auch das mir so Unsympathische, unbeeinflusst von meiner eigenen Geschlechtsrichtung, zu begreifen und zu bewerten. Wenn man mir aber mit den bekannten wohl- oder übelgemeinten Vorstellungen betreffs meiner schimpflich verirrten Natur herankommt, denke ich an einen Ausspruch Heinses über die, der Gegenwart unverständlich-rätselhafte Gott-Verehrung, welche Hadrian seinem Antinous zu teil werden liess (nachzulesen in Heinses Werken V. Bnd. Brief an Gleim vom Peterstage 1782): "Es ist dies eine von den manchen Begebenheiten, die uns aus der alten Geschichte so hart auffallen, und die ein Philosoph, der nichts als seine Gegend durchforscht hat, kaum glauben kann."

Das wäre nun gesagt. Eigentlich eine sonderbare Einleitung zu meinem Thema. Aber es kam mir ernstlich darauf an, zunächst Klarheit zu schaffen zwischen mir und meinem Leser. - Was mein Thema betrifft: "Die Homosexualität in der Litteratur der letzten Jahre", so vermeide ich es geflissentlich, all dasjenige, was mir bei meiner Beschäftigung mit moderner Dichtung in allen möglichen Winkeln und versteckten Töpfen der Litteraturküche begegnet ist, mit peinlich bibliographischer Genauigkeit aufzuzählen. Ich habe eine Auswahl getroffen und dabei zunächst diejenigen Werke berücksichtigt, welche, direkt oder verhüllt, im homosexuellen Empfindungsleben ihre Wurzeln haben; dann solche, die wichtige lichtwerfende Stellen über das seelische oder äussere Leben der Conträr-Sexualen enthalten; endlich biographische oder ähnliche Arbeiten über bekannte und bedeutende Uranier. Zugleich versuche ich, wo es angängig ist, die Ansicht der einzelnen Autoren über die Lieblingminne herauszuschälen.

Es ist eigentlich zu verwundern, dass man vor dieser doch sehr bekannten, allerdings auch ausserordentlich verkannten und oft missdeuteten Erscheinung so lange die Augen geschlossen hat. Immer gab es Menschen, welche für ihr eigenes Geschlecht eine innigere wärmere Zuneigung empfinden als für das andere, und immer wieder wird es solche "Zwitterbildungen" geben. - - - Zwitterbildungen? Sonderbar, dass eine bedeutende Anzahl dieser "Zwitter" solch enormes, wenn auch oft recht unentwickeltes und verkümmertes Kunstgefühl besitzt. Selbst in den vielfach hervorgehobenen weiberhaften Neigungen für Putz, Dekoration, Ausstattung u. s. w. sehe ich nur missleiteten Kunsttrieb. Manche bekannte weitgerühmte Dichter, Musiker etc., besonders Vertreter der lyrischen oder Empfindungskünste, sind mehr oder weniger ausgesprochen homosexuell; mögen sie's zugeben oder nicht - der Eingeweihte und vielleicht selbst Produktive fühlt es doch deutlich heraus. Auch viele Schauspieler gehören hierhin, welche gerade durch ihre feminine Gefühlsanlage die Fähigkeit besitzen, sich so intim und tief in die Psyche ihres Helden hineinzuleben.

Sich offen als Urning zu bekennen, wagen indes die allerwenigsten.
Deshalb schätze ich den Mut derjenigen Herren, die mit ihrem Namen für unsere Sache eintreten, unendlich; und mag man ihnen auch hin und wieder vom eignen Standpunkt aus widersprechen: sich den Rüpeleien und der Dummheit der Vielzuvielen preiszugeben, ist eine That, die an Selbstüberwindung und wahrhaft "christlichem" Opferwillen nichts zu wünschen übrig lässt. Wer Anteil genommen hat an den Bestrebungen des wissenschaftlich-humanitären Comités, weiss die Schwierigkeiten zu würdigen, welche sich solchen Unternehmungen in die Bahn legen, und weiss auch ein Liedlein zu sagen von den unsäglich rüden Beschimpfungen, die man stillschweigend dankend quittieren muss, falls man die Gegner nicht noch mehr aufstacheln will.

Wenn nun ein junger zukunftreicher Dichter auf den Plan tritt und, mit stolzer freudiger Hintansetzung seiner anderweitigen litterarischen Ziele, eine Sache verficht, von der der gesetzestreue Unterthan nichts wissen will, noch wissen darf; - eine Sache, die den "Mustergültigen" im höchsten Grade widerwärtig ist?! In der Lyrik kann man eine derartige Leidenschaft wohl zu Worte kommen lassen, ohne dass es der litterarischen Zukunft des Betreffenden schadet. Auch ein homosexueller Roman, solange er in den Schranken des Sittlich-Erlaubten und "Platonischen" verbleibt, lässt sich allenfalls denken, wenn der Verfasser das "nicht eben anziehende Thema zu einem litterarisch vornehmen Kunstwerk zu gestalten" vermochte. Man hat dann wenigstens die eine Ausrede: Dichter sind immer überschwänglich, auch in der Freundschaft; das roh materielle ist dabei ausgeschlossen. Eine vielgebrauchte Ausrede! Sokrates! Michel-Angelo! Shakespeare! Ich erinnere an die Bemerkung Paterne Berrichon's über das Verhältnis Verlaines zu J.-A. Rimbaud (Vie de J.-A. R. p. 85): "Er habe pauvre Lélian absolut nicht von dem Vorwurf ›seelischer‹ Homosexualität, sondern von dem der ›thatsächlichen‹ Päderastie rein waschen wollen." Es mag ja Menschen geben, deren Empfinden so verfeinert, so sensitiv geworden ist, dass ihnen die körperliche Erfüllung irgend welcher Liebesgefühle nur Ekel und Abscheu hinterlässt. Auch erlebt man es an sich selbst schon, dass man trotz aller tiefen Zuneigung zu einem Menschen gar keine sinnlichen Regungen empfindet. Aber im allgemeinen halte ich's mit J. G. Hamann in seinen "sokratischen Denkwürdigkeiten": "Man kann keine lebhafte Freundschaft ohne Sinnlichkeit fühlen, und eine metaphysische Liebe sündigt vielleicht gröber am Nervensaft, als eine tierische an Fleisch und Blut." - - Bei August von Platen, dessen Gedichte doch eine so deutliche und unüberhörbare Sprache reden, haben die professoralen und professionalen Geschichtsbeuger auch allerhand Ehrenrettungen versucht: bald war es überschwänglicher Freundschaftsenthusiasmus, bald hellenisierendes oder orientalisierendes Kostüm, - wie etwa Göthes Schenken- Lieder. Bis endlich die Tagebücher den feigen Mummenschanz unmöglich gemacht haben.

Das schönste Beispiel für diese Verdreherei bleiben indes die tiefsinnigen Untersuchungen über die Freundesliebe in Griechenland. Allerlei philologenhaft lächerliche Auslegungsversuche sind ja garnicht zu beachten. Aber was man von der "idealen" Form der altgriechischen Knabenliebe faselt, im Gegensatz zu der heutigen Homosexualität, erregt doch mein Bedenken. Wollte man diesem Gerede Glauben schenken, so wäre der Liebhaber nichts anderes gewesen als der etwas zärtlichere Schulmeister eines geliebten Knaben. Ganz gewiss: die Griechen hatten diese Liebesneigung ausserordentlich veredelt und zu einem Kulturfaktor ausgebildet, was in unserer Kultur aus leicht begreiflichen Gründen einfach unmöglich ist. Aber so, wie unsre Herren Philologen sich die Sache vorstellen, lag sie keinesfalls. Die Griechen waren doch wohl zu schönheitsempfängliche und sinnliche Vollmenschen, als dass sie sich mit "platonischer" Gefühlsschwelgerei begnügt hätten. Ihre Welt war doch wohl anders, farbenfroher, als sie sich in den Köpfen unserer "Forscher" darstellt, und vor allen Dingen "natürlicher", "sinnlicher" als die ganze gegenwärtige Menschheit.

Platen hatte die Tagebücher, die sein ganzes Seelenleben bis in die leisesten verhallendsten Schwingungen behorchen, zur Nachlassveröffentlichung bestimmt. Er wusste, welch krasse Schmähungen ihm gelohnt haben würden, wenn er bei Lebzeiten sich als Urning bekannt hätte; es war ja schon genug darüber gemunkelt worden; - aber Platen war keine Kampfnatur. Das hat sein Turnier mit Heine bewiesen. Solchen Waffen war diese zartbesaitete Traumseele nicht gewachsen. Nicht als Kämpfer gegen schmerzlich empfundene Vorurteile der Zeitgenossen trat er auf; - ihm war es nur gegeben, in stillem Klagen seine zitternde Dichterseele zu befreien.

Anders als Platen schreitet ein junger talentvoller Dichter der Gegenwart, der Esthländer Elisàr von Kupffer (geboren am 19. Februar 1872), in die Bahn. Seine solange erwartete "Lieblingminne und Freundesliebe in der Weltlitteratur", eine kulturhistorisch-litterarische Anthologie, welche die Spuren der Lieblingminne im Schrifttum aller Völker und Zeiten aufsucht, ist ein hervorragendes und sehr brauchbares Kampfbuch. An dieses Werk dachte ich, als ich von dem Opfermut sprach, den ein offenes Bekenntnis zur Homosexualität, namentlich aus dem Munde eines jungen zukunftsträchtigen Dichters, erfordert. Bis jetzt weiss ich zwar noch nicht, was alles Herr von Kupffer vom holden Unverstand und dem untrügbaren Rechtsgefühl des Volksgeistes an "ehrlichen Entrüstungsrufen" hat hören müssen. In Litteraturkreisen fand das Buch sogar ziemlich freundliche Aufnahme. Aber es giebt Leute, die der Sammlung nichts Gutes nachsagen werden, zumal sie mit dem Namen des unglücklichen Verlegers Brand aus Neurahnsdorf verbunden an's Licht kam.

Kupffer hat seinem Buche eine klare und diplomatisch kluge Einleitung vorausgeschickt, in welcher er, ausgehend von den bedeutsamen Offenbarungen der Lieblingminne in der alten Welt, die Möglichkeit erörtert, gerade aus den glühenden mannmännlichen Liebesverhältnissen Nutzen und Förderung für Staat und Kultur zu ziehen. Jegliche Mitleiderregung und Stimmungsmacherei ist ihm unsympathisch. Es kommt nicht darauf an, dass lüsterne Faune, welche nicht genug frisches Obst bekommen können, ungestört ihrem schmierigen Treiben nachgehen dürfen. Abschaffung des Urning-Paragraphen im Str.-G.-B. ist nur ein erster Schritt zu neuen Zielen.

Ich für mein Teil begreife übrigens nicht, aus welchem Grunde man dieses Gesetz noch länger beibehält, - zumal eine auch nur halbwegs strenge Anwendung desselben einfach unmöglich ist, wenn man bis in die höchsten Kreise hinaufreichende Skandalprozesse vermeiden will. Einen griechischen Tyrannen, der gegen die Lieblingminne ankämpft, verstehe ich. Aber in heutiger Zeit sind die homosexuellen Freundschaftsbündnisse keineswegs so bedeutend organisiert und so fest, dass sie durch ihr Zusammenwirken jemals der Herrschaft auch nur des winzigsten Monarchen gefährlich werden könnten, - abgesehen davon, dass derartige Eingriffe in einem modernen Staatswesen gänzlich ausgeschlossen sind. Sich aber auf das "Rechtsbewusstsein des Volkes" zu berufen, ist eine grossartige Heuchelei der Gesetzgebenden, denen es doch wahrlich nicht darauf ankommt, dem Volke in's Gesicht zu schlagen, wenn es nicht zu allen Plänen und Forderungen Ja und Amen sagt.

Das Dasein der Homosexualität ist eine nicht abzusprechende Thatsache. Aber: "jede Erscheinung des Lebens, die unterdrückt wird, artet im Verborgenen zu einer hässlichen Schattenpflanze aus". Deshalb: Licht und Luft! Nicht unterdrücken soll man diese Leidenschaft, auch nicht bloss dulden, sondern veredeln, dem Kulturganzen nutzbar machen.

Kupffer sieht in der mann-männlichen Liebe den herrlichsten Ausdruck kraftvoller Männlichkeit, eines Mannes würdiger als das rückgratlose Girren vor Unterröcken. Etwas allzu entschieden wehrt er indes gegen das Gerede von den weiblichen und krankhaften Bestandteilen im Empfinden vieler Homosexueller und, im Anschluss hieran, auch gegen die Mediciner, welche der Sache wissenschaftlich beizukommen streben. Wer hier nun im Irrtum ist, will ich nicht entscheiden. Uns Homosexuellen ist jedenfalls die wissenschaftlich-medicinische Erforschung unsrer Veranlagung, die ganze Krankheitsgeschichte bei weitem unerträglicher als das kulturhistorisch-litterarische. Unzweifelhaft giebt es genug zielklare selbstbewusste Männer unter uns, aber es giebt auch - Tanten, und diese fallen durch ihr absonderliches Wesen am meisten in der Öffentlichkeit auf. Vielleicht sind die heutigen Kultur-Verhältnisse, die schiefe Stellung, in welche wir augenblicklich und wohl noch auf lange hineingezwängt sind, schuld an dieser Entartung; - die Leute wissen nichts mit ihren latenten Kräften anzufangen.

An einigen Stellen polemisiert Kupffer auch gegen die Behandlung der Frage von seiten des wissenschaftlich-humanitären Comités. Und doch sind beide, die wissenschaftlich- medicinische sowohl wie die kulturhistorisch-litterarische Ergründung der hellenischen Neigung, nur zwei sich gegenseitig ergänzende und sich stützende Pole. Eins schliesst das andere keineswegs aus, so lange klardenkende ruhige Männer an der Spitze stehen; vielmehr können sie einander auf's vorteilhafteste in die Hand arbeiten.

Die Anthologie berücksichtigt für mein persönliches Gefühl zu stark das kultur-historische. Aber vielleicht geschah dies aus rein taktischen Gründen, weil der Verfasser Verbreitung und hohe edle Entfaltung der Lieblingminne zu früheren Zeiten zeigen wollte. Aus der Gegenwart vermisse ich wertvolle Namen wie Wilde, Douglas, Scheerbart, Whitman, Eekhoud, Rimbaud etc. Aber dies sind Ausstellungen, die ich von meinem subjektiven Gefühl heraus mache, - also keineswegs Mängel des Buches. Man könnte dem Verfasser, was der so früh verstorbene Jacobowski in der "Gesellschaft" gelegentlich einer Besprechung der Sammlung auch gethan hat, eher den Vorwurf machen, dass er im Übereifer für die gute Sache Namen, Beiträge gebracht habe, die gewiss arg gesucht und sehr, sehr weit herbeigeholt erscheinen. Die "Lieblingminne" ist eine aussergewöhnliche That, die uns ein gutes Stück weiter unserm Ziele zubringen kann. Von den Beiträgen erwähne ich nur, ausser den interessanten Gedichten des grossen Friedrich an seinen Cäsareon, und dem bis dahin ungedruckten psychologisch wertvollen "Mille e tre" Verlaines, den prächtigen tiefempfundenen "Antinous" und den biblischen "Lieblingsjünger" (Der Jünger den Christus lieb hatte). - Beides vom Herausgeber. Eine ähnliche Auffassung des Verhältnisses Jesu zu Johannes findet sich auch im IV. Kapitel von Pierre Loti's Reisebuch "Galiläa": "Übrigens bleibt für uns das Geheimnis der irdischen Gefühle Jesu wie unter tiefer Asche begraben. . . . . Aber die Freundschaft, wie sie die einfachsten Menschen verstehen, scheint er gekannt zu haben, denn oftmals lesen wir im Evangelium die herzlichen Worte: ›Der Jünger, den Jesus lieb hatte‹ . . . . Und Karl Jentsch in seinem vorzüglichen Werkchen "Sexualethik etc." sagt: "Das neue Testament legalisiert (in einem als kanonisch anerkannten Buche desselben) die sokratische Liebe ausdrücklich! Die Verse Johannes 13, 23; 21, 7 und 20 zeigen unwidersprechlich, dass das Verhältnis Jesu zu ›dem Jünger, den er lieb hatte‹ platonisch gedacht ist". - - - - Von derselben Idee scheint auch Albrecht Dürer in seiner Abendmahldarstellung vom Jahre 1510 geleitet worden zu sein. Auf diesem Blatt, welches ich auf einem Prospekt von Fischer & Frankes Kupferstichkabinett zuerst sah, sitzt Johannes in Christi Schooss, während der Herr wehmütig-zärtlich auf seinen Liebling niederblickt.

Bei Brand, dem ursprünglichen Verleger des v. Kupfferschen Buches, erschien auch eine zeitlang eine Zeitschrift, welche homosexuelle Tendenzen vertrat. Ich war zur Zeit froh, dass Brand meine ersten Sachen druckte, als noch kein anderer dies unheimliche Wagnis unternehmen wollte. Trotzdem: der "Eigene" war ein überflüssiges Luxusblatt, nur geeignet, namentlich durch das "eigen"tümliche Hereinziehen des fruchtlosen Kampfes in Sachen Sternberg gegen die Regierung, unsern Bestrebungen an massgebender Stelle zu schaden. Der gute Adolf hatte hohe ideale Ziele. Aber was sind Ideale ohne irgend welche praktische Erfüllungsdenkbarkeit? Dunst! Ultravioletter umnebelnder Dunst! Oder auch etwa der trügerische Sonnenschein, der vergoldend auf unserm Lebensfrühling ruht. Brand ist ein herzensguter Mensch, aber ein wirrer Kopf; ein Jüngling, der sich an grossen Worten von edlem Menschentum etc. berauscht. Ein Strohwisch, der allzu schnell Feuer fängt. Mit einem unheimlichen Gluteifer beisst er sich in Ideen derart fest, dass er hernach direkt von denselben geritten wird, - dem Abgrund zu. Leider! - So ging es auch mit der unsympathischen Sternberg-Geschichte. Sternberg war schon ein Phantast, als er in den sittlichen Lebenswandel eines Staatsministers korrigierend eingreifen wollte. Ein bethörter Phantast war auch Brand, der für diesen, allerdings vom Schicksal arg getretenen Menschen seine Haut zu Markte trug und gegen Dr. Lieber, den einflussreichsten Mann des Deutschen Reichtags, "symbolisch" die Hundepeitsche erhob. Ein Eigener und Einziger wollte er darstehen, ein Fels, an dem sich die Flut der Ungerechtigkeit bricht. Ihm fiel es nicht ein, dass er selbst zerbrochen werden könne. Ein Mann und Held wollte er männlich kämpfen und leiden; - und war doch nur ein unklarer schwärmerischer Jüngling. Heute jammert und wehklagt er und verspricht, wie das gebrannte Kind, nie mehr an den Herd zu gehen und ja recht brav zu sein, damit der heilige Mann "Staat" die Rute ruhen lässt. Der Glanzpunkt aber der ganzen Tragikomödie: reumütig, oder vielleicht auch aus berechnenden Motiven, kroch er wieder zurück in den Mutterschooss der Landeskirche, nachdem er vor Jahr und Tag aus demselben in den gütigen Vaterschooss des milden Hohepriesters der Frei- Religiösen, Bruno Wille, geklettert war.
So etwas spricht für sich selbst. Aber es musste hier ausdrücklich gesagt werden, weil wir durch die unerquickliche Verquickung der Sternberg-Affaire mit unserer Angelegenheit von verschiedenen Seiten als "Mitschuldige" Brands betrachtet worden sind.

Der "Eigene" enthielt verschiedenes Wertvolle zu unserer Sache. Aber den Eindruck, den ich von seinen Bestrebungen habe, ist Der: er wollte der sogenannten Philistermoral hin und wieder einmal gehörig in's Gesicht schlagen; anders kann ich die Wahl einzelner Stücke nicht rechtfertigen. Jeder Künstler mag ja dasjenige, was ihn überwältigt und was ihm auf den Fingern brennt, gestalten. Auf das "Was" kommt es bei der kritischen Betrachtung nur wenig an, sondern auf das "Wie" der künstlerischen und eigenpersönlichen Durchdringung. Aber Sachen wie "Immer lustig", "Lieder von der goldenen Kätie" etc. sind in einer rein urnischen Zeitschrift nicht am Platze, während sie in einer andern Veröffentlichung bedeutend weniger heraustreten würden. Wären wir "anerkannt", so möchte ich der Ersten einer sein, der sich freute, wenn man der gutbürgerlichen Wohlanständigkeit auf die geheimsten Hühneraugen träte. Aber wir sind noch sehr weit vom Ziele, und solche Excentricitäten Einzelner fallen auf uns alle unangenehm zurück.

Von den Prosa-Beiträgen des "Eigenen" nenne ich, ausser der schon besprochenen Vorrede zur "Lieblingminne", H. H. Ewers' vorzügliche Darstellung einer homosexuellen Liebesleidenschaft: "Armer Junge". Der Held dieser Erzählung gehört zu jenem Typus, der sich ganz als Weib empfindet und wie ein Weib kräftige bärtige Männer liebt, - eine Erscheinung, die ich zu meinem Erstaunen unter den jüngeren Homosexuellen Berlins (und auch Kölns) sehr verbreitet fand. Sie lieben "Schnurrbart" oder "alt".
"Mein Antinous" von Paul R. Lehnhard ist durch eine sich daran anknüpfende Prozessgeschichte bekannt geworden, die Verfasser und Verleger wegen "Aufreizung zur Sinnlichkeit" eine Geldstrafe eintrug. Ein protestantisches Kirchenlicht war, wie ich höre, von der Erzählung sowie auch von der Ewers'schen "goldenen Kätie" sinnlich erregt worden. Ob es die dadurch aufgestachelten fleischlichen Gelüste befriedigt hat, wurde mir nicht bekannt. Jedenfalls hat es aber, vom Katzenjammer erfasst, in echt christlicher Weise dafür gesorgt, dass die leicht erregbaren Geschlechtsnerven seiner Mitbrüder demnächst vor dieser unangenehmen Beeinflussung sicher sind.

An homosexueller Lyrik enthielt der "Eigene" einige leidenschaftlich bewegte und teilweise wirklich vollendete Gedichte Brands ("nach dem Gewitter", "Waldfrei"), etwas Mystisches von Karl v. Levetzow, und vor allem den herrlichen lebensechten "Eros im Bordell" von Jos. Kitir, mit der wundervollen Schluss-Strophe.
"Doch sieh, der Tag bricht an, und ins Gedränge
gehn wir hinaus, traumselig wie geweiht,
und schreiten hin durch der Barbaren Menge
gleich einem Paar aus Hellas schönster Zeit."

Auch in Josef Kitirs übrigen Dichtungen, namentlich in den hochbedeutenden und von allen Seiten der Kritik lobend beachteten "Lyrischen Radierungen" tritt das hellenische Empfinden des Dichters klar zu Tage. Kitir ist vom künstlerischen Standpunkte aus ein vorzüglicher Bildner und ein nicht zu übersehender Neuerer der lyrischen Gestaltung.

Jeder Mensch erlebt es oft genug, wie ein leiser Duft, ein flüchtiges Wort, eine verwelkte getrocknete Blume, ein Gegenstand, der von süssen glückstrunknen Liebesstunden her zurückblieb; wie irgend eine Situation plötzlich und unvermittelt Bilder und Erinnerungen aus der Vergangenheit aufkeimen lässt und uns mit weicher träumerischer Hand aus dem Leben hinwegführt in das Land, drin unsre vergangenen Tage schlummern. Aus solchen Stimmungen gebiert sich manches Gedicht. Die meisten Lyriker geben nun einzig die reine Empfindung, losgelöst von dem äusseren Umstand, der sie geweckt hat. Anders verfährt Kitir. Morgens beim Waschen bringt ihm der Duft der Rosenseife irgend eine Erinnerung; - sein Gedicht knüpft nun an diese sehr profane Sache an. Eine Mütze, die zurückblieb als Reliquie schöner Zeit verliebten Zusammenlebens. Die Staubspur, die noch einmal von dem Glück des verflossenen Abends spricht. Die Taschenuhr, ein teures Andenken an den toten Freund. - Diese Alltagsdinge geben dem Dichter Anlass zu feingewobenen Stimmungsbildern. Dann sind aber auch Sachen da, welche gross und bedeutend erscheinen, wie etwa "Sturmliebe".
"Nicht im Maienhauch der Rosen,
nicht in lauer Lüfte Kosen,
nicht im Tempel der Natur, -
nein, am öden Schenkentische,
sitzend in der Fensternische,
tauschten wir den Liebesschwur."
Rein künstlerisch stört zwar die gehäufte Negation des Anfangs, aber es bleibt trotzdem eine ganz mächtig wirkende lebensechte Schilderung des Glückes, wie WIR es nur heimlich und verstohlen brechen dürfen und wie es uns dort unser herrliches, einzig erstrebtes Gut ist.

In seinen Anschauungen über griechische Liebe reicht Kitir Elisarion von Kupffer die Hand. Beiden ist sie die Offenbarung höchster Kraft und Schönheit. Kitir geht sogar noch weiter. Ihm sind die Neuen Hellenen die "Boten einer neuen Zeit, die lenzgewaltig naht voll Kraft und Jugend". Aber er leugnet nicht, wie Kupffer, das weiblich-weiche träumerische Empfinden in der Seele des Uraniers:
"Schön gepaart dem männlich harten,
seh ich einen milden zarten,
weiblich sanft gestimmten Sinn;
Doppelseelen, reiche volle,
zwischen der Geschlechter Pole
wandeln schwankend sie dahin."

Josef Kitir gehört zur Litteraturgruppe "Jung-Wien". Die homosexuelle Gefühls-Nuance, nicht im Sinne von ausgesprochener Männerliebe, sondern das passive weiche träumerische, die verschwimmenden Düfte und Farben, all das leise müde Dahingleitende, findet sich bei einem überwiegenden Teil der Jung-Wiener Poeten und auch bei verschiedenen andern Lyrikern jüngerer Dichtung. Etwas weibliches Gekünsteltes schwebt über ihren Versen, - wie der milde Glanz sterbender Herbsttage. Oder auch an bleiche wächserne Frauenhände kann man denken, die leise über wollüstige Seiden streichen, oder langsam und kosend kühle Perlen durch die Finger gleiten lassen. Es mag dies Décadence sein. Die Homosexualität, wie sie uns heute entgegentritt, ist doch vielfach auch echte Décadence-Erscheinung. Mattigkeit des Blutes! Wie ein Hauch sind diese Dichtungen; die seltsamsten Stimmungen in der zartesten wunderbarsten Form; Verse von unerhörter Eleganz und Ciselierung. Ich erinnere an Réné M. Rilke, den grössten Stimmungszauberer Deutscher Sprache; an Stefan George, den feinen formvollendeten Goldschmied; an die von den "Blättern für die Kunst"; an Hofmannsthal etc. Bei Maximilian Dauthendey springt das weiblich-passive ganz sinnfällig in's Auge:
"Überschüttet von deiner Glut
brechen Blüten aus meinem Blut,
wird mein Körper ein schauernder Garten.
Warme Blumen stehen und staunen,
tausend raunende Knospen,
alle sehen nach Dir,
alle glühen und warten."

Solch ein blasser frauenhafter Stimmungsmensch ist auch der junge Musiker, der Sohn der Titelträgerin, in Georg Hirschfelds "Agnes Jordan", und auch über Hirschfelds andern Dichtungen liegt dieser weiche, etwas sentimentale Hauch. Zu derselben Gruppe gehört ferner Thassilo v. Scheffer mit seinem Gedichtbuch "aus bewegten Stunden", und in Hans Bethges "stillen Inseln" findet sich ein Gedicht ausgesprochen homosexueller Tendenz, trotzdem der Dichter sonst ganz anders veranlagt zu sein scheint. Es ist das reizvolle Gedicht "Der Knabe":
"Es schritt durch meine Träume
ein schöner blasser Knabe
mit wundertiefem Blick.
Ich fühlte seine Blicke
tief in die Seele dringen,
und kam ein grosses Sehnen
gar quälend über mich."

Ein homosexueller Grundzug durchzieht, wie ein unterirdischer Strom, auch die Seele von Max Kaufmann's "Hanns Werther" (in der Romandichtung: "Leiden des modernen Werther". Verlag von Cäsar Schmidt in Zürich). Zwar wird an keiner Stelle des Werkes das Problem direkt "angeschnitten"; aber unter der Oberfläche fühlt man's pulsen: Hier ist Fleisch von unserm Fleisch! und, wie eine Andeutung, heisst es p. 117: "Er lechzte nach Freiheit, nach neuem Leben, nach neuen, noch in verschwommenen Nebelgebilden schwebenden Kunst- und - Liebesidealen".

In Kaufmann's Dichtung handelt es sich um einen haltlosen jungen Mann, der zwischen zwei Weibern, der üppigen stark begehrenden Sanitätsrätin und der ehemaligen Soubrette, hin und her pendelt, ohne sich mit entschiedenem Wollen von Einer frei machen zu können, und zum Schluss dann aus Ekel und allen möglichen Motiven in höchst moderner Weise, durch elektrischen Strom, seinen dünnen Lebensfaden zerreisst.

Das ist das Äusserliche, Greifbare, Vorüberhuschende. Aber was mir hier die Hauptsache ist, das tiefer Ruhende, Psychologische: der "Held" ist eine sehr passive, weiblich gestimmte Natur, eine von den Erscheinungen, die man heute allenthalben findet. Sie leiden. Aber an was? Vielleicht an sich selber? Vielleicht ist es Nervenerschlaffung, die Reaktion auf die äusserste Nervenanspannung, die unser hastiges Zeitalter fordert. "Maladie fin-de-siècle!" Dann ist es auch jene Reflexions-Sucht, der "Andere" in uns, welcher alle Empfindungen zerfasert und jedes impulsive Handeln aufhebt. Ewiger Stimmungswechsel: Himmelhoch jauchzend, - zu Tode betrübt! Sehr weiblich, oder "homosexuell"! erscheint mir Werther's Vorliebe für den Besuch von Conditoreien, besonders von elegantern Damen-Cafés. Und ein homosexueller Unterton klingt auch in dem Verhältnis Werthers zu seinem Schüler mit. Nicht weniger "absonderlich" schauen beim schärfern Zusehen Werthers Beziehungen zum "holden Geschlecht" aus. Einmal sagt jemand: "Du bist ebent keen Kenner von sowat!" Was ihn mit der Sängerin verbindet, ist nur "Freundschaft", frei von jeder betäubenden "Sinnlichkeit" - während er sich der Sanitätsrätin geradezu hingiebt. Er lässt sich von ihrer Glut überschütten und ersticken; - sie saugt ihm mit ihrem leidenschaftlichen Temperament jeden Rest von Männlichkeit und Stärke aus den Adern. Bezeichnend für das Verhältnis zu Alma: sie nennt ihn ihr Baby.

Im allgemeinen ist Werther ein moderner Durchschnittsmensch mit moderner Durchschnittsbildung, ohne grosse Tiefe, haltlos, angekränkelt, neurasthenisch. "Weh Dir, dass Du ein Enkel bist", ist das Motto des Romans. Es liegt eine Wahrheit in diesen Worten, eine psychologische und eine physiologische, - nicht bloss für Werther, - auch für manch Einen von uns. Werther möchte mit festen Füssen in der Gegenwart stehen, aber sein Wesen ist mit altem Gerümpel erfüllt, von dem er sich nicht mit männlich-stolzer Kraft losmachen kann. In Wirklichkeit würde auch wohl der Schluss anders lauten. Dieses Völkchen tötet sich nicht. Wie sehr es auch das Leben hasst, es hängt doch mit seiner ganzen erbärmlichen Existenz kindisch krampfhaft an demselben fest.
"Zum Leben zu müde, zum Sterben zu feig:
das giebt für dies Völklein den richtigen Teig."
Ich weiss, dass nach den heterosexuellen Enttäuschungen bei Werther das Homosexuelle zum Durchbruch kam. Aber: "wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen", hat auch wohl der Verfasser gedacht, als er den gewaltsamen "Werther"-Abschluss machte.

In dem Augenblick, bevor er zur That schreitet, streift Werthers Blick noch einmal "die lieblich ernst mahnenden Züge des griechischen Liebesgottes" und, wie symbolisch, lässt ihm der Verfasser zu den Füssen Apollos sein Leben veratmen.

Werther erscheint mir als Einer von Denen, in welchen der Keim der Homosexualität lange ruht, - bis eines Tages lösende Gewitterschauer ihn zum Licht befreit.
Die oben unter "Jung-Wien" gekennzeichnete Poesie ist der Widerspruch der von E. v. Kupffer verherrlichten kraftvollen Männlichkeit; der Gegensatz der griechischen Knabenliebe, und der Liebe eines Michel-Angelo, Shakespeare, Friedrich II. Das richtige Gegenteil dieser Männer ist auch der verbummelte Fontana, den der junge Wiener Hagenauer in seinen Roman "Muspilli" einführt. Aber diese Gegensätze wollen wenig für die Homosexualität im allgemeinen sagen. Ein Felix Dörmann ist auch das Widerspiel der gesunden Liebeskraft eines Göthe. Homosexualität, sowie Heterosexualität, sind verallgemeinernde Collektiv-Begriffe, deren jeder eine Reihe von Typen nach oberflächlichen, in die Augen springenden Merkmalen zusammenfasst. Dass sich gerade heute die Entartungserscheinungen unter den Unsern häufen, liegt einerseits an dem nervösen Charakter unserer suchenden, hastenden und tastenden Zwischenzeit, und zum andern, wohl nicht geringsten Teil, wie schon einmal gesagt, an unserer höchst verächtlichen Stellung in der heutigen Kulturwelt.

Mit dem Fontana des Hagenauer bin ich bei einem Typus angelangt, wie man ihn in grossen Städten öfter antrifft. Etwas unliebenswürdigeres als diese Faune giebt es kaum, und der Dichter hat ihn vorzüglich gezeichnet; mit dem dicken aufgedunsenen Balg, den stieren lüsternen Augen, dem lusttriefenden Mund und den schlaffen Muskeln; - ein hohler Schwätzer und Phraseur, boshaft, heimtückisch, verlogen und klatschsüchtig. Ein Kriecher vor den Augen eines Menschen, und ein schlechter hinterlistiger Lump hinter seinem Rücken.

In der subjektiven Form, welche auch Przybyszewski in seiner "Totenmesse" u. s. f. anwendet, - ein Vergleich, der bei dem stark pathologischen Gehalt der beiden Arbeiten nahe liegt, - schildert der Roman das Entstehen und Zerfallen einer innigen, jedoch nicht direkt homosexuellen, Freundschaft. Aber der durch Intriguen des Fontana und andere Veranlassungen herbeigeführte Bruch wirkt auf den ohnehin schon sehr krankhaften und zerrütteten "Helden", über dessen jungem Leben der Schatten progressiver Paralyse schreckhaft niederdroht, dermassen, dass er mit unwiderstehlicher treibender Macht zum Lustmorde an seinem Freunde gejagt wird.

Die Schilderung der sich allmählich immer steigernden Mordgier hinterlässt einen unerträglich peinigenden Eindruck, und es fehlt ihr gänzlich die unheimliche gigantische Schönheit der Darstellungen solch geheimnisvoller Seelenvorgänge bei Dostojewskij, - wie überhaupt unserer modernen Litteratur, etwa Dehmel und Schlaf ausgenommen, die Grösse und suggestive Macht der grossen Ausländer (Ibsen, Björnson, Strindberg, Tolstoj) abgeht.

Seite 36 des Hagenauerschen Romans findet sich eine Bemerkung über Fontanas sexuelle Neigung, die wohl mehr für Fontana und seinesgleichen gilt, als für die Conträren in ihrer ganzen Allgemeinheit. Ich mag diese Äusserung nicht als des Dichters festes abschliessendes Urteil über Homosexualität ansehen, weil auch das Verhältnis der beiden Freunde zwischen den Zeilen genug Momente gleichgeschlechtlicher Liebe durchblicken lässt. Die herbeigezogene Stelle lautet (im Auszug): "Franz war während seiner Gymnasialzeit einer gewissen gymnasialen Jugendkrankheit bis zu einem gewissen Grade ergeben gewesen, der nur mehr pathologisch bestimmt werden kann. Als er in vernünftigere Bahnen einlenken wollte, war er zu depraviert, um an dem an sich unbedeutenden Geschlechtsgenusse die Befriedigung zu finden, welche eine leidenschaftliche Jugend verlangt. Seine Nerven kannten das Weib nicht mehr."

Ein anderes Bild, allerdings flüchtig vorübereilend, findet sich in Joh. Schlaf's "3. Reich". Es heisst dort p. 73 gelegentlich einer Schilderung des nächtlichen London: "Da waren alte Herren, die mit jungen Soldaten, die für ein Pfund Sterling schon ein Übriges zu thun bereit waren, schönen, strammen, rotbäckigen Jungens, Verhältnisse anknüpfen, und weiss der Teufel, was noch alles für Raritäten."
Ich zitiere diese Stelle, weil sie solch ein niedliches Grossstadt-Bildchen ist; denn nicht nur in London verkaufen Soldaten ihren Leib dem ersten besten. Ich weiss eine Stelle in Berlin, die man in verschiedenen Kreisen den "Soldatenstrich" heisst, und in einer in jener Gegend gelegenen Kneipe sah ich oft schneidige Marsjünger, Dragoner und Kürassiere, die sich von ihren Anbetern abfüttern liessen.

Die Uniform hat ja wohl immer auf viele Homosexuelle berückend gewirkt, und Pierre Lotis "Bruder Yves" könnte man geradezu als den klassischen Roman der Soldatenliebe, allerdings von einer edleren Art, bezeichnen. Das Verbreitete dieser Neigung veranlasst es auch, dass ein gutes Teil der männlichen Prostituierten aus dem Soldatenstande hervorgeht. In Berlin scheint dies immer an der Tagesordnung gewesen zu sein. Ich verweise auf die Mitteilungen aus dem Prozess gegen Frhrn. von Malzan und Genossen (1849/50) in C. H. Ulrichs' "kritischen Pfeilen" p. 63 f.: "Die beschuldigten Urninge hatten meist mit Soldaten der Berliner Garderegimenter in Beziehung gestanden. Verwickelt wurden in den Prozess daher eine Menge Soldaten." Auch in den Verhandlungen gegen den Superintendenten der Unitarier, Karl Forstner, zu Wien (1869), von dem Ulrichs in "Argonauticus" erzählt, spielt das Militär eine sehr traurige Rolle, - die des Erpressers! Ich will hiermit keineswegs das Militär beschuldigen. Es kommen allerlei Momente zusammen. Ein Soldat hat fast immer Geld nötig, und was liegt näher, als dass seine Jugend den Liebesanträgen und Bezahlungen soldatentoller Uranier allzu willig ist! Ich kann darin garnicht solch grosses Vergehen entdecken. Aber es ist auch lächerlich, wenn man den Liebhaber als den schamlosen Verführer darstellt. Entweder sind solche Redensarten unerhörte Heuchelei, oder die Leute, welche solche Worte machen, müssen mindestens der Ansicht sein: eine Kaserne wäre so ungefähr ein "unschuldiges" und höchstmoralisches Mädchen-Pensionat.

 
 


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