Gastspiel von Joachim Bartholomae

"Zu viele Literaturvermittler fühlen sich nicht zuständig"

Börsenblatt 131 vom 5. August 2021

»Queer« gehört im Literaturbetrieb heutzutage zwar zum guten Ton. Aber ein großes Ziel ist bisher nicht erreicht, meint Joachim Bartholomae: über queeres Leben und nicht nur über queeres Leiden zu schreiben.

Zur letzten Jahrtausendwende fiel meinem Kollegen Detlef Grumbach und mir, damals Verleger des Männerschwarm Verlags, auf, dass es sich lohnte über die Zusammensetzung des fiktiven Personals der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur nachzudenken. Denn eins war offensichtlich: Wenn in einer fernen Zukunft die kleinen grünen Männchen vom Mars die Erde besuchten und sich anhand der Bibliotheken ein Bild der Lebensweise auf dem blauen Planeten machen wollten, würden sie zu dem Eindruck gelangen, dass weltweit eitel Heterosexualität geherrscht habe. Anders

gesagt: Die Literatur wurde ihrer Aufgabe bei Weitem nicht gerecht, die gesellschaftlichen Themen ihrer Zeit aufzugreifen.

Und da wir Verleger waren, lag nichts näher als: „Dazu machen wir ein Buch!“ Wir wandten uns mit der Aufforderung an deutsche, heterosexuelle Autoren und Autorinnen, uns eine Geschichte zu schreiben, in der sie schöne oder schlimme Begegnungen mit ihren schwulen Nachbarn erzählten – und „Schwule Nachbarn“ heißt der Sammelband, der dabei herauskam: ein spektakuläres Kompendium der deutschen Gegenwartsliteratur mit Autorinnen und Autoren wie Matthias Altenburg über Bodo Kirchhoff und Peter Stamm bis Uwe Timm, Christine Wunnicke und Feridun Zaimoglu. Regula Venske hatte die prima Idee, all ihre queeren Figuren zu einem Kaffeekränzchen einzuladen, und war am Ende selbst überrascht, wer alles vor der Tür stand: „Was, die auch?!“

Aber auch wenn 2006, als das Buch entstand, der Druck einer sogenannten Gendergerechtigkeit nicht annähernd so groß war wie heutzutage, war kaum einer oder eine der Autor*innen so frei wie die amerikanische Autorin Sarah Schulman, die ihren heterosexuellen Figuren erlaubte, sich lauthals über das aufdringliche Treiben von Queers zu beklagen („People in Trouble“ war ein Meilenstein queerer Literatur). Mit wenigen Ausnahmen blieb man eher nett und verständnisvoll, aber für einen ersten Versuch waren wir mit dem Ergebnis unserer Bemühungen sehr zufrieden. Der Antwortbrief eine Autors, der hier nicht namentlich genannt sein soll, ging in die Verlagsgeschichte ein: „Ich fühle mich nicht zuständig.“ Da haben wir sehr gelacht.

Was uns mit den „Schwulen Nachbarn“ nicht gelang, ist heute keine große Sache mehr: Selbst das Börsenblatt erklärt „LGBTQ“ zum Thema der Woche und berichtet über eine bunte Szene von Verlagen und Buchläden, und auch bei den Großverlagen gehört es längst zum guten Ton, von Zeit zu Zeit einen queeren amerikanischen Bestseller einzukaufen. Jedoch ein Ziel, das Ende der 1980er in greifbare Nähe gerückt zu sein schien, ist noch immer so unerreichbar wie damals: jenseits von tränentriefenden Leidensgeschichten und plakativen Rechtfertigungen über queeres Leben und nicht nur queeres Leiden zu schreiben. Denn bei aller notwendigen Emanzipationsarbeit und dem Einfordern einer angemessenen Repräsentanz aller Menschen auch in der Literatur geht es nun einmal nicht darum, wie viele LGBTIQ*-Autor*innen, Verlage und Buchläden es gibt, sondern darum, was eine Literatur von queeren Autoren zu sagen hat.

Männerschwarm, Albino und jetzt die Salzgeber Buchverlage haben in gut 30 Jahren vielen Stimmen Gehör verschafft, und ein paar andere Verlage haben es uns nachgetan; Gehör gefunden haben leider viel zu wenige davon, denn viel zu viele Literaturvermittler im Buchhandel und in der Presse fühlen sich „nicht zuständig“. Wir haben deshalb mit unseren bescheidenen Mitteln Abhilfe geschaffen und machen mit www.sissymag.de ein Onlinemagazin für „nicht-heterosexuelle Literatur und Film“, in dem namhafte Rezensenten diese Kommunikationslücke füllen. Wir verstehen unsere Sissy als Beitrag dazu, dass queere und heterosexuelle Nachbarn ins Gespräch kommen; warum ist dort nachzulesen.

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