Blog
«Schwule Literatur«


Suchen
Ebooks
Frühjahr 2012

Herbst 2011

AutorInnen A - Z

Belletristik

Sachbuch / Wissenschaft

Comic / Ralf König / Kunst

Erotik

SM / Pauls Bücher

Taschenbuch
Bibl. rosa Winkel

Ed.Waldschlösschen

Invertito

Queer Lectures
Verlag rosa Winkel
Download-Center






Der Männerschwarm Verlag
ist Mitglied im
Freundeskreis der
Kurt-Wolff-Stiftung


Männerschwarm Verlag

Home   Lesungen   Presse   Bestellungen   Verlagsportrait   Kontakt & Impressum   Buchladen 

Homunkulus

Zwischen den Geschlechtern

Roman einer geächteten Leidenschaft

Bibliothek rosa Winkel Band 60

Herausgegeben von
Albert Knoll und Wolfram Setz

Hardcover

240 Seiten,
18,00 EUR (D)

ISBN: 978-3-86300-060-8



Leseprobe

 


portofrei bestellen bei www.gaybooks.de

München 1919

Josef Seitz, Verkörperung »kraftvoller Männerschönheit« und einst Modell berühmter Künstler, wird als »Modellpepi« zum Stricher und Erpresser am Bankier Fritz von Meisental. Der Journalist Manfred Felden sorgt für den großen Skandal . . . Geschickt komponiert, entwickelt sich eine Tragödie im großbürgerlichen Milieu, ermöglicht durch den § 175 des Strafgesetzbuches.

Der 1919 erschienene Roman spielt in München, ist aber deutlich dem Berlin-Roman »Liebchen« von 1908 nachgestaltet. Der Roman stammt nicht – wie allgemein angenommen – aus der Feder des österreichischen Dramatikers und Kabarettisten Robert Weil, dem bekanntesten »Homunkulus« der Zeit. Das Pseudonym bleibt ungelüftet. Eine fremde Feder ist auch der Titel, geborgt von Peter Hamecher (1901).

Der Anhang versammelt Texte unterschiedlicher Art (Pamphlete, Appelle, Analysen) zum Thema Strichjungen und Erpressung und als positives Gegenstück die »Bekennntisse der Pompadour«, eines sehr selbstbewußten Urnings aus der Zeit Ludwigs II.


Leseprobe

»Aus dem Scherz wird Ernst und aus der Posse eine Tragikomödie. Wissen Sie schon das Allerneueste?« Mit diesen Worten als Gruß trat Conte Marilaun in den Salon des Clubs, der in seiner eleganten Ausführung mit der orangefarbenen, von schmalen, hellvioletten Streifen durchzogenen, seidenen Wandbespannung, mit den dicken, mattfarbenen Teppichen, die jeden lauten Schritt einsaugten, mit den Wiener Möbeln aus gebogenem Holz und mit duftiggrünen Seidenripsbezügen eher als Boudoir einer Dame paßte als für einen Herrenclub. Die in den niederen Stühlen saßen und kauerten, rauchten auch keine Zigarren und Importen, nur der süßliche, fade Duft parfümierter Zigaretten in bläulichen, dünnen Rauchringen füllte den Raum.

Conte Marilaun war eine zierliche, schmalschultrige Gestalt mit wiegendem, schwebendem Gang; sein Gesicht war glattrasiert und an den Wangen etwas aufgeschminkt, ohne aber das Alter der nahenden Fünfzig vollständig verheimlichen zu können, wenn auch das Haar gefärbt und mit einer Brennschere gewellt war; der auf Seide gearbeitete Anzug saß so eng, daß der schmale Körper die Formen einer Taille und leicht ausladende Hüften erkennen ließ. Daß der Conte Marilaun ein Korsett trug, wußten alle. Eine bauschige, meergrüne Kravatte mit einem blutroten Achat leuchtete aus einer silbergrauen Weste, und eine doppeltgefüllte Nelke mit mattblauem Ton steckte im Knopfloch. Eine knochige Erscheinung mit völlig kahlem Schädel und ganz schmalen, dünnen Lippen richtete sich aus der kauernden Lage auf und fragte mit einer dünnen, fistelnden Knabenstimme, die wie aus einer zweiten Gestalt zu kommen schien:
 


Historisches Buchcover

»Sie wissen stets das Neueste, Conte! Ist es eine Sensation, oder ein drohender Skandal? Regt sich die ›Sternschnuppe‹ wieder mit neuen Enthüllungen?«

Ein anderer mit rundem Gesichte, in dem zwei hellblaue Augen wimpernlos unter dünnen, blonden Brauen unruhig zwinkerten, mit üppigem Körper, schnippte mit den kurzen, fleischigen Fingern den Rest einer Zigarette fort und bemerkte mit müder, schleppender Stimme: »Hoffentlich fällt die ›Sternschnuppe‹ einmal nicht in unseren Club herein.«

»Pah! Dieser Redakteur Felden ist ein Reptil, das sich in die Linke Geld drücken läßt, worauf die Rechte lahm zum Schreiben wird.«

Alle, die hier sprachen und ihre Bemerkungen zu der Ankündigung des Conte Marilaun machten, hatten in ihrer Art, im Sprechen, im Benehmen etwas Gemeinsames, das sie sofort als gleichgeartet kennzeichnete; keine der Erscheinungen hatte etwas derbes, männliches, sondern alle besaßen eine weibische Art in ihren Bewegungen, etwas Erzwungenes in der Stimme, alle gebrauchten ein auffälliges Parfüm und liebten grelle, leuchtende Farben. Auch die Bilder und Kunstwerke, die im Salon an den Wänden hingen oder in einer Vitrine standen, ließen keinen Zweifel zu, welcher Art dieser Club war, in dem sich diese »Freunde« zusammenfanden. Griechische Landschaften mit Jünglingsfiguren beim Spiel, im Wettlauf, im Bade; Bronzen, der Antike nachgeahmt, aber stets die Schönheit des Männerkörpers predigend. Kein weibliches Bild, keine weibliche Figur.

Conte Marilaun hatte sich bereits gesetzt und rollte sich zwischen den feingliedrigen Fingern, die sorgfältige Pflege verrieten, eine Zigarette, als eine weitere Stimme erklärte:

»Wenn jeder etwas zu sagen hat, werden wir das Allerneueste nie erfahren, das der Conte kaum noch für sich behalten kann. Was ist es nun?«

»Himmel, wie bin ich ungeduldig. Hat Stradamini ein neues Verhältnis?«

»Das wäre nicht das Allerneueste,« war nun die Antwort des Conte Marilaun. »Fritzi hat endgültig den Tag seiner Hochzeit bekannt gegeben.«

Sofort entstand ein Stimmengewirr, das die Überraschung verriet, mit der diese Nachricht aufgenommen wurde. Gleichzeitig redeten alle, und aus den Zurufen, die dem Conte galten, waren verschiedene deutlich herauszuhören.

»Himmel, wie geschmacklos! Warum macht er das?«

»Er will gewiß nur bluffen.«

»Was wird Modellpepi dazu sagen?«

»Es ist nicht alles wahr, was erzählt wird.«

Wie beschwörend hob der Conte Marilaun beide Hände hoch, als wollte er den Sturm der Zurufe beschwichtigen und erklärte dann, als es ruhiger wurde:

»Ich weiß es gewiß! Die Trauung soll sogar sehr feierlich stattfinden, und in seiner Villa werden bereits die Räume für die junge Frau eingerichtet.«

Ein kahler Schädel mit tränenden Augen meckerte mit einer Fistelstimme:

»Auch ein gemeinsames Schlafzimmer?«

Und die helle Knabenstimme, die sich schon wiederholt bemerkbar gemacht hatte, antwortete darauf:

»So etwas wird er doch nicht riskieren. Lassen Sie so indiskrete Witze, Seckenbach.«

»Ich begreife nur nicht, warum er das tut? Ist denn das notwendig? Er hat doch seinen treuen Bodelschwingh, und was ihm der nicht geben kann, das hat er bei dem Modellpepi gefunden. Das wissen wir doch alle!«

 
 


© Männerschwarm - 1999 - 2012 -Lange Reihe 102 - 20099 Hamburg
Kontakt/Webmaster: Detlef Grumbach