Ein Popstar im 18. Jahrhundert

Der deutsche Grieche

Johann Joachim Winckelmann (1717-1768) war der vermutlich berühmteste Deutsche seiner Zeit. Vor allem sein Leben, sein mühsamer Weg vom Schusterjungen zum Präsidenten der Altertümer Roms, und seine Begeisterung für die Schönheit griechischer Kunst faszinierte nicht nur adelige Sammler, sondern auch die gerade entstehende bürgerliche Öffentlichkeit. Als «deutscher Grieche» wurde sein Hang zur «griechischen Liebe» und einem

rein männlichen Schönheitsideal allenthalben bereitwillig akzeptiert; seine Schriften gelten als Fundament des Klassizismus. Aus Anlass seines 300. Geburtstags präsentieren wir eine literarische Blütenlese mit Texten von Goethe, Casanova, Herder, Hauptmann, Pater und anderen, nicht zuletzt auch einer Auswahl aus den Schriften und (Liebes-)Briefen Winckelmanns.

Kartoniert, 208 Seiten
20,00 € (D)
ISBN 978-3-86300-220-6

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Inhalt

Johann Joachim Winckelmann – Ein Popstar im 18. Jahrhundert
Joachim Bartholomae

«Ich kann etwas keck tun …»
In seinen Briefen an Berendis beschreibt Winckelmann seine Ankunft in Rom

«Die Stille ist derjenige Zustand, welcher der Schönheit der eigentlichste ist»
Winckelmann über den Schönheitsbegriff der Griechen

«Hier ist nichts Sterbliches»
Winckelmanns Beschreibung des Apollo im Belvedere

«Non arrivo»
Eine fragwürdige Anekdote Giacomo Casanovas

«Mit brennendem Durst und mattem Fuße»
Herders «Denkmal für Winkelmann»

«Im Vordergrund Goethe»
Walter Pater schlägt die Brücke von Winckelmann zur
modernen Kunst

«Jeder hatte stets Winkelmann vor Augen»
Goethe erinnert sich in «Dichtung und Wahrheit» an die  
Winckelmann-Begeisterung unter Leipziger Studenten

«Lebendiges für Lebendige, ein Leben selbst»
Goethes Skizzen zu einer Schilderung Winckelmanns
«Also fort! Hinein ins Heidenthum!»
Alexander von Ungern-Sternbergs frivole Fantasie über die
Geburt einer Idee

«Prickelnde, funkelnde, belebende Vergangenheit»
Gerhart Hauptmann über das letzte Jahr im Leben Winckelmanns

«Mein süßer Herr!»
«Die Gemme» – Viktor Meyer-Eckhardts Märchen vom
Liebestod in Triest

Nachweise & Literatur

 

 

Leseprobe

Aus:

Gerhart Hauptmann: Winckelmann: Fragment, Zweite Fassung Oktober 1939

Der Bildhauer entfernte die Hülle aus rotem Samt von der Marmorgestalt eines jungen Fauns, der auf der Stirn kleine Hörner trug, dem aber leider die Nase fehlte. Auch seine Oberlippe war defekt.

Selber einer Statue ähnlich, stand Winckelmann einen Augenblick. Er fuhr mit der Hand über sein Gesicht, es war, wie wenn ihn ein Schwindel ergriff. Oder wollte er eine Erscheinung, an die er nicht glaubte, wegwischen? Oder auch einen Nebel, um klarer zu sehen? Er tat dann einen entschiedenen Schritt, der ihn dem Bildwerk näher brachte. Es war dann, wie wenn er einen Anfall von Weinen verschlucken müßte, worauf ein Versuch zu sprechen sich als nutzlos erwies. Endlich stieß er hervor: «Cavaceppi, du bist ein Zauberer.»

Nachdem sich Winckelmann eine längere Zeit schweigend - ein Schweigen, dem alle Rechnung trugen - im Anblick der Antike verzückt hatte, fand er allmählich die Sprache wieder und konnte sich über den Eindruck, den er empfangen hatte, ausbreiten.

«Ich glaubte nie mehr, nachdem ich alles kenne, was Rom aus seinen unerschöpflichen Tiefen an Antiken zutage gefördert hat und noch fördert, einen schöneren Ausdruck männlicher Jugend je wieder zu finden als im Haupt des vatikanischen Apoll, des borghesischen Genius und des mediceischen Bakchos, aber hier ist fast noch Höheres.»

Man wußte allgemein von den Erschütterungen zu erzählen, die den großen Deutschen vor einem Kunstwerk, insonderheit vor einem griechischen, überkommen konnten, und wünschte sich Glück, heut Zeuge von diesem Zustand geworden zu sein. Man hatte den weiteren Vorteil davon, einem Durchbruch des Genius in dem Allbestaunten zu erleben, wie es nur gelegentlich ganz intimen Freunden beschieden war.

Natürlich war ihm der Schatz seiner Gedanken und seines Wissens und vor allem auch seiner Gefühle, in Büchern Niedergelegtes und auch darüber hinaus in seinem Geiste Vorhandenes, so durchaus gegenwärtig. Das Essentielle seiner Betrachtung des hohen Altertums, ja sein ganzes, die Antike betreffendes Lehrgebäude tauchte auf. Er sprach vom Schönen, von dem eigentlich nur die alten Griechen gewußt hätten. Er führte den platonischen Begriff des Schönen auf die Kunst der Griechen zurück, die man studieren und nachahmen müsse, um ihn zu verwirklichen. Der Genius allerdings müsse einem das Auge für das Altertum geöffnet haben, man müsse Liebe, Leidenschaft, ja einen Durst danach empfinden. «Wenn ich ein solches Werk wie diesen Faun zu betrachten und zu erleben gewürdigt bin, fühle ich in mir göttliche Pulse, eine glückhaft überschwengliche Heiligung, nicht zu vergessen Beruhigung. Jawohl, es lebt hier der Stein im Geist und der Geist im Stein. Man muß den bloßen Stein und den bloßen Geist voneinander sondern können, aber doch wiederum beides in einem bestaunen.»

Es wurde von Laokoon gesprochen, den Niobiden, dem olympischen Zeus, von Pheidias, Skopas und Praxiteles, vom schönen Geblüt der Inselgriechen, vom göttlichen Sieger Diagoras, von idealischen Schönheiten, von schöner Natur, von Einfalt und stiller Größe, und so fort und so fort.

Als Winckelmann, der sich ausschließlich der italienischen Sprache bedient hatte, immer noch in den Anblick des nasenlosen Fauns vertieft, eine Zeitlang schwieg, trat sein Freund und Beichtvater Vasquez leise hinter ihn und legte ihm die Hand auf die Schulter: «Viel vortrefflicher», sagte er, «ist nach dem Zeugnis der Alten ein göttlicher Wahnsinn als eine bloß menschliche Verständigkeit. Nur eine heilige und geschonte Seele wird von ihm ergriffen, befeuert und aufgeregt. Das Gefieder deiner Seele, Giovanni, ist wieder gewachsen, da du vor unseren Augen ein Bad im Schönen, Weisen und Guten genommen hast. Wir Menschen bedürfen erst recht der Fittiche, da sie ja selbst den Göttern unumgänglich sind. Mein Bester, wir sind Zeugen gewesen, wie du dich beim Anblick einer irdischen Schönheit in jene wahre, über den Himmeln wahrhaft seiende aufgeschwungen hast. Du hast uns deine Begeisterung, deine Erhebung mitgeteilt, du, der den Musen und der Liebe dient wie augenblicklich kein anderer.»

Winckelmann brach in ein Lachen aus. Er war nur langsam zu sich gekommen.

«Du hast deinen ‹Phaidros› gut im Kopf, ehrwürdiger Vater. Aber auch ich kann ganze Partien davon Wort für Wort auswendig. Oh, in wie mancher kalten Winternacht des Nordens habe ich sie mir eingeprägt:

‹Das Gesicht ist der schärfste aller körperlichen Sinne›, heißt es da. Aber es gibt auch ein rein geistiges Auge, womit wir uns unseres Ursprungs im Reiche reiner Ideen zu erinnern vermögen. ‹Wer aber noch frische Weihung an sich hat und das Damalige vielfältig geschaut, wenn der ein gottähnliches Angesicht erblickt oder eine Gestalt des Körpers, welche die Schönheit vollkommen darstellen: so schaudert er zuerst, und es wandelt ihn etwas an von den damaligen Ängsten (gleichsam vor der Ausstoßung aus der Reinheit über den Himmeln!), hernach aber betet er sie anschauend an wie einen Gott, und fürchtete er nicht den Ruf eines übertriebenen Wahnsinnes, so opferte er auch, wie einem heiligen Bilde oder einem Gotte, dem Liebling.›»

Cavaceppi war glücklich über das gar nicht abzuschätzende Urteil des großen Experten, besonders in Sachen des griechischen Altertums. Er schüttelte ihm immer wieder die Hände. «Nein, Sor Giovanni, selbst wenn wir nach Deutschland gehen sollten, ich bringe Sie tot oder lebend zurück. Einen Menschen wie Sie kann Rom, kann Italien nicht entbehren.