Paul Russel:

Das unwirkliche Leben des Sergej Nabokow

Roman

[Buchvorstellung:
Buchhandlung Hundt Hammer Stein
Alte Schönhauser Straße 23-24
10119 Berlin
Dienstag, dem 21. März 2017, 20 Uhr]

Eine behütete Kindheit im zaristischen Russland, Flucht vor der Revolution, Ausschweifungen in der Pariser Boheme und Tod im KZ Neuengamme: In nur 45 Jahren (1900- 1945) durchlebt Sergej Nabokow bewegte Zeiten. In seiner aristokratischen Familie ist der unmännliche, stotternde Junge ein Außenseiter, nur ein «Schatten auf dem Hintergrund meiner reichsten Erinnerungen», wie sein berühmter Bruder Wladimir Nabokow ihn später beschreibt. Auf seiner Flucht verschlägt es ihn über Cambridge und Berlin nach Paris, wo er schnell Zugang zu den Kreisen um Cocteau, Diaghilew und Gertrude Stein erlangt. Als er schließlich an Opium zu sterben droht, bringt ihn ein Freund auf sein Schloss in Tirol, wo die Nationalsozialisten das Freundespaar 1941 verhaften. Nach kurzer Haft wegen «widernatürlicher Unzucht »

geht Nabokow nach Berlin, wo er als Übersetzer im Propagandaministerium arbeitet. Wegen politischer Äußerungen wird er 1943 ins KZ Neuengamme verbracht, wo er unmittelbar vor Kriegsende entkräftet stirbt. Wo Sergej Nabokow selbst nur undeutliche Spuren hinterlassen hat, bedient sich Paul Russell zeitgenössischer Quellen, darunter die Romane und Memoiren des berühmten Bruders Wladimir, und seiner Fantasie. So hat er ein ungemein lebendiges Bild dieser Epoche und ihrer Menschen geschaffen, vor allem aber einen packenden und geistreichen Roman.

320 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 24,00 EUR (D) lieferbar ab Januar 2017

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Über den Autor

Paul Russell (Jg. 1956) wuchs in Memphis, Tennessee auf. Er promovierte in englischer Literaturwissenschaft und unterrichtet seitdem als Professor am Vassar College in Poughkeepsie, NY. Seit 1987 hat Russell sieben Romane veröffentlicht, von denen zwei mit dem Ferro-Gromley Award for Fiction ausgezeichnet wurden. «Das unwirkliche Leben des Sergej Nabokow» ist seine erste Veröffentlichung in deutscher Sprache.
(Foto: Eric Brown)

Leseprobe

«Ich bin heillos in Olegs Seele verliebt.» Vater las laut mit höhnischer Stimme vor: «Wie ich ihre harmonischen Proportionen liebe, ihre Freude am Leben. Mein Blut pulsiert, ich schmelze dahin wie ein Schulmädchen, und er weiß das, ich bin ihm widerlich geworden, und er tut nichts, um seinen Ekel zu verbergen. Oh, das ist genauso vergeblich, wie sich in den Mond zu verlieben!»
Vater legte das Tagebuch weg. «Bemerkenswert alberner Kram, meinst du nicht auch?», sagte er.
Mein Bruder hatte die heimlich verfassten Seiten gefunden – ganz zufällig. Nachdem er meine leidenschaftlichen Worte gelesen hatte, zeigte er das Tagebuch unserem Hauslehrer, der es sofort an Vater übergab.
«Ich denke nicht, das es sonderlich gut geschrieben ist», gab ich zu.
«Stil ist hier wohl kaum das Problem, Serjoscha. Es gibt so beklagenswerte Gefühle, dass kein schönes Wort sie tilgen kann. Du glaubst also, in diesen Oleg verliebt zu sein?»
«Ich schreibe einen Roman im Stil von Andrei Bely. Dies sind einige Notizen dazu.»
Vater schlug mit der Faust auf die aufgeschlagenen Seiten. «Halt mich nicht zum Narren, Serjoscha!»
«Ich kann ein sehr überzeugender Lügner sein», sagte ich.
Vaters verächtlicher Blick durchbohrte mich.
«Nun gut. Diese Worte waren nur für mich gedacht. Aber selbst wenn ich sie niemals niedergeschrieben hätte, wären die Gefühle die gleichen.»
Vaters Blick wurde weicher. «In der Blutlinie deiner Mutter und meiner eigenen», sagte er, und nun wurde sein Ton melancholisch, «weiß ich schon lange um eine Neigung zu diesem Defekt. Ich hatte gehofft, mein Nachwuchs könnte ihm entkommen, aber das ist wohl nicht der Fall.»
«Ich weiß nicht, auf welchen Defekt, du dich beziehst», sagte ich stur. Dass meine tiefsten Gefühle ein Defekt sein könnten, war mir nie in den Sinn gekommen.
Vater räusperte sich, zögerte und sagte dann mit gepeinigter Stimme: «Ich spreche von deinem Onkel Ruka.»
«Aber was ist denn mit Onkel Ruka nicht in Ordnung?», protestierte ich.
«Serjoscha, dein Onkel Ruka mag charmant sein und auf seine Art charismatisch, aber es tut mir leid, au fond ist er eine einsame und bedauernswerte Seele. Ich fürchte, seine lächerliche Konversion zum Katholizismus war nichts anderes als sein neuester Versuch, Buße für die verderbten Fleischesfreuden zu tun, denen er sich gelegentlich hingibt. Ich wünsche niemandem ein so qualvolles Leben, wie dein Onkel es führt. Oder, was das anbetrifft, mein Bruder Konstantin. Seelen zu einem solchen Leben verdammt zu sehen, reicht fast aus, an der Existenz Gottes zu zweifeln. Diese Tendenz bei meinem eigenen Sohn ungehindert durchgehen zu lassen, wäre so kriminell fahrlässig wie die lebensbedrohlichen Symptome von Typhus oder Tuberkulose zu ignorieren. Wie drückt Puschkin es so bitter aus: ‹Mit der Liebe zu spielen ist die Art des Satans.› Unter keinen Umständen solltest du diesen üblen Scherz akzeptieren. Der menschliche Wille ist in der Lage, jede Schmach zu überwinden. Deshalb werden wir die Dienste meines treuen Freundes Dr. Bechetew in Anspruch nehmen, der nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen eine Heilung versuchen, nein, bewirken wird. Als Ehrenmann und geliebter Sohn bitte ich dich, seine Hilfe anzunehmen. Wenn nicht meinetwegen, dann deiner Mutter zuliebe. In der Zwischenzeit würde ich es vorziehen, diese Seiten hier unter Verschluss zu halten. Ich hoffe, dass du in der Zukunft keinen Anlass haben wirst, deinen Fehler zu wiederholen. Hast du noch Fragen?»
«Nein», sagte ich.
Ein letztes Mal blätterte er in den Seiten, bevor er das geschändete Tagebuch in die Schreibtischschublade legte, in der er auch eine geladene Browning aufbewahrte, wie mir mein neugieriger Bruder Wolodja erzählt hatte. Begriff er, dass er wie ein Mann handelte, der beim Aufwachen sein Bett in Flammen vorfindet und als Erstes die schuldige Zigarette aus dem Fenster wirft? Im Nachhinein glaube ich, dass wir beide sehr genau um die Vergeblichkeit seiner Geste wussten.