Zum Tod von Fredric Kroll
Fredric Kroll war seinem Selbstverständnis nach in erster Linie Komponist. Aus Interesse an Pjotr Tschaikowsky hat der 1945 in New York Geborene als Fünfzehnjähriger Klaus Manns Roman „Symphonie Pathetique“ gelesen. 1973 hat er dann – aus Angst davor, für den Vietnam-Krieg eingezogen zu werden, kommt er 1969 nach Deutschland – über Klaus Mann promoviert. Aus dieser Arbeit entstand das Projekt der von ihm herausgegebenen und zum größten Teil auch selbst verfassten, über 3.000 Seiten umfassende „Klaus-Mann-Schriftenreihe“: einer beispiellosen Pionierarbeit zur Erforschung von Leben und Werk eines Einzelnen, der sich in die europäische Geschichte involvieren ließ, über die politische Geschichte, Geistesgeschichte, Literatur und den Lebensweg des antifaschistischen Schriftstellers und Aktivisten. Und warum das Ganze? Mitten in der Arbeit am letzten Band der Reihe, dem lange liegengebliebenen Teilband 4.1., schreibt Kroll an einen Freund: „Die ganze Beschäftigung mit Klaus Mann ist eigentlich eine heimliche Hommage an Tschaikowsky – ich glaube nicht, dass Klaus Mann etwas dagegen gehabt hätte.“

Als der Buchladen Männerschwarm und die Internationalen Buchhandlung, in der ich damals gearbeitet habe,1984 Uwe Naumanns rororo-Monographie über Klaus Mann vorstellen wollten, sagte Uwe Naumann: Dazu müsst ihr eigentlich Fredric Kroll einladen. Auch das war eine kleine Hommage – an den Nestor, an dessen Arbeit unweigerlich Jede:r anknüpft, die oder der sich etwas genauer mit Klaus Mann beschäftigt. So habe ich Fred kennengelernt. Erst einmal fand ich es ziemlich verrückt, wie nahezu besessen Fred sich mit dem Leben eines einzelnen Menschen beschäftigte, auch noch der kleinsten Spur nachging und sich derart in Details verlor. Aber da stocke ich schon. Fred hat sich nicht verloren. Er hatte immer den Überblick, wusste immer, was ihm wichtig war, ging zielstrebig und mit größter Genauigkeit und auch fordernd jeder greifbaren Spur nach und wusste auch, warum er das tat. Da ging es schon lange nicht mehr um Tschaikowsky. Da ging es um die Tragik eines Lebenswegs, der ins Exil geführt hat und nach aufreibenden Kämpfen gegen Krieg und Menschenverachtung in absoluter Verzweiflung endete. „Es war der Höhepunkt des Vietnamkriegs“, erinnert Fred in einem Interview an die Zeit, als er nach Europa kam und im Haus Thomas Manns in den Nachlass von Klaus eintauchte, „und Klaus Manns radikale Enttäuschung über Amerika war genau meine eigene.“ Klaus Mann war auf der Flucht vor den Nazis ins Land der Freiheit gekommen, hatte in der US-Army gegen Hitler-Deutschland gedient und musste nun erleben, wie die USA sich auf eine neue Auseinandersetzung mit der Sowjetunion vorbereiteten. Die Vorfahren Fredric Krolls kamen auf der Flucht vor den antisemitischen Pogromen in Belarus in die USA. Und jetzt der Krieg in Vietnam und seine Angst, dort auch noch mitkämpfen zu müssen
Unsere erste Begegnung 1984 wurde in einer Fußnote festgehalten: auf Seite 690 des sechsten Bands der Schriftenreihe. Ein alter Kommunist hatte sich in der Veranstaltung zu Wort gemeldet und erzählt, wie er als Soldat in Zweiten Weltkrieg in Italien von Klaus Mann verhört worden war. Fred kannte die Details zu Klaus Manns Arbeit in der US-Army, aber auch die kleinste Nuance, die hier zusätzlich auftauchte, nahm er wissbegierig auf. Es gab nichts Unwichtiges im Zusammenhang mit Klaus Mann. Das konnte in Gesprächen und in der späteren Zusammenarbeit manchmal anstrengend werden, wenn er kein Ende fand und immer noch eine Idee für eine Publikation von Klaus-Mann-Texten hatte. Fred forderte, er konnte einen aber auch für diese Anstrengung gewinnen. Und man musste ihn mögen, auch wenn man ihm dann mal nicht mehr folgen konnte.
Die Arbeit an der Klaus-Mann-Schriftenreihe kam ins Stocken, lag lange brach und einige Bände waren schon vergriffen, als in der Gesamtdarstellung immer noch der Teilband 4.2 über die Jahre 1935 bis 1937 fehlte. „Bauchschmerzen mit Klaus Mann“ ist ein Memo aus dem Jahr 2002 überschrieben, in dem ich für den Männerschwarm Verlag mögliche Wenn und Abers, Chancen und Probleme des Projekts zusammengefasst habe. Es würde eine Mammutaufgabe werden, bis zu Klaus Manns 100sten Geburtstag alle Bände fertig und lieferbar zu haben. Fred hatte der zu der Zeit ganz andere Pläne. Aber er hat sich der Aufgabe gestellt. Vier Jahre haben wir daran zusammengearbeitet und uns näher kennengelernt. Wir sind Freunde geworden. Seinen 70sten Geburtstag haben wir 2015 im jüdischen Salon in Hamburg gefeiert: im Gespräch mit dem Klaus-Mann-Forscher, mit Liedern und zwei Opernvorspielen des Komponisten, mit Texten von Klaus Mann. Danach sind wir uns nur noch selten begegnet, zuletzt in Freiburg, als er zusammen mit Susanne Fritz an einer Publikation über Klaus Manns „Der Kaplan“ gearbeitet hat. Danach haben wir nur noch gelegentlich gemailt.
Jetzt ist Fredric Kroll kurz nach seinem 81. Geburtstag in Freiburg verstorben.
Wir haben einen Freund verloren.
Detlef Grumbach
Fredric Kroll bei Männerschwarm:
https://www.maennerschwarm.de/autor/fredric-kroll/
Eine Hommage zu Fredric Krolls 70sten Geburtstag:
https://www.maennerschwarm.de/buch/treffpunkt-im-unendlichen/